Im Rahmen des Operettensymposiums kam es am vergangenen Samstag zu fruchtbaren Diskussionen an der Komischen Oper Berlin. Insbesondere ein Doppelvortrag von Iris Dankemeyer (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg) und Rainer Simon (Referent des Intendanten der Komischen Oper Berlin) mit dem Titel »So müssten Operetten sein – Adorno über Revue und Bordell« inspirierte das Publikum zu heftigen Meinungsäußerungen. Geschuldet ist dies sicherlich auch der Überspitzung, die Theodor W. Adornos Schriften oft zu Grunde liegt. Ebenfalls diskutabel schien vielen der intensive Auftritt von Katharine Mehrling (u.a. Ball im Savoy und Arizona Lady an der KOB), in dem sie lasziv Texte und Begrifflichkeiten des Philosophen in Wort, Geste und Gesang performte. Dr. Kevin Clarke, Leiter des Operetta Research Center, hat für diesen Blog einen vehementen Beitrag über den Umgang mit Adorno und die Geistige Verstümmelung und das Minderwertigkeitsgefühl deutscher Intellektueller verfasst, den Sie HIER lesen können. Die Schriftstellerin Dr. Gisela von Wysocki, die auch Gast des Symposiums war und übrigens bei Adorno in Frankfurt am Main studierte, hat darauf – ebenso vehement – geantwortet.

Wir freuen uns über die Diskussion!

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Der Photograph von Monte Carlo

Von Dr. Gisela von Wysocki, Schriftstellerin, Literaturkritikerin

Wie kann man als Liebhaber der Operette ein so belämmertes, so durch und durch humorfreies Wesen an den Tag legen! Der Zorn Kevin Clarkes über die Entscheidung der FU, sich der Magisterarbeit über einen Stephen Sondheim zu widersetzen, ist verständlich. Man würde dem Autor, Direktor eines Operette Research Center wünschen, er könnte ebenso souverän wie Kosky seiner Begabung und Leidenschaft für die Operette nachgehen, keinen Gedanken an U und E verschwenden und es dann vielleicht sogar schaffen, die Dramatik des gekränkten Betroffenen hinter sich zu lassen: Mehr Richard Taubers »Komm, Zigan«, und »Da geh’ ich ins Maxim«!!!

Warum muß es unbedingt Adorno sein, der Herrn Clarke wie einem guten Sohn bei der Ausübung seines Berufes lobend übers Haar streift? Das tut er nun mal nicht, so what? Dafür muß er dann ganz schön büßen und eine Kaskade von Mutationen durchlaufen. Als Stalinist (die »Adorno-Gehirnwäsche«). Als versiffter Spießer (der »Adenauer-Ära-Philosoph«). Als Einpeitscher (der »grimmige Übervater« »geballter Feuilleton-Kampagnen«). Und als Jesus Christus (»Adorno-Jünger« als Saboteure der Komischen Oper).

Ich bin in diesem Punkt so etepetete zitatfreudig, weil es einfach interessant ist, zu erleben, wie ein zugegeben nicht gerade operettenseliger Philosoph vor den Augen von Herrn Clarke als furchterregender Zombie die Bühne betritt. Zombie und Watschenmann, der ein ganzes Land bis heute mit knöcherner Hand seiner geistigen Knechtschaft unterwirft.

Es gibt sicherlich Formen der Verweigerung in Adornos Schriften, die uns in ihrer Zuspitzung heute befremden. Er hat sich noch während der Zeit der Emigration die Frage gestellt, warum die große Geschichte der europäischen Aufklärung ein Hitlerdeutschland nicht aufhalten konnte. Nicht nur die Kulturindustrie stand dabei auf dem Prüfstand, sondern, das sollte man wissen, Hegel genauso wie Schönberg oder Odysseus!

Eine Hymne auf die Operette sollte man von Th.W. Adorno nicht erwarten. Wie ein Essay darüber von ihm vielleicht ausgesehen hätte, kann man dennoch vermuten. In diesem Zusammenhang ist der Text über Franz Schubert (1923) aufschlussreich, der das »Potpourri« ins Zentrum stellt. Eine Fundgrube ist die Arbeit über Franz Schreker (1959), dessen Musik in ihrem »unbändigen Glücksverlangen«, so heißt es, die »große« Kunstmusik aus dem Felde schlägt. Das Ganze endet mit dem Satz, »Der Beruf von Schrekers Vater wäre der wahre Titel der Oper, die er nie hat schreiben können: Der Photograph von Monte Carlo«. Das hätte auch der Titel einer Operette sein können.

Leider gönnt die schlichte, geradlinige Wut-Rhetorik des Artikels den Wortbeiträgen des Symposions keinen Blick. Zum Beispiel den klugen Ausführungen von Iris Dankemeyer, die, im Dialog mit Rainer Simon, Konturen der Operette erörterte, »wie sie sein könnte«, ausgehend von Texten Adornos. Oder die auch performativ glänzende Darbietung von Ethel Matala de Mazza über die »Kunstfigur« der extravaganten Frau und den hervorragend recherchierten Vortrag von Stefan Frey über die gesanglichen Expeditionen von Richard Tauber und Käthe Dorsch ins Reich der Operette.

Solche Themen sind es, die das Fluidum dieses Genres treffen. In der Komischen Oper wird ihm eine Bühne gegeben. So erledigt sich die »Furcht« (!) von Herrn Clarke vor den »Adorno-Jüngern« bestimmt ganz von selbst.

Geschrieben von Komische Oper

1 Kommentar

Kevin Clarke

Sehr geehrte Frau von Wysocki. Keine Sorge, ich habe mir den Operettenspaß von Adorno nicht verderben lassen und damals bei einem anderen Professor meine Sondheim-Arbeit geschrieben. So schnell sollte niemand aufgeben, wenn er mit Adorno konfrontiert wird. Sie haben auch vollkommen Recht, dass man von Adorno (a) keinen glühend-begeisterten Operettenessay erwarten sollte und (b) unabhängig von allem, was er zu sagen hat, Operette genießen sollte, wenn man das möchte. Aber: Allein die Tatsache, dass bei diesem Symposium dem Thema Adorno so viel Raum gegeben wurde, zeigt wie wichtig er für die Diskussion im dt. Kulturbetrieb nach wie vor ist. Und wie viele Menschen in Medien, Wissenschaft und Politik eben nicht achselzuckend an seinen Urteilen vorbeigehen und sie als Einzelmeinung sehen, sondern sie als Basis für ihre eigenen Urteile nehmen – was wiederum erhebliche Auswirkungen auf die Gegenwart hat.
In der Tat, es gibt bei Operette mehr zu diskutieren als Adorno; und beim Symposium wurde über mehr diskutiert, wie Sie richtig anmerken. Meine eigenen diversen Blog-Artikel hier haben jeweils nur einen oder zwei Punkte aufgegriffen, wie Schlaglichter. Stefan Freys Äußerungen über Claire Dux, Tauber usw. war faszinierend; ebenso spätere Vorträge zu Offenbach und Afro-Amerikanerinnen bzw. der Schönen Helena als Vorläuferin einer „Schwarzen Venus“. Dazu an anderer Stelle mehr. Glücklicherweise ist Operette ein Genre, über das man auf sehr vielen Ebenen diskutieren kann; nicht nur auf der Adorno-Ebene. Und glücklicherweise sollen alle Vorträge, von Frey bis Matala und Dankemeyer, als Buch erscheinen. Dann kann jeder alles im Detail nochmals nachlesen. Und vielleicht wird Katharine Mehrlings „Theodor Blues“ als CD/DVD beigelegt, oder als YouTube-Link.
Die besten Grüße, Kevin Clarke

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