Stierkampf und Kastagnetten, Flamenco und Manzanilla: In seiner Oper Carmen lässt Georges Bizet kein Spanien-Klischee aus. Dabei hatte es den französischen Komponisten selber nie auf die iberische Halbinsel verschlagen. Ähnlich wie sich Karl May einst den amerikanischen »Wilden Westen« im sächsischen Radebeul erträumte, erfand Bizet für Carmen seine ganz eigene, exotistische Vorstellung eines ihm fremden Landes am südlichen Rande Europas, das wie kein anderes einen Schmelztiegel darstellte für die unterschiedlichsten kulturellen und religiösen Einflüsse. Mit Erfolg: Floppte Carmen zwar zu Lebzeiten Bizets, hat sich das Werk seitdem zu einer der meist gespielten und beliebtesten Opern aller Zeiten gemausert. Carmen ist dabei zum Inbegriff des Spanischen geworden. Doch längst hat sich der Stoff verselbständigt und wird bis heute und insbesondere vom Kino immer wieder aufgegriffen und in die unterschiedlichsten Milieus übersetzt: Otto Preminger etwa verlegte seine Adaption unter dem Titel Carmen Jones (1954) in die afro-amerikanische Welt der 1950er Jahre, die MTV-Produktion Carmen. A Hip Hopera mit Beyoncé Knowles spielt im Gangster-Milieu, die südafrikanische Version U-Carmen von 2005 in einem Township nahe Kapstadt und der 2001 gedrehte Streifen Carmen. My narcotic had a name, a voice and a hair smell auf der postsozialistischen Krim.

In seiner umjubelten Carmen-Inszenierung an der Komischen Oper Berlin räumt Sebastian Baumgarten mit jeglicher Kultur-Folklore auf. Der Berliner Regisseur ist Meister darin, Werke vom Staub ihrer Rezeption zu befreien und einen frischen Blick auf vermeintlich Altbekanntes zu ermöglichen. An der Komischen Oper Berlin ist er längst kein Unbekannter mehr: Hier inszenierte er bereits Mozarts Requiem sowie die Operette Im Weißen Rößl von Ralph Benatzky und Händels Oper Orest, für deren Interpretation er vom Magazin Opernwelt zum »Regisseur des Jahres« gekürt wurde.

Sebastian Baumgarten verortet Carmen in einem ungeschönten, zeitgenössischen Spanien, das bessere Tage gesehen hat. Das Eifersuchtsdrama rund um die verführerische Carmen, femme fatale par excellence, wird in seiner Deutung zu einem atemlosen Kriminalstück, bei dem die Indiziensuche in einer assoziativen, geheimnisvoll-rätselhaften Bilderwelt aufgeht – bis hin zum großen Showdown am Schluss. Im Mittelpunkt: die Liebe. Wie eine Motte umschwirrt der Unteroffizier José die hinreißende Carmen. Doch seine Leidenschaft ist ein Spiel mit dem Feuer, denn Carmen ist eine starke Frau mit eigenem Kopf, die in der Liebe flatterhaft ist. Als der Stierkämpfer Escamillo auf der Bildfläche erscheint und ebenfalls um Carmen buhlt, ist das Blutbad vorprogrammiert … Doch bevor ihr am Ende per Dolch der Garaus gemacht wird, singt Carmen noch schnell einige der betörensten Arien der Operngeschichte – und lässt dabei gehörig die Kastagnetten klappern, auch an der Komischen Oper Berlin!

Wiederaufnahme am 9. April 2014.

Geschrieben von Komische Oper

1 Kommentar

Eugen

Tolle Inszenierung! Und gut das dann doch Felsensteins Erbe auch bei Carmen gilt und in deutsch gesungen wird!

Antworten

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *