Opernrausch: Ein Feldforschungstagebuch zum Festival der Komischen Oper Berlin

Eintrag vom 12. 07. 2017 »Petruschka/ L’Enfant et les Sortilèges«

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Wie bereite ich mich vor:

Quickrecherche am Tag der Vorstellung selbst: Trailer gucken auf der Produktionsseite der Komischen Oper Berlin (WOW!), Schlagworte googeln, Kritiken anlesen. Was heißt eigentlich »Sortilège« … ah, Zauber … und wie ging noch mal die Geschichte von Petruschka, dem Clown?

Was ziehe ich an:

Ein schlichtes dunkelblaues Kleid, Trenchcoat, weiße Stoffturnschuhe. Klassisch mit Twist, sage ich selbstbewusst. Muss ja keiner wissen, dass mein einziges Paar Schuhe mit schickem, aber trotzdem bequemem Absatz sich scheinbar getrennt hat, jedenfalls war der linke Schuh partout nicht aufzufinden, als ich morgens die Wechselkleidung für den Abend zusammengepackt habe …

Wen nehme ich mit:

Die perfekte Opernbegleitung: Meine Freundin Ännie, die es nicht nur versteht, optimal zwischen Work und Life zu balancieren, sondern offen auf alles zugeht, wo gespielt, gesungen, getanzt oder etwas ausgestellt wird.

Da hat sich wohl der Ungehorsam des Kindes – L’Enfant – bereits im Vorfeld auf mich übertragen: Zwar treffe ich mich pünktlich zum Einführungsgespräch um 18:30 Uhr mit meiner Begleitung Ännie vor der Oper, aber, damit hätte man rechnen können, die Stuhlreihen sind bereits voll belegt, der Vortrag hat schon angefangen, als wir, nachdem wir unsere Garderobe abgegeben haben, die Treppe zum Foyer hochlaufen. Übrigens BEIDE in Turnschuhen, Ännie kommt wie ich direkt von der Arbeit. »Fühle mich underdressed«, raunt sie mir zu, aber ich winke ab: »Hier darfste sogar in Flossen …«, als sie schon wieder Kehrtwende macht, um uns noch zwei Gläser Rosé zu besorgen, die heute gratis zu bekommen sind, von ganz reizenden Servicekräften übrigens, auf der Treppe stehen sie, in weißen Blusen und schwarzen Hosen, festlich sieht das aus, ist ja auch Festival!

Der Abend, magisch

Der Abend, magisch

»Ich muss das unbedingt hören«, sage ich zu Ännie und mache eine Kopfbewegung in Richtung der Stuhlreihen, vor denen Chefdramaturg Ulrich Lenz seinen Einführungsvortrag hält. »Klar«, nickt sie, also stellen wir uns zu den anderen Nachzüglern, aber, ach, wie das so ist, wenn man sich lange nicht gesehen hat, da fragt man noch schnell flüsternd: »Wie geht’s dir denn?!« und dann kommt: »Nu ja, eigentlich super, aber…« und schon ist man »Echt, erzähl mal« wispernd mitten im Gespräch. Statt Opernfeldforschung zu betreiben, also Freundschaftspflege meinerseits, natürlich dann am anderen Ende des Raumes, wir wollen ja nicht stören. Und zack, vergeht die Zeit, nehmen wir auch schon unsere Plätze ein. 2. Rang,  3. Reihe, die Sicht ist gut, die Stimmung auch, um uns herum scheinen sich viele schon zu kennen, ein Mutter-Tochter-Gespann in All-over-Blumenprint-Kleidern winkt einem älteren Ehepaar zu, das sich den ganzen Abend lang ein Operglas hin- und herreichen wird, man spricht leise und lacht dezent, eine leichte Parfümwolke zieht an mir vorbei, im Orchestergraben stimmen die Musiker ihre Instrumente… Das entspricht alles schon fast zu sehr meiner Vorstellung von einem Opernbesuch, wäre das hier ein Film, ich würde motzen: »Klischee!« »Was hast du denn erwartet?«, fragt Ännie. »Nichts», lüge ich. »Wart’s mal ab«, sagt Ännie, sie hat nämlich schon die Zauberflöte in der Inszenierung von »1927« gesehen, der Truppe aus England, die auch für Petruschka/L’Enfant et les Sortilèges verantwortlich zeichnet. Und tatsächlich, meine Überraschung des Abends beginnt in dem Moment, wo die Musik einsetzt, auf der Bühne eine Leinwand heruntergefahren wird und es heißt: Animation ab!

Pinke Flowerpower Deko

Pinke Flowerpower Deko

Am heutigen Abend bekommen wir, der Titel der Veranstaltung sagt es bereits, zwei Stücke zu sehen, hintereinander. Ihre Plots sind schnell erzählt: Ist es in Strawinskys Ballettstück von 1947 Titelfigur Petruschka, der als menschlich gewordene Jahrmarktpuppe zusammen mit seinen Leidensgenossen, der Ballerina und dem Muskelmann, den Launen und grausamen Spielchen seines Meisters ausgesetzt ist, so erlebt in Ravels Oper L’Enfant es les Sortilèges (1925) das ungezogene, sich den Hausaufgaben verweigernde Enfant – Kind – seinen persönlichen Albtraum durch die Rachegelüste der plötzlich zum Leben erwachten, von ihm zuvor zerstörten Gegenstände und gequälten Tiere. Während das verrückte Treiben rund um das Kind herum aufhört, als es Besserung gelobt, kann Petruschka seinem Leid nur durch den Tod entkommen.

Was »1927« aus den Stücken macht, ist eine irre Fusion von animiertem Film und Darstellern, ein wahrlich berauschender Mensch-Medien-Mix, der ihren märchenhaften Charakter betont, gemeinsame Motive herausstellt, und sie doch ganz individuell behandelt – über ihre offensichtlichen formalen Unterschiede, Ballettstück ohne Gesang und Text, auf der einen, Oper auf der anderen Seite, hinaus. Toll anzusehen: In Petruschka lässt der animierte Meister von der Leinwand aus seine Puppen nicht tanzen, sondern turnen, und sie leben, aber tatsächlich, denn sie werden von zwei Akrobaten und einer Akrobatin dargestellt, die klettern, fallen, rennen, immer an der Leinwand entlang, mit der sie beinahe zu verschmelzen scheinen, aber nur beinahe, denn die Ebenen Bühne – Film behalten trotz des Zusammenspiels ihre Konturen.

Auch L’Enfant… überzeugt nach der Pause. Eine kurze technischen Panne am Anfang, locker-leicht aufgelöst von Chefdramaturg Ulrich Lenz: »Wir hoffen jetzt einfach auf unser Backup-System«, kann die Freude nicht trüben. Angerauscht verlassen wir die Oper, beglückt, entzückt, schwingen uns auf unsere Räder und strampeln durch die laue Berliner Nacht, bis mir einfällt: »Das Nachgespräch, der Blog, meine Feldforschungsverpflichtungen!« Ich fürchte Alpträume ob meines Ungehorsams, aber Ännie lacht, »bleib mal locker, Nora«, sagt sie. Und so geschieht es.

Mehr zur Produktion, inklusive Trailer: http://bit.ly/2uR2PZ2

Geschrieben von Komische Oper

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