An der Komischen Oper Berlin nimmt Regie-Shooting-Star Antú Romero Nunes Heinrich Marschners große romantische Oper Der Vampyr als Ausgangspunkt für eine fesselnde Tour de force durch das schaurige Reich des bleichen, blutsaugenden Frauenbetörers!

Premiere: Sonntag, 20. März 2016

Die Faszination am Vampirmythos ist genauso wenig totzukriegen, wie die Untoten selbst. In den letzten Jahren lag der bleiche Blutsauger wieder ganz im Trend, trieb in Film, Fernsehserien und Literatur sein Unwesen. Nur der Opernbühne stattete er lange keinen nächtlichen Besuch ab. Heinrich Marschners 1828 in Leipzig uraufgeführte Oper Der Vampyr ist ein selten gespieltes Werk der deutschen Romantik und doch ganz typisch für diese Epoche, in der die Gesellschaft von einer kollektiven Lust an Geister- und Schauergeschichten ergriffen war. Kein anderes Geschöpf der Nacht beflügelte so andauernd die Fantasie wie der Vampir, kaum ein anderes Monster verfügt über solch beachtliche Suggestionskraft, eignet sich so treffend als Projektion der eigenen verbotenen Triebe und Sehnsüchte. Weder Aufklärung noch Pflock konnten ihm dauerhaft ein Ende setzen. Ewige Jugend, Verführungskünste und übersinnliche Fähigkeiten – die Gaben des Vampirs entspringen zutiefst menschlichen Gelüsten. Vampirismus als Spiegel der Schattenseiten des Menschen – Gier, Egoismus, maßlose Zerstörungslust – geht uns heute vielleicht mehr an denn je.

Jens Larsen in »Der Vampyr«. © Jan Windszus Photography

Jens Larsen in »Der Vampyr«. © Jan Windsus Photography

Als Bewunderer Carl Maria von Webers orientierte sich Marschner stark an dessen Erfolgsoper Der Freischütz. Marschner wiederum inspirierte den jungen Richard Wagner zu dessen Geisterstück Der Fliegende Holländer. Er bildet somit ein musikgeschichtlich wichtiges Bindeglied und ist doch selbst zwischen den viel berühmteren Zeitgenossen in Vergessenheit geraten. An der Komischen Oper Berlin soll Marschners Vampyr nun wieder auferstehen. Das Libretto von Wilhelm August Wohlbrück basiert auf einer Erzählung von John Polidori, Leibarzt des berüchtigt zügellosen Poeten und Libertins Lord Byron, der wegen seines ausschweifenden Sexuallebens vom viktorianischen Bürgertum aus England verjagt wurde. Im Jahr 1816 verbringen Byron und Polidori gemeinsam mit Percy Shelley und dessen späterer Frau Mary ein verregnetes Wochenende am Genfer See. Die vier exzentrischen Engländer vertreiben sich die Zeit mit dem Konsum von Laudanum und dem Erzählen von Gruselgeschichten. Hier werden zeitgleich zwei der bedeutendsten Anti-Helden der Horrorliteratur geboren: Mary Shelleys Frankenstein und Polidoris aristokratischer Edel-Vampir, der stark an Lord Byron erinnert. Polidoris Erzählung tritt eine wahre Welle von Schund- und Schauerromanen los, zwischen 1790 und 1820 erscheinen über 300 solcher »Penny Dreadfuls«. War der Vampir der bisher bekannten osteuropäischen Folklore ein ärmlicher Dorfvampir, dumm, hässlich und eindimensional böse, hat Polidori mit seinem Lord Ruthven den ersten modernen Gentleman-Vampir geschaffen, einen verführerischen, gebildeten, geheimnisumwitterten Lebemann – Vorbild aller Nosferatus, Lestat de Lioncourts (Interview mit einem Vampir), Krolocks (Tanz der Vampire) oder Edward Cullens (The Twilight Series). Erst durch den alles überragenden Welterfolg von Bram Stokers Dracula 1897 musste er seinen Platz räumen und verschwand in dessen übergroßen Schatten.

In der Komischen Oper Berlin wird nun sein Sargdeckel wieder aufgeklappt: Bis die Uhr abgelaufen ist, muss Lord Ruthven drei Bräute zu Tode gebissen haben. Und dem Charme des Verführers ist nicht leicht zu widerstehen, übt er doch geradezu hypnotisierende Kräfte auf das weibliche Geschlecht aus. George Dibdin muss hilflos mit ansehen, wie seine Emmy dem grausigen Lord erliegt. Und Edgar Aubry wird beinahe wahnsinnig, weil er keinen Ausweg aus seinem Dilemma weiß: Verrät er den Vampir, wird er selbst zu einem. Tut er es nicht, wird seine geliebte Malwina zur Ehe mit dem finsteren Lord gezwungen …

Leicht erkennt der Opernliebhaber die Parallelen: Marschner, der der Legende nach die stimmungsvolle Ouvertüre auf einem Magdeburger Friedhof schrieb, wollte nicht weniger als die Nachfolge von Mozarts Don Giovanni antreten. Die Höllenfahrt eines genialischen Außenseiters erzählen, der erotisches Ergötzen im Verbrechen findet, »le bonheur dans le crime«, die Lebensdevise aller Byronschen Helden, oder mit Lord Ruthvens eigenen Worten: »Und wenn sie stöhnen voll entsetzen, ha! Welch Ergötzen! Welche Lust!«

Den Urvater aller Vampire in Szene zu setzen, die Aufgabe vertraut die Komische Oper Berlin dem jungen Regisseur Antú Romero Nunes an. Der Tübinger mit portugiesisch-chilenischen Wurzeln, Absolvent der Ernst Busch Schule, legte bereits mit seiner Diplominszenierung einen Senkrechtstart hin. In den vergangenen Jahren hat er vor allem mit seinen fantasievollen, unkonventionellen Bearbeitungen von Klassikern wie Schillers Räuber am Maxim Gorki Theater, Don Giovanni. Letzte Party, Mobby Dick oder zuletzt Brechts Dreigroschenoper am Thalia Theater Hamburg auf sich aufmerksam gemacht. Sein Regiestil setzt auf reduziertes Bühnenbild, wenig Requisite, dafür den effektvollen Einsatz von Licht und Schatten, Nebel, Wind und Geräuscheffekten, um den rechten Nervenkitzel beim Zuschauer hervorzurufen. Gemeinsam mit seinem Team hat Nunes eine ganz eigene, verdichtete Fassung von Marschners Vampir-Oper erarbeitet, die den Zuschauer hautnah am Geschehen teilhaben lässt und den gewaltigen inneren Druck der Protagonisten förmlich in den Zuschauerraum schleudert. Neu hinzugefügte musikalische Einschübe von Komponist Johannes Hofmann erhöhen den Gruselfaktor auch im orchestralen Bereich. Eine temporeiche, düster-dämonische Geisterfahrt auf blutrotem Zuschauersitz!

Geschrieben von Komische Oper

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