Il barbiere di Seviglia, Bild: Monika Rittershaus

Il barbiere di Siviglia, Bild: Monika Rittershaus

Ein alter Mann mit der fixen Idee, sein Mündel zu heiraten, eine junge Frau, die sich nur aufgrund eines Ständchens in einen ihr ansonsten völlig unbekannten Mann verliebt, und ein Graf, der alles daran setzt, als solcher nicht erkannt zu werden – das ist das Zeug, aus dem im späten 18. Jahrhundert nicht nur in Frankreich Erfolgskomödien gestrickt wurden. Rosina, Almaviva, Figaro, Bartolo und Co. scheinen direkt der neapolitanischen Commedia dell’arte entsprungen. Doch wie bei allen Stereotypen lohnt es sich, dem wahrhaften Kern dieser Figuren auf den Grund zu gehen. Bei näherer Betrachtung kommen in Zeiten von Facebook, Twitter, Instagram und Tinder hinter der 200 Jahre alten Komödienfassade ungeahnt heutige Verhaltensmuster zum Vorschein. Das Verstecken hinter selbstgebastelten Identitäten ist ebenso zeitgemäß wie die Kommunikation über Botschaften, deren Code nur der oder die Eingeweihte einwandfrei entschlüsseln kann – insbesondere aber Menschen fortgeschrittenen Alters oft ein Buch mit sieben Siegeln bleibt. Angesichts der Überforderung mit der virtuellen Welt treten Letztere nicht selten den Rückzug in eine »echte« Welt an, eine Welt zum Anfassen.

Ich ist ein anderer – Rosina ♥ Lindoro?

Das Schwanken zwischen neuen Methoden der Selbstermächtigung und althergebrachten Weltbildern prägte auch andere Epochen des sozialen Umbruchs, nicht zuletzt die Zeit kurz vor der Französischen Revolution, in der die Vorlage von Rossinis Il barbiere di Siviglia entstand. Nicht nur bei Beaumarchais’ Dramenfiguren – allen voran Graf Almaviva und Rosina – spielen Verstellung und strategische Selbstdarstellung eine ausschlaggebende Rolle. Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais’ Name lässt auf eine noble Herkunft schließen. In Wahrheit aber war der Dichter Sohn eines Uhrmachers. Das »de Beaumarchais« war eine selbstgewählte Ergänzung seines Namens, von der er sich größere Bewegungsfreiheit in royalen Kreisen erhoffte. Sein berühmter Zeitgenosse Pierre Carlet hatte sich das »de Marivaux« ebenfalls ohne Adelsschlag zugelegt. Während die einen noch versuchten, sich vom Bürger zum Edelmann zu stilisieren, forderten Enzyklopädisten wie Jean-Jacques Rousseau und Denis Diderot maximale Unverstelltheit: »Ich will unsern Franzosen unablässig zurufen: Die Wahrheit! Die Natur!« Natur und Künstlichkeit sind die zentralen ästhetischen, aber auch moralischen Themen des ausgehenden 18. Jahrhunderts.
Aus dem Schlagwort »Natürlichkeit« wird im 21. Jahrhundert der Schrei nach Authentizität – inklusive ihrer großen Ambivalenz, denn diese vermeintliche »Wahrhaftigkeit« wird nicht zuletzt im sorgfältig aufgemachten Blog, der eigenen Facebook-Seite oder im selbstgeschossenen YouTube-Video zelebriert. Was dem 18. Jahrhundert die perfekt geschminkten Apfelbäckchen und angehefteten Adelstitel, sind dem 21. Jahrhundert der perfekt gestylte Selfie-Schnappschuss und der genau kalkulierte spontane Post.

Il barbiere di Seviglia (Vorabmotiv), »f is for Figaro« Bild: Jan Windszus Photography

Il barbiere di Seviglia (Vorabmotiv), »f is for Figaro« Bild: Jan Windszus Photography

Lass uns reden!

Sherry Turkle, Professorin für Sozialpsychologie am Massachusetts Institut of Technology (MIT) befasst sich seit 30 Jahren mit den Auswirkungen neuer Medien auf menschliches Verhalten und Gesellschaft. Als ursprüngliche Befürworterin der Entwicklungen steht sie der Allgegenwart sozialer Medien inzwischen eher skeptisch gegenüber. In Feldstudien konnte sie nachweisen: Die Vernarrtheit in die »Welt auf der Mattscheibe« führt zu ständig geteilter Aufmerksamkeit, zur Zerstreuung zwischen analoger und digitaler Wirklichkeit. Daraus folgt unfokussiertes Verhalten z. B. im Miteinander von Eltern und Kindern, was nicht zuletzt negative Auswirkungen auf die Empathiefähigkeit des Nachwuches hat. »Stop googling. Let’s talk«, zitiert Turkle ein von seinem Vater genervtes Schulkind. Dazu kommt ein wachsendes Bedürfnis nach ständiger Stimulation. »Wir erwarten immer mehr von der Technik und immer weniger von uns selbst«, so eine ihrer Erkenntnisse. Eine andere: Wir halten es nicht aus, allein zu sein, können aber gleichzeitig keine wirkliche Nähe ertragen. Der große Unterschied zwischen einer unmittelbaren Kommunikation »von Mensch zu Mensch« und der vermittelten über E-Mail, Twitter, Facebook und andere soziale Medien bestehe in der absoluten Kontrolle über den Dialog. Anders als im direkten Gespräch kann in einer E-Mail einfacher entschieden werden, ob und wann geantwortet wird. Wichtiger noch: Auf der Tastatur kann ein falscher Ausdruck rasch rückgängig gemacht werden, ein einmal ausgesprochenes Wort hingegen nicht.

Strg plus Z – einmal Leben und zurück

Soziale Medien formen nicht nur die moderne Kommunikation, sondern ermöglichen es auch, ein Selbstbild ganz gemäß der eigenen Vorstellung zu inszenieren. Es geht dabei nicht nur um das Aussehen, man möchte auch cooler, geschmackvoller, interessanter und interes sierter, sozial engagierter und empathischer wirken. Auf einer Profilseite ist das mit ein paar Mausklicks ganz einfach zu bewerkstelligen.
Das richtige Profilbild, ein intelligenter Post – schon ist man ein ganz neuer Mensch, und die Versuchung ist groß, das sogar selbst zu glauben. Die unmittelbare, also körperliche Begegnung mit dem real existierenden Gegenüber wird vor diesem Hintergrund eher problematisch. Die Gefahr der Langeweile und Enttäuschung ist groß, die Begegnung in der Realität schlicht anstrengender als in der minderkomplexen Wirklichkeit des World Wide Web. Einen Menschen, der einmal da ist, kann man nicht einfach wegklicken – genauso wenig  wie sich selbst.

Text: Johanna Wall (Dramaturgin, Komische Oper Berlin) … mehr zum Thema im Programmheft!

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Geschrieben von Komische Oper

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