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Henrik Nánási, Generalmusikdirektor der Komischen Oper Berlin, Foto: Gunnar Geller

Herzog Blaubarts Burg – für einen ungarischen Dirigenten eine Herzensangelegenheit?

HENRIK NÁNÁSI In der Tat hat Béla Bartók für mich persönlich eine besondere Bedeutung. Ich habe Herzog Blaubarts Burg bereits mehrfach dirigiert und wollte das Werk unbedingt auch an der Komischen Oper Berlin machen. Herzog Blaubarts Burg ist eben nicht nur eines der Meisterwerke des 20. Jahrhunderts, sondern auch ein wichtiger Teil der ungarischen Kultur. Das spezifisch Ungarische liegt dabei vielleicht in der Art und Weise, wie Bartók ungarische Volksmusik in seine Partituren einwebt: Er nutzt sie nicht als reine Farbe, sondern gewinnt aus ihr die gesamte musikalische Struktur eines Werkes. Die Volksmusik ist bei ihm wie ein Spinnennetz – ein Gewebe, das den Aufbau und die Form einer Komposition sowie ihre Harmonik mit einschließt, weswegen sich bei Bartók wohl eine derartig »ungarische« Stimmung vermittelt.

… eine Stimmung, die nicht selten melancholischen Charakter hat.

HENRIK NÁNÁSI Béla Bartók scheint in der Tat ein eher introvertierter, zurückgezogener und melancholischer Mensch gewesen zu sein, was sich in seiner Musik bisweilen widerspiegelt. Aber in Bartóks Inneren tobte ein Vulkan! Auch das spürt man in seiner Musik: Sie hat eine ungeheuerliche Kraft und Energie. Herzog Blaubarts Burg schätze ich deshalb so sehr, weil in diesem Werk schier alles enthalten ist: ungarische Volksmusik, eine vielschichtige Harmonik und eine Orchestrierung, die stark beeinflusst ist von der Musik Claude Debussys und Richard Strauss’. Wie in seinen anderen Werken ist Bartók auch in Herzog Blaubarts Burg formell sehr streng und klar, aber die Gestik der Oper ist oft viel romantischer als seine späteren Kompositionen. Auch inspirierte ihn das Sujet – etwa das Öffnen der verschiedenen Türen – zu einer großen musikalischen Vielfarbigkeit, weil er für jede der sieben Türen andere Orchesterfarben verwenden konnte. Die Verbindung zwischen der reichen Instrumentierung und der Einfachheit der Volksmusik sowie die Fokussierung auf nur zwei Figuren erzeugen eine spezielle Spannung, die diesem Werk einen starken Bogen verleiht.blaubart_052

Herzog Blaubarts Burg weist eine große Komplexität auf, nicht zuletzt in der Psychologie der Figuren …

HENRIK NÁNÁSI … weswegen viele das Werk seinerzeit nicht verstanden haben. Bartók hatte Herzog Blaubarts Burg ursprünglich für einen Kompositionswettbewerb geschrieben. Das Werk wurde abgelehnt, weil es als nicht aufführbar galt. Man hatte damals wohl eine konventionelle »Handlung« erwartet und kein Zweipersonenstück mit einer derart komplexen Psychologie. Es galt als zu wenig »opernhaft«. Auch heute noch steht Herzog Blaubarts Burg in gewisser Weise als ein Solitär. In meinen Augen unterscheidet sich diese Oper sehr von anderen.

Wie kam es zur Kombination mit Gianni Schicchi?

HENRIK NÁNÁSI Ich habe beide Werke in dieser Kombination vor einiger Zeit bei einem Opernfestival in Ungarn dirigiert, und ich mochte diese Nebeneinanderstellung sehr, gerade weil man zunächst einmal nicht nach irgendwelchen Zusammenhängen sucht, sondern die beiden Stücke in ihrer Unterschiedlichkeit erleben kann. Allerdings habe ich die Opern seinerzeit in umgekehrter Reihenfolge dirigiert – zuerst Herzog Blaubarts Burg, danach Gianni Schicchi. Ich finde aber, dass man das Gefühl der Finsternis von Herzog Blaubarts Burg innerlich noch ein wenig weitererleben und verarbeiten muss, weswegen es damals sehr schwierig für mich war, danach Gianni Schicchi zu dirigieren. Ich dachte, ich bin im falschen Film. Daher spielen wir es nun dieses Mal in der umgekehrten Reihenfolge.

Gibt es neben dem Kontrast auch Ähnlichkeiten zwischen den beiden Werken?

HENRIK NÁNÁSI Sicherlich lassen sich auch Gemeinsamkeiten finden. Beide Komponisten verwenden hier nicht unbedingt ihre »typische« Musiksprache. Bartók kennt man in seinen späteren Werken vielleicht noch klarer oder trockener, und gerade dadurch, dass Bartók in Herzog Blaubarts Burg eine eher romantische Sprache findet, erscheint mir der Unterschied zu Puccini nicht ganz so groß, wie man ihn zuerst vermutet. Puccini ist in seinen anderen Opern ein eher »großatmiger« Komponist. In Gianni Schicchi hingegen hören wir ganz feine, filigrane, geradezu kammermusikalisch herausgearbeitete Stellen, die mich in ihrer Einfachheit bisweilen an Strawinsky oder Schostakowitsch erinnern. Während er etwa in La Bohème oder Tosca viel üppiger instrumentiert, passt Puccini seine Musik in Gianni Schicchi auf geniale Weise dem schnellen, lustigen Geschehen an. Doch auch hier gibt es Momente, in denen man sagen würde: Ja, das ist waschechter Puccini! – Laurettas Arie etwa, »O mio babbino caro«. Diese Arie bedeutet einen Wendepunkt in Gianni Schicchi. Sie erklingt ungefähr in der Mitte der Oper und teilt das Stück. Lauretta überzeugt ihren Vater, Gianni Schicchi, dass er in das Geschehen eingreifen muss, und erst, nachdem seine Tochter ihn mit dieser Arie um den Finger gewickelt hat, wendet sich das Blatt. Einen solchen Scheitelpunkt gibt es in meinen Augen auch in Herzog Blaubarts Burg.

An welcher Stelle?

HENRIK NÁNÁSI In Herzog Blaubarts Burg ist es die fünfte Tür. Ihre Öffnung ist der absolute Höhepunkt des Stückes. Nicht nur, weil es der voluminöseste Moment der Oper ist, sondern weil Blaubart an dieser Stelle sagt: »Dies ist mein Reich, dies ist mein ganzes Ich.« Alles steuert auf diesen Moment zu. Das Werk beginnt in der Finsternis der Burg, doch an der fünften Tür erleben wir einen Moment mit strahlendem C-Dur, in dem es so hell ist, dass man sich eigentlich eine Sonnenbrille aufsetzen müsste. Direkt nach den mächtigen C-Dur-Akkorden, die Blaubart repräsentieren, wirft Judith in einer völlig anderen Tonart und ohne jegliche orchestrale Begleitung einen leisen Kommentar ein. An keiner anderen Stelle ist die Kluft, der große Graben zwischen den beiden Figuren größer. Das ist eine musikalisch genial einfache, aber unglaublich wirkungsvolle Idee. Von diesem Moment an bewegt sich das Werk allmählich ins Dunkle zurück, und die Oper endet in derselben Tonalität, mit der sie begonnen hat. Ab der fünften Tür ist klar, wie das Werk ausgeht. Ab diesem Punkt gibt es kein Zurück mehr. Und damit ist das Schicksal dieser zwei Menschen eigentlich besiegelt.

Es gibt kein Happy End …

HENRIK NÁNÁSI Deswegen ist es für die Energie des Abends gut, vorher Gianni Schicchi gehört zu haben. Ich habe Herzog Blaubarts Burg oft in Verbindung mit Arnold Schönbergs Erwartung oder Francis Poulencs La voix humaine erlebt – beides auch nicht gerade mental aufbauende Kurzopern. Danach ist man so erschlagen, dass man nach dem Theater nach Hause geht und gleich eine Woche Urlaub braucht. Mit Gianni Schicchi bleibt alles in der Balance: Hell und Dunkel, Leicht und Schwer. Beide Seiten gehörten eben zum Leben.

Das Gespräch führte Pavel B. Jiracek (Dramaturg).

Zur Inszenierung an der Komischen Oper Berlin geht es HIER

Geschrieben von Komische Oper

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