Zu Jean-Philippe Rameaus Barockoper Zoroastre unter der Leitung von Christian Curnyn und Tobias Kratzer

Der Kampf Gut-gegen-Böse ist thematisch ein Dauerbrenner bis in unsere heutige Zeit und über Genregrenzen hinweg. Schon vor 250 Jahren war das der Stoff, aus dem Erfolgsproduktionen gestrickt wurden, so von Jean-Philippe Rameau, um 1750 Star der französischen Komponistenszene, und seinem Textdichter Louis de Cahusac. Unter dem Titel Zoroastre stellten sie 1749, zum Preis von umgerechnet ungefähr 300 000 Euro, die bis dato kostspieligste und aufwändigste Opernproduktion der französischen Geschichte auf die Bühne. Sieben Jahre später ernteten sie, nachdem sie das Werk noch einmal musikalisch-inhaltlich aufpoliert hatten, auch den ersehnten Erfolg.

Zoroastre – hierzulande eher bekannt unter dem Namen Zarathustra und bei Rameau ganz dem Zeitgeist entsprechend Vertreter des Wahren, Guten und Schönen – steht der Zauberer und Bösewicht Abramane gegenüber. Ein unerbittlicher Streit um das herrscherlose Reich Baktrien und die Thronerbin Amélite entbrennt, wobei auf der einen wie auf der anderen Seite alle zur Verfügung stehenden Mittel an den Start gebracht werden. Der Gewinner steht zwar schon nach der ersten Runde fest, doch gibt der Kampf in fünf Runden im weiteren Verlauf Gelegenheit zu raschen und spektakulären emotionalen, szenischen und musikalischen Wechseln, die – fast wie im Computerspiel – den eigentlichen Unterhaltungswert der Oper ausmachen. Cahusac präsentiert in Zoroastre das Böse als ultra-machiavellistisch und karrieregeil. Sätze wie »Verbrechen ändern ihren Namen, wenn sie gelingen. Der Erfolg ist immer im Recht.« könnten auch aus der Feder skrupelloser Neoliberaler stammen. In »postfaktischen« Zeiten klingt das erschreckend vertraut.

Diesem vom Kern her Bösen stellt Cahusac allerdings das Ideal eines vollkommen unbestechlichen Zoroastre gegenüber, ein Ideal das heute utopischer wirkt denn je. Wie der überzeugte Freimaurer Cahusac war jedoch auch der Komponist Jean-Philippe Rameau ein glühender Verehrer der revolutionären Gedankenwelt der Frühaufklärung und ihrer moralischen Grundwerte. In den bis dato als gottgegeben akzeptierten Regeln der Harmonie erkannte Rameau die Gesetze der Natur, die für alle Menschen ungeachtet ihres gesellschaftlichen Status’ gleichermaßen galten. Rational und mathematisch rückte er ihnen zu Leibe und erwarb sich so den Ruf eines »Newton der Musik«. Sein »Traité de l’Harmonie« gilt bis heute als Meilenstein auf dem Gebiet der Harmonielehre. Etabliert als Theoretiker schuf der Organist Rameau erst als 50-Jähriger seine erste Oper: 1733 katapultierte er sich mit Hippolyte et Aricie direkt an die Spitze der umkämpften und politisch äußerst brisanten französischen Opern-Szene. Nicht nur wegen ihrer für die damaligen Ohren ungewöhnlichen Orchestrierung und neuartigen Harmonien – der Zeitgenosse Denis Diderot sprach schlicht von »Lärm« – sorgte Rameau fortan für Furore.

Nadja Mchantaf (Erinice), Thomas Walker (Zoroastre); Foto: Monika Rittershaus

Nadja Mchantaf (Erinice), Thomas Walker (Zoroastre); Foto: Monika Rittershaus

Die viel zu selten zu erlebende Musik Rameaus im Dirigat von Christian Curnyn, einem der gesuchtesten Barockspezialisten der Gegenwart, wäre allein schon Grund genug, sich auf ein seltenes Hörvergnügen zu freuen. Doch das Inszenierungskonzept von Tobias Kratzer, aufsteigender Stern am Opernregiehimmel und in zwei Jahren auch in Bayreuth als Tannhäuser-Regisseur zu erleben, macht erst recht neugierig. Er entdeckt den aktuellen Kern im barocken Meisterwerk. Auch wenn bereits Friedrich Nietzsche »seinem« Zarathustra Worte »jenseits von Gut und Böse« in den Mund legte, die Sehnsucht nach klarer Orientierung und einer einfach strukturierten Welt scheint heute so en vogue wie zu Rameaus Zeiten.

Bei Tobias Kratzer beginnt der Streit zwischen Saubermännern und düsteren Gesellen zwar im privaten Vorgarten, wächst sich dann aber zu einem veritablen Territorialkonflikt aus – angesichts der aktuellen Weltlage nur auf den allerersten Blick eine theatrale Übertreibung. Es geht ums Prinzip – und wie in jedem ordentlichen Stellungskrieg gerät dabei das umkämpfte Objekt der Begierde zuweilen etwas aus dem Fokus. Zoroastre, der Führer des Guten, ist spirituell und körperlich durch weise Lehren des Ostens gestählt: ganz veganer, umweltbewusster Meditationstyp, der Rohrzucker (natürlich Fair Trade!) nur im Hause hat, um ihn dem hilfsbedürftigen Nachbarn borgen zu können. Ob er sich dadurch als geeigneterer Kandidat in Sachen Weltherrschaft qualifiziert als sein Messie-Nachbar mit dem lecken Öltank im Garten, bleibt offen. Klar ist: Ganz ohne Kollateralschaden geht’s auch bei Zoroastre nicht. In seiner aktuellen Lesart der französischen Barock-Oper stellt Kratzer darüber hinaus ebenso amüsant wie skeptisch die Frage, wie aussichtsreich überhaupt der ständige Kampf um die Kontrolle einer Welt ist, die sich einen Teufel um die darin lebenden Menschen, ganz zu schweigen um die unter deren Füßen zertrampelten Ameisen schert. Trotz Sieg nach Punkten – ganz so strahlend wie bei den Herren Rameau und Cahusac kommt der Triumph des Guten bei Kratzer möglicherweise nicht daher. Spannend aber bleibt es. Bis zur letzten Runde …

Geschrieben von Komische Oper

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