Die Komische Oper Berlin feiert ihren 70. Geburtstag unter dem Motto 70 Jahre Zukunft Musiktheater. Und wer das Haus kennt, wundert sich nicht, dass dieses Jubiläum auch die eine oder andere Besonderheit bereithält, die man so sicher nicht an einem anderen Theater antreffen würde. Natürlich gehören dazu mehrere spannende Neuinszenierungen, darunter die Neuproduktionen von zwei der erfolgreichsten Stücke der Ära Felsenstein, Anatevka und Blaubart. Und es gibt auch eine hochinteressante digitale Ausstellung mit Schlaglichtern aus den vergangenen sieben Jahrzehnten, zu finden unter www.komische-oper-berlin.de/70-startseite.

Aber als digitale Ausstellung allein lassen sich 70 Jahre Zukunft Musiktheater natürlich nur theoretisch darstellen, und so geht die Komische Oper noch einen Schritt weiter. In dieser Jubiläumsspielzeit präsentiert sie noch einmal eine Originalinszenierung, die bei ihrer Premiere vor 14 Jahren für großes Aufsehen sorgte: Calixto Bieitos Deutung von Mozarts »Die Entführung aus dem Serail« wird ab 13. April für vier Abende an die Komische Oper Berlin zurückkehren!

Rückblickend wird Bieitos Inszenierung heute als richtungweisend für die Zukunft des Musiktheaters angesehen. Damals, im Juni 2004, wurde die Arbeit des spanischen Regisseurs mit großer Spannung erwartet, nicht nur, weil es seine erste Regiearbeit an der Komischen Oper Berlin war, sondern auch weil Bieito von Seiten der Presse der Ruf eines »Skandalregisseurs« und »Regieberserkers« vorauseilte.

Grund dafür waren mehrere umstrittene Inszenierungen, vor allem an der Staatsoper Hannover, wo er Klassiker des Repertoires von Mozarts Don Giovanni bis zu Verdis La traviata radikal neu gedeutet und die Öffentlichkeit damit polarisiert hatte wie kaum ein anderer Opernregisseur zuvor. Seine Entführung an der Komischen Oper Berlin wurde dann tatsächlich zu einem Kulminationspunkt der damaligen Auseinandersetzungen um die sich an Bieito entzündende Frage: Wie weit darf, wie weit soll Musiktheaterregie gehen? Die Inszenierung fand jedes nur denkbare Echo in Presse und Publikum, von wütenden Protesten bis zu begeistertem Beifall. Kalt ließ sie niemanden. Aber während sich die einen empörten über die explizite Darstellung von Gewalt, Blut und Sex, waren die anderen zutiefst fasziniert vom schonungslosen und sehr genauen Blick des Regisseurs auf die von Macht und Angst bestimmten Beziehungen der handelnden Personen zueinander. Dieser Blick ermöglichte dem Zuschauer nicht nur eine völlig neue Sichtweise, sondern auch ein ganz anderes Hören von Mozarts Werk, dessen Texte hier viel wörtlicher genommen wurden als sonst üblich.

Foto: Monika Rittershaus

Foto: Monika Rittershaus

Die Berliner Entführung aus dem Serail machte Schule. Und Calixto Bieito war von nun an einer der bekanntesten Regisseure der Opernwelt. Zwar blieb er umstritten und noch einige Jahre lang hartnäckig mit dem Etikett »Skandalregisseur« versehen. Doch zugleich wurde er mit seinen intensiven, verstörenden Deutungen bekannter und unbekannter Stoffe immer mehr gefragt, ja fast zu einer Ikone des Musiktheaters, die auch andere Regisseure beeinflusste. Heute finden sich seine Inszenierungen an zahlreichen großen Bühnen Europas von Basel, Zürich, Stuttgart und Nürnberg bis Oslo, in Barcelona, London, Lissabon, Paris … und natürlich immer wieder an der Komischen Oper Berlin. Stets schaut der Regisseur dabei genau auf die handelnden Figuren und die Machtverhältnisse, in denen sie sich bewegen oder gefangen sind, und legt dabei schonungslos alle Wunden frei. Dass Gewalt, Sex und Machtspiele aufgrund der in den Stücken angelegten Strukturen in seinen Inszenierungen immer wieder eine Rolle spielen, wird heute nicht mehr als effekthaschender Selbstzweck angesehen, sondern im Zusammenhang mit den Konflikten der handelnden Personen verstanden. Sicher spielt dabei auch eine Rolle, dass durch andere Kunstformen die Darstellung von Gewalt nicht mehr gar so schockierend wirkt wie noch vor einigen Jahren: man denke nur an die Filme von Quentin Tarantino, die mittlerweile Kultstatus erreicht haben.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die spannende Frage: Wie wirkt Bieitos Entführung aus dem Serail, die einst so hohe Wellen schlug, heute, 14 Jahre später, auf das Publikum? Wird der eine oder die andere beim Wiedersehen mit dieser Produktion einen ganz anderen Eindruck mit nach Hause nehmen als damals? Wie kommt sie bei dem Zuschauer an, der sie heute zum ersten Mal sieht, und wie bei der Besucherin, die andere Regiearbeiten Calixto Bieitos aus den letzten Jahren kennt, diese seine erste Arbeit an der Komischen Oper Berlin aber noch nicht? Der Vergleich dürfte reizvoll sein, immerhin stellte Bieito inzwischen bereits acht Inszenierungen im Haus an der Behrenstraße vor, darunter so unterschiedliche Werke wie Puccinis Madame Butterfly, Webers Freischütz und Bernd Alois Zimmermanns Die Soldaten. Die letzte übrigens hatte gerade erst im Januar Premiere: Franz Schrekers selten gespielte Oper Die Gezeichneten.

Geschrieben von Komische Oper

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