Die Liebe an den Tod: »Warum lieben mich alle Menschen und dich hassen sie?«
Der Tod an die Liebe: »Du bist eine Lüge und ich bin die Wahrheit.« (Volksweisheit)

Das ungleiche Paar Eros/Thanatos spannt persönlich seine Flügel über die groteske Handlung zwischen mörderisch-komischem Gruselmärchen und blumenduftiger Liebesromanze. Doch Offenbachs opéra bouffe stellt seit 1866 das Spiel selbst aus: auf der Bühne in der Handlungsebene ebenso wie jenseits der Bedeutungsbretter auf dem glatten gesellschaftlichen Parkett der Publikumswirklichkeit.

Aus dem morschen Thespiskarren entspinnt sich ein Spiel zwischen Liebe und Tod, zwischen Bewegung und Stillstand, zwischen Kunsttraum und Realitätswachen, zwischen männlichem Wahn und weiblicher Lust … Frauenprobleme überall – aufgrund der allumfassenden Blödheit seines Sohnes ist König  Bobèche zwecks Thronfolgesicherung auf der verzweifelten Suche nach seiner dereinst ausgesetzten Königstochter. Die scheinbar blütenreine Fleurette wird als hinreichend tochternhaft erkannt, kurzerhand als Hermia akkreditiert und im Königsschloss mit dem Traumschwiegersohn Saphir vermählt. Auch beim mythischen Ritter Barte-Blau ist Not an der Frau: Er ist bereits der Gattin Nr. 5 überdrüssig und schickt seinen alchemistischen Handlanger Popolani wie immer auf die Suche nach einer würdigen Nachfolgerin.

Die handgreiflich robuste Boulotte lässt sich nun vom legendären Frauenverschleißer nicht bange machen, eher schon von lebenslanger Langweile an der Seite Popolanis, der bereits die Vorgängerinnen aus auch eigennützigen Gründen in nicht ganz so ewigen Schlaf versetzt hat. Angeführt von Boulotte proben Blaubarts Verflossene den Aufstand! Und Revolte lautet auch die Devise für die Neu-Prinzessin Hermia und Alt-Königin Clémentine – bei so viel Frauenpower hat selbst der übelste Märchenbösewicht bald nichts mehr zu lachen … oder vielmehr gerade darum?!

In diesem Stück löst sich echtes Grauen in Komik auf: Der Barbe-bleue (Blaubart) des Märchens kann etymologisch auf den altfranzösischen Barbeu (Werwolf) bezogen werden, der sich wiederum als wolfspelztragendes Schaf entpuppen mag. Genau in diesem Wechselspiel wurzelt der Blaubart-Erfolg im dekadenten Paris in der Dämmerung der zweiten Kaiserzeit ebenso wie in der Weimarer Republik, als Karl Kraus festhielt: »Es gibt ein Zeitgefühl, das sich nicht betrügen lässt. Man kann auf Robinsons Insel gemütlicher leben als in Berlin; aber nur, solange es Berlin nicht gibt.«

Zwischen Berlin und Paris, Märchenmythos und Bühnenbastion verbinden sich farcenhafte Weisheit, philosophische Bosheit und vor allem musikalische Schönheit in diesem Werke Offenbachs, das hier in einer neuen musikalischen und textlichen Fassung von Stefan Herheim, Clemens Flick und Alexander Meier-Dörzenbach gezeigt wird.

Geschrieben von Komische Oper

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