Mit Nico Dostals Clivia präsentiert die Komische Oper Berlin eine ausgelassene Wundertüte aus Schein und Sein. Mit dabei: die Geschwister Pfister!

Komische Oper Berlin "CLIVIA"

Clivia, Komische Oper Berlin – Foto: Iko Freese (http://www.drama-berlin.de)

Der Sommerurlaub steht an, der Alltagswahnsinn vor der Tür! Schon beginnt das Fernweh von neuem zu kribbeln. Schon wieder urlaubsreif …

Komische Oper Berlin "CLIVIA"

Clivia, Komische Oper Berlin – Foto: Iko Freese (http://www.drama-berlin.de)

Kein Problem: Zur Abwechslung können die Koffer getrost auf dem Dachboden verstaut bleiben. Im fiktiven Boliguay, das seit dem 20. September wieder in der Behrenstraße zu erleben ist, gibt es einen ausgeflippten All-inclusive-Klamauk, eine heiße Affäre im Hollywood-Flair der 20er Jahre mit einer kräftigen Prise Lateinamerika: Nico Dostals 1933 im Theater am Nollendorfplatz uraufgeführte Operette Clivia lädt ein zu einem Abend voller Unbeschwertheit – und das mitten in Mitte!

Komische Oper Berlin "CLIVIA"

Clivia, Komische Oper Berlin – Foto: Iko Freese (http://www.drama-berlin.de)

 Die Story von F. Maregg und Charles Amberg geht so: Frau liebt Mann und umgekehrt, und zwar heftig. Sie ist die Filmdiva Clivia Gray, er der Gaucho Juan Damigo. Ohne dass diese zwei füreinander Entflammten davon wüssten, führt sie eiskaltes wirtschaftliches Kalkül zusammen: Der amerikanische Industrielle E. W. Potterton sieht seine wirtschaftlichen Interessen in Boliguay durch die dortige revolutionäre Führung in Gefahr. Also beschließt er, einen Streifen mit Filmstar Clivia Gray in der Hauptrolle vor Ort zu drehen. Einziges Problem: Seinem Team fehlt die Arbeitserlaubnis für Boliguay. Peanuts für Potterton!

Kurzerhand wird die Diva mit dem boliguayischen Gaucho Juan Damigo verheiratet, und die Sache ist geritzt. Dass es zwischen den beiden auch noch funkt, umso besser! Dummerweise scheitert aber der von Potterton unternommene Putschversuch in Boliguay. Denn hinter Clivias frisch Angetrautem verbirgt sich niemand anderer als der glühende Revolutionsführer Juan Olivero. Damit ist die Zerreißprobe für die junge Liebe zwischen glamourösem Star und idealistischem Che-Guevara-Verschnitt vorprogrammiert – filmreife Emotionen inklusive!

 Stefan Hubers Inszenierung lässt keines der von Dostal und seinen Textdichtern bedienten Klischees aus: Typen wie der schrullige Berliner Erfinder Gustav Kasulke (Christoph Späth) mitsamt seiner Schlafmaschine »Pennewohl« gehören ebenso dazu wie der aufgekratzte Begleitertross rund um die glanzvolle Diva. Das skurrile Personal versprüht mit temporeichem Witz die Nostalgie vergangener Zeiten.Als Krönung von Hubers herrlich schrägem Konzept brillieren die drei Geschwister Pfister in den Hauptrollen: Tobias Bonn alias Toni Pfister als edler Revolutionär Juan Damigo, Fräulein Schneider in der Rolle der Amazonenanführerin Yola und Christoph Marti alias Ursli Pfister als sehnsuchtsvoll schmachtende Diva. Das virtuose Spiel der Pfisters mit Schein und Sein ist endlich auch auf der Bühne eines Berliner Opernhauses angekommen.

Die spritzige Bearbeitung des Musikalischen Leiters Kai Tietje heizt den abstrusen Trubel noch weiter an. Tietje hat die Operettenpartitur im Orchestersound der 1920er Jahre amerikanisiert, einige Nummern zu hitverdächtigen Ensembles erweitert und der festlichen Ballszene ein paar knackige Tanzbreaks hinzugefügt. Schwungvolle Chöre, ein abwechslungsreich agierendes Tanzensemble und eine Truppe bestens aufgelegter Solisten machen diesen Abend zu einer lebendigen Projektionsfläche bewährter Klischees von Hollywood-Glamour bis Latino-Feuer.

Warum also in die Ferne schweifen? Der wilde Wahnsinn liegt so nah!

Geschrieben von Komische Oper

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *