Nadja Mchantaf (MÉLISANDE) und Dominik Köninger (PELLÉAS) ©Jan Windszus Photography

Nadja Mchantaf (MÉLISANDE) und Dominik Köninger (PELLÉAS) ©Jan Windszus Photography

»Ne me touche pas! Ne me touche pas!« – »Fass mich nicht an!« – die fragile Geschichte der verbotenen Liebe der weltverlorenen Mélisande und des naiven Prinzen Pelléas gewährt einen tiefen Blick in die Verstrickungen der entzündeten menschlichen Seele am Rande eines neuen Zeitalters.

 

Hochsensibel für das leise mitschwingende Grauen und stets auf Tuchfühlung mit dem rätselhaft-mehrdeutigen Text tritt Claude Debussys Vertonung in einen musikalisch vielschichtigen Dialog mit dem psychologischen Märchendrama des belgischen Symbolisten Maurice Maeterlinck. Sigmund Freud schrieb an seiner Traumdeutung, als Dichter und Komponist ganz im Geist des Fin de Siècle mit ihren Mitteln die »wahre, eigentlich tiefe und allgemeine Tragödie des Lebens« nicht im heroischen Abenteuer, sondern im alltäglichen, schwer fasslichen Innenleben des Menschen aufzuspüren suchten.

Der 30-Jährige Debussy hatte 1893 die Pariser Uraufführung von Maeterlincks Bühnenstück besucht und war sich nach langem, ergebnislosen Suchen endlich sicher: Dies war der Stoff für seine erste Oper. Maeterlinck, der von sich selbst sagte, er stünde »vor einer Beethoven-Sinfonie wie ein Blinder im Museum«, ließ Debussy freie Hand. Debussy, der stets darunter litt, nur in der genau passenden Stimmung an einem Werk arbeiten zu können, brauchte dennoch neun Jahre, ehe das Werk 1902 auch als Oper seine Uraufführung feiern konnte. Die Welt aber horchte auf! Den verhassten Fixstern Richard Wagner im Blick war Debussy ein Werk gelungen, das in seiner großen Delikatesse der Sprachbehandlung ganz in der Tradition der französischen Oper stand und gleichzeitig durch und durch modern war. Jede seelische Regung aufs Genauste dem Text abhorchend, die Gesangslinien akribisch an der Wortmelodie ausgerichtet und in die feinsten Klangfarben übertragen, die Lücken des Ungesagten mit kunstvoll gesetzten Momenten der Stille beantwortend, war ihm ein Jahrhundertwerk gelungen. Es sollte Debussys einzige vollendete Oper bleiben.

Barrie Kosky folgt in seiner Inszenierung ganz dem Prinzip der Reduktion auf das Wesentliche. Er gibt seine Figuren dem Blick und dem Ohr des Publikums preis und lenkt die Aufmerksamkeit auf den Menschen, der – kaum mehr in der Lage, seine hervorbrechende verdrängte Lust und zügellose Brutalität im Griff zu halten – seiner innerlichen Verworrenheit ganz und gar ausgeliefert ist. Ein Drama des Bürgerlichen, in dem das Wesentliche unausgesprochen bleibt und es gerade deshalb seine verhängnisvolle Macht mit voller Wucht entfalten kann.

Geschrieben von Komische Oper

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