Max Hopp »on the roof« ... Foto: Jan Windszus Photography

Max Hopp »on the roof« … Foto: Jan Windszus Photography

Ein Leben wie ein Fiedler auf einem Dach zu führen – das ist eine prekäre Angelegenheit. Was dabei hilft, die Balance zu halten – davon ist Tevje, der Milchmann überzeugt –, ist einzig und allein: Tradition! Tevje ist die wohl bekannteste Figur aus Anatevka. Wie er begegnen die einfachen jüdischen Bewohner dieses ukrainischen Schtetls Elend, Armut und Schikanen mit augenzwinkerndem Humor und unbändiger Lebenslust. Die Geschichten von Scholem Alejchem, einem der bedeutendsten jiddischsprachigen Schriftsteller, entstanden zwischen 1894 und 1916 und beschreiben voll Wärme und Humor, wie die vom Schicksal gebeutelte Gemeinde an ihrer Tradition festhält, bemüht um ein bisschen Stabilität.

Anatevka ist weiß Gott kein leichtes Feel-Good-Musical, eher eine humoreske Tragödie, aber untermalt von unbändiger Lebensfreude. Die deutsche Adaption des Broadway Hits Fiddler on the Roof, war 1971 Walter Felsensteins größter Erfolg und mit 500 Aufführungen das bis heute meistgespielte Werk an der Komischen Oper Berlin. Felsenstein lag so viel am Stück, dass er beim sowjetischen Botschafter um Erlaubnis vorsprach und sogar drohte, die Komische Oper zu verlassen, wenn das Werk mit dem durchaus kritischen Blick auf Russland, nicht in der DDR gespielt werden dürfe.

Heute ist es Barrie Kosky eine Herzensangelegenheit, dass Anatevka zum 70. Geburtstag der Komischen Oper Berlin wieder auf dem Spielplan steht. Und die Erfüllung eines persönlichen Traums, denn auch Koskys Familie ist einst von Osteuropa nach Australien ausgewandert. »Anatevka ist ein Theaterstück über den Verlust eines Zuhauses und die Suche nach einem (neuen) Platz in der Welt. Diese Frage beschäftigt uns heute und hat viele Generationen vor uns beschäftigt; sie ist ein Teil des Menschseins schlechthin. Daher kann sich jeder Zuschauer mit den Figuren in Anatevka identifizieren«, fasst der Intendant und Chefregisseur Aktualität und Relevanz des Stücks zusammen.

Mit viel Witz und etwas Melancholie diskutiert Milchmann Tevje im Zwiegespräch mit seinem Gott die großen Lebensfragen: Was denn so schlimm wäre an ein bisschen Wohlstand? Und ob man nicht auch mal zur Abwechslung ein anderes Volk auserwählen könne? Als Papa ist Tevje der Vorstand seiner Familie, doch steht er als dieser auch unter der Fuchtel seiner resoluten Frau Golde, und ist mit fünf sehr eigensinnigen Töchtern gesegnet. Gerne würde er diese unter möglichst gut situierte Hauben bringen – wenn ihm nicht seine Menschlichkeit und eine große Portion Vaterliebe ständig dazwischenkämen. Neben all den Alltagssorgen spürt das Dorf aber auch die große lauernde Gefahr: Revolution liegt in der Luft, jüdische Gemeinden werden von Pogromen heimgesucht. Und auch die Bewohner von Anatevka müssen schließlich ihre Heimat verlassen, verstreuen sich in alle Himmelsrichtungen – und Anatevka gibt es nicht mehr…

Eine tragische Geschichte, gemischt mit komischen Pointen, angereichert mit bisweilen melancholischer und immer mitreißender Musik von Jerry Bock, der traditionell jüdische Melodien mit sattem Broadwaysound mischt. Der Komponist zielt direkt ins Herz – und in die Beine! Mit Publikumsliebling Dagmar Manzel als zeternde Ehefrau Golde und Multitalent Max Hopp als „Wenn ich einmal reich wär’“-Tevje darf sich das Publikum auf schauspielerische Maßarbeit zwischen Witz und Tragik freuen. An Anatevka arbeitet das Inszenierungs-Dream-Team der Komischen Oper Berlin: Regisseur Barrie Kosky und Choreograf Otto Pichler und für mitreißende Orchesterklänge sorgt der Musical-Experte Koen Schoots. Wer zum Trinklied oder dem Hochzeitstanz die Füße still halten will, mag das versuchen – für alle anderen heißt es nach Jahrzehnten der Fiddler-Abstinenz: Auf das Leben! L’Chaim!

Das Vorabmotiv für»Märchen im Grand Hotel« zeigt Max Hopp. Foto: Jan Windszus Photography

Das Vorabmotiv für»Märchen im Grand Hotel« zeigt Max Hopp. Foto: Jan Windszus Photography

Tradition haben mittlerweile auch die alljährlichen konzertanten Weihnachts-Operetten an der Komischen Oper Berlin. In den letzten fünf Jahren entdeckte das Haus Raritäten und vergessene Schätze von Emmerich Kálmán wieder. Nun beginnt eine neue Reihe mit Werken von Paul Abraham, dem Komponisten des allseits beliebten Ball im Savoy. Als erstes ist die 1934 entstandene Lustspieloperette Märchen im Grand Hotel zu erleben.

Märchen im Grand Hotel soll der Name eines Hollywood Films lauten, für den Marylou, Tochter eines Filmproduzenten, eifrig an einem Drehbuch schreibt. Stoff für ihre Story recherchiert sie dafür im Grand Hotel in Cannes, in dem die spanische Infantin Isabella samt ihrem Verlobtem, Prinz Andreas, nach Abschaffung der Monarchie abgestiegen ist. Bedient werden die illustren Gäste vom tollpatschigen Kellner Albert, der in Wahrheit der Sohn des Hotelbesitzers ist und sich Hals über Kopf in die spanische Prinzessin verliebt hat – sehr unstandesgemäß. Eine verzwickte, überdrehte Verwechslungskomödie im typischen Operettenstil mit dem schmissigen Paul Abraham Mix aus schwelgendem Walzer, temperamentvollem Tango, swingendem Foxtrott und einer guten Portion ungarischer Paprika. Durchs Werk führt Max Hopp als Kellner Albert.

 

Geschrieben von Komische Oper

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