Ja, da haben sich die Zeiten wirklich gewaltig geändert. Erinnert sich noch jemand an den Operettenkongress, der zirka 1994 in der Komischen Oper Berlin stattfand? Den habe ich damals als junger Praktikant der Tagesspiegel-Kulturredaktion besuchen dürfen. Weil sonst niemand hin wollte. (Wofür sind Praktikanten schließlich da?) Zwei Sachen sind mir deutlich in Erinnerung geblieben: Der damalige »Operettenpapst« Volker Klotz trat mit einem Kassettenrekorder (!) auf und hielt einen mitreißenden Vortrag über Leo Falls Dollarprinzessin. Was mich zum spontanen Fan von transatlantischen Operette gemacht hat. Und: In einer Gesprächsrunde saßen fünf Operettennachkommen von Lehár, Benatzky, Heymann, Kollo und Künneke auf einem Podium und diskutierten über den Stand der Dinge. Schockierenderweise kam jedoch niemand zu Wort, weil erst ein extrem irritierender Moderator endlos erzählte und erzählte und erzählte, dann die Damen Kollo und Künneke nichts anderes zu sagen hatten, als dass der Staat doch bitteschön mehr Geld für Operette ausgeben sollte, also auch für sie und ihren Plan einer Operettenschule! Was so schlimm wurde, dass beide Frauen irgendwann im Streit das Podium verließen. Mit anderen Worten, Operette war in meiner Wahrnehmung verbitterter Kleinkrieg alter Damen. Um Stücke und Inhalte oder Musik gar ging es kaum, nur in Pausengesprächen.

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Kevin Clarke und seine Mutter (links), Florian Klein mit Freund (Mitte) und Richard Norton beim Operettenfestival in der Komischen Oper Berlin

Ich erinnere mich allerdings auch an den denkwürdigen Moment, wo ich die wunderbare Helga Benatzky im Foyer traf und sie mir eine CD mit Liedern von Max Hansen in die Hand drückte. Das hat meine persönliche Wahrnehmung von Operette radikal veränderte. Weil ich plötzlich entdeckte, dass man Operette nicht nur mit großen Opernstars pseudo-pathetisch machen kann, sondern als rotzfreche Chansons singen kann, mit Jazz-Synkopen und dadaistischen Texten. Die Spaß machen. Auch erzählte Helga ganz unverhofft, wie Ralph Benatzky aus Abscheu vor den Nazis ins Exil ging und nach 1945 als gebrochener Mann aus Amerika zurückkam. Das war meine erste echte Berührung mit der politischen Dimension von Operette, die mir bis dahin völlig unbekannt war und die mir Helga Benatzky auch sehr persönliche und eindrückliche Weise nahebrachte. Für mich war das der Beginn einer großen Operettenleidenschaft, die ich dann zunehmend zu einer professionellen Leidenschaft ausweitete. Was Jahre später zur Gründung des Operetta Research Centers führte, das sich als Forschungsinstitution genau dieser Max-Hansen-Spielart des Genre widmet. Und der Frage, wieso diese Spielart nach 12 Jahren NS-Herrschaft so völlig vergessen werden konnte im Nachkriegsdeutschland?

Seither durfte ich an vielen Operettensymposien und Konferenzen teilnehmen. Zwei Dinge fielen mir dabei regelmäßig auf: Sie finden oft an entlegenen Orten statt, unter nahezu völligem Ausschluss der Öffentlichkeit; und meist ist nur eine bestimmte »Operettenfraktion« anwesend, die die Forschung aller anderen »Fraktionen« rundum ignoriert. Über Jahre waren das die Volker-Klotz-Jünger, die alle Meinungen, die von der des »Meisters« abwichen, einfach nicht zur Kenntnis nehmen wollten. Für einen gesunden Diskurs und inspirierende Debatten war das nicht gerade förderlich. Besonders auch deshalb nicht, weil vielfach die deutschsprachige Operettenforschung ignorierte, dass es eine anglo-amerikanische gibt, deren Publikationen es wert sind, zu lesen und zu diskutieren.

Insofern ist ein Symposium an der Komischen Oper 2015 in Zusammenarbeit mit der University of Chicago, der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der internationalen Fachzeitschrift The Opera Quarterly sowie Experten aus ganz Europa und den USA ein wichtiger Schritt vorwärts, um die »Provinzialität« der deutschsprachigen Operettenforschung endlich zu überwinden und dem Genre wieder jenen kosmopolitischen Touch zu geben, den es bis 1933 durchaus hatte. Was man, nebenbei bemerkt, den Superstaraufnahmen von Max Hansen & Co. anmerkt. (Helga Benatzky, ich kann dir für diesen Augenöffner nicht genug danken!)

Statt abermals darüber zu streiten, ob der Senat für Operettenausbildung mehr Geld rausrücken sollte, geht es diesmal um Themen wie »Bodies & Gender« oder »Bordell & Revue«. Ich muss gestehen, als ich die Liste der Vorträge las, schlug mein Herz schon ein bisschen schneller. Denn zu Gender, Pornografie der Operette, Jazz, Weimarer Republik und Fragen »Entarteter Musik« gab es in den letzten Jahren so viel neues Material, besonders im Ausland, dass es geradezu schockierend ist, dass das bislang einem großen hiesigen Publikum vorenthalten wurde. Denn all die genannten Punkte machen deutlich, wie modern und heutig Operette einmal war – und heute problemlos wieder sein könnte.

Logischerweise haben die diversen Produktionen an der Komischen Oper dies ihrerseits deutlich gemacht. Anstelle nerviger Operettenkinder-die-Geld-fordern und ein überkommenes Nachkriegsoperettenideal promoted, sind jetzt die neuen Stars der Branche (Katharine Mehrling, Dagmar Manzel, Christoph Marti, Gayle Tufts etc.) Teilnehmer und berichten von einem neuen Umgang mit Operette, der das Anneliese-Rothenberger-Ideal oder die Schrock/Schramm-Spielweise von Operette weit hinter sich lässt bzw. eine spannende Alternative dazu aufzeigt.

Dadurch, dass das Ganze nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit an einem fernen, unbekannten Ort stattfindet, wie etwa die Konferenz der Ohio Light Opera in Wooster 2014 oder die Symposien der Staatsoperette Dresden in Leuben (!), sondern mitten im pulsierenden Zentrum der deutschen Hauptstadt, im Scheinwerferlicht der medialen Öffentlichkeit und Hauptstadtkulturpresse, besteht die Chance, dass ernsthafte Impulse in eine breitere Gesellschaft und ihre Operettenwahrnehmung gehen. Und das ist mehr als nur gut so, das ist wunderbar.

Ich kann nur sagen: Hoffentlich wird all das zu einem regelmäßigen Feature an der Komischen Oper, ebenso wie ihr derzeitiges erstes Operettenfestival. Viele meiner Freunde aus New York und Los Angeles haben sich dafür nach Berlin aufgemacht, weil sich eine so weite Reise lohnt, wenn man anschließend eine Woche lang Raritäten sehen kann, plus an den englischen Sektionen des Symposiums teilnehmen. Who can ask for anything more? Ich hoffe nur, dass diesmal nicht der Praktikant aus der Kulturredaktion losgeschickt werden muss, um zu berichten, sondern dass sich die prominenten Groß-Feuilletonisten selbst darum schlagen, wer dabei sein darf um zu erfahren, warum Operettenfilme »vernacular avant-garde« sein können, Operettenrollen vom »Charme der Überforderung« ihrer Darsteller leben und was genau nach 1933 (und 1945) in der deutschen Operettenszene passiere. In diesem Sinn: Come one, come all, and stay tuned!

Dr. Kevin Clarke ist Leiter des Operetta Research Center Amsterdam
www.operetta-research-center.org

Geschrieben von Komische Oper

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