Cendrillon (Aschenputtel) von Jules Massenet in französischer SpracheVorab_Cendrillon_00493_15x10 ©Jan Windszus Photography

Jules Massenets Cendrillon ist eine Opernrarität. Das weltweit bekannte Märchen vom armen unterdrückten Mädchen war für viele Komponisten stets ein beliebter Bühnenstoff. Obwohl Massenets Adaption seinerzeit die erfolgreichste war, führt das Werk heute eher ein Aschenputtel-Dasein auf den Spielplänen der Bühnen. In Berlin war es tatsächlich noch nie zu sehen.

Als »Gute Fee« holt die Komische Oper Berlin nun Cendrillon auf die Bühne und wartet dabei gleich mit einem weiteren Berlin-Debüt auf: Damiano Michieletto gehört zu den international gefragtesten Regisseuren der jungen Generation und feierte bereits große Erfolge bei den Salzburger Festspielen und mit Inszenierungen an allen großen europäischen Opernhäusern. Kürzlich wurde der aus Italien stammende Regisseur für den Doppelabend Cavalleria Rusticana/Pagliacci am Royal Opera House in London mit dem Olivier Award für die beste neue Opernproduktion geehrt. Eine Ehrerbietung, die umso versöhnlicher stimmen dürfte, als der Venezianer zuvor mit seiner Interpretation von Rossinis Guillaume Tell – ebenfalls am Royal Opera House – einen handfesten Theaterskandal bei Presse und Publikum der Britischen Inseln auslöste.

»Es ist absolut wichtig, die grotesk-humorvollen Elemente des Stücks herauszuarbeiten und mit einer ergreifenden Liebesgeschichte zu verbinden«, sagt Michieletto über seine Berliner Cendrillon-Inszenierung. Diese soll eine Märchenadaption jenseits aller Disney-Klischees werden. Michieletto interessiert, was das Kindermärchen uns in einer realen Erwachsenenwelt sagen kann. Ohne Putzigkeiten wie hilfreiche Täubchen und Zaubersprüche bleibt der ganz reale Wunsch nach Erlösung aus sozialem und psychologischem Elend die Essenz der Aschenputtel-Geschichte. So inszeniert Michieletto die Handlung in einer Ballettschule: Die böse Stiefmutter ist eine zielstrebige Tanzlehrerin, die ihre Töchter durch übertriebenen Ehrgeiz unter massiven Leistungsdruck stellt. Anstelle der königlichen Brautschau beim Ball müssen die Mädchen zum Casting antreten für die begehrte Rolle der Cinderella. Aschenputtel ist verletzt und dadurch im Konkurrenzkampf benachteiligt. Eine verzweifelte Lage, dennoch wartet natürlich Massenets Musik mit sphärischen, surrealen Traummomenten und zauberhaft duftigen Melodien auf. Mit Damiano Michieletto nimmt sich ein Regisseur dieser Zauberwelt an, der in seiner Theatersprache durchaus hart-realistische und dämonisch-surreale Abgründigkeit gekonnt verwebt. Die Kombination dieser künstlerischen Ansätze verspricht einen tragik-komischen Theaterabend mit Kontrast und Hintergründigkeit gegenüber dem französischen Spätromantiker Massenet.

Der war schon zu Lebzeiten populär und wird oft kritisch in eine Kitsch-und Plüschecke gestellt. Dabei ist er ein sehr vielseitiger Künstler mit Gabe für sinnliche Melodien und ein intelligenter Geschichtenerzähler mit echtem Gespür für packende Dramatik. Als Liebhaber großer Stimmen, vor allem Frauenstimmen, stellt er deren Reize technisch höchst anspruchsvoll ins Zentrum seiner Werke. Bei Cendrillon ist selbst der Prinz eine Frauenrolle, die Partie der Fee eine halsbrecherisch-virtuose Herausforderung für einen Koloratursopran. Massenet liebte seine Diven und seine Musik lebt auch heute von der Individualität ihrer Interpreten.

Das Libretto von Cendrillon, uraufgeführt 1898 in Paris, beruht auf Charles Perraults Erzählung »Cendrillon ou la Petite Pantoufle de verre«. Diese französische Version ist weit weniger grausam als das in Deutschland bekannte Märchen der Gebrüder Grimm. Bei Perrault gibt es kein »Bäumchen schüttle Dich« am Grab der Mutter und keine abgehackten Zehen mit Blut im Schuh. Die Bestrafung der Bösen – im deutschen Märchen immer ein wesentlicher moralischer Bestandteil – bleibt ganz aus, hier endet alles versöhnlich.

Massenets Schaffen fällt in eine Zeit radikaler politischer und sozialer Umschwünge angesichts der Industrialisierung. Mit seiner Märchenoper offerierte der Komponist dem Publikum durchaus lyrisch-sentimentalen Eskapismus. Doch hinter allem Sentiment stecken in Cendrillon auch Wahrheiten über die Liebe, Eifersucht, Einsamkeit und Sehnsucht nach Vertrauen. Die emotionalen Tücken einer dysfunktionalen Patchwork-Familie treffen auf ehrliche Gefühle in der innigen Beziehung zwischen Aschenputtel und ihrem Vater Pandolfe, der seinerseits auch für eine gute Portion gallischen Humor im Stück sorgt. Letzten Endes ist Cendrillon auch eine Geschichte über Emanzipation, die Aufgabe, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und sich frei zu schwimmen von fremden, auferlegten Erwartungen. Das gelingt am Ende Cendrillon genau wie ihrem unterdrückten Vater und dem ganz passiv in Melancholie versunkenen Prinzen.

Geschrieben von Komische Oper

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