Franz Schrekers Meisterwerk »Die Gezeichneten« kommt in einer Neuinszenierung von Skandalregisseur Calixto Bieto an die Komischen Oper Berlin

Eine Insel der Lust vor den Toren Genuas, verschwundene und missbrauchte Mädchen der höheren Gesellschaft, ein körperlich deformierter Mäzen – das sind die Ingredienzien von Franz Schrekers 1918 uraufgeführter, schwül-erotischer Oper Die Gezeichneten. Keine Oper also für schwache Nervenkostüme – zumal sich mit Regiestar Calixto Bieto auch noch ein Spezialist für menschliche Abgründe für die Neuinszenierung verantwortlich zeichnet!

Ausrine Stundyte singt die Carlotta in Die Gezeichneten. Foto: Jan Windszus Photography

Ausrine Stundyte singt die Carlotta in Die Gezeichneten. Foto: Jan Windszus Photography

Unter diesen Vorzeichen wird nun also eines der düstersten Werke aus der Zeit, in der Sigmund Freuds Theorien zu hysterischen Nervenleiden salonfähig wurden, ab dem 21. Januar erstmals an der Komischen Oper Berlin zu erleben sein. Daher: Runter von der (Psychoanalyse-) Couch und rein ins dunkel-schaurige Opernvergnügen!

Calixto Bieito

In der provokanten Regiesprache eines alten Bekannten des Hauses wird Schrekers Meisterwerk neues Leben eingehaucht: Der Spanier Calixto Bieto entfachte 2005 mit seiner Inszenierung von Mozarts Die Entführung aus dem Serail an der Komischen Oper Berlin einen handfesten Opernskandal und war auch in seinen weiteren Arbeiten im Haus an der Behrenstraße – darunter Madame Butterfly, Armide oder Der Freischütz – ein Garant für starke, teilweise verstörende Bilder.  Der Regisseur, der nach Kritikermeinung »Oralsex, Kindermorde und Leichenschändung zeigt, wenn er es für richtig hält«, von sich selbst aber behauptet, er sei nicht traumatisierter als andere auch, wird gerade bei einem Stück wie den Gezeichneten die Extreme kaum meiden.

Insel mit einem schrecklichen Geheimnis

Das stark von der Psychoanalyse und der Erforschung des Unbewussten geprägte Werk behandelt große Fragen des Lebens in einem schaurigen Setting. Im Zentrum der Handlung steht der genuesische Edelmann Alviano. Mit seinem von Missbildungen gezeichneten Körper kann er leibliche Triebe nicht ausleben und flüchtet sich stattdessen in eine künstliche Scheinwelt. Das von ihm erschaffene Paradies, die Trauminsel Elysium, birgt jedoch ein grausames Geheimnis. Als er seine Insel den Bürgern Genuas schenken will, wenden sich seine Freunde gegen ihn, und selbst die wirkliche Begegnung mit der Angebeteten bringt nur flüchtiges Glück. Das Mysterium um die zu dieser Zeit spurlos verschwindenden Mädchen Genuas und Alvinos persönliches Leid kulminieren in einem Exzess aus emotionaler Wirrnis, Wahnsinn und Schmerz. Die Figuren werden regelrechte Gefangenschafts-Psychogramme, zwischen Suche nach Schönheit, Wahrheit und Triebhaftigkeit. Sie sind im wörtlichen Sinne voneinander gezeichnet – und verlieren sich in tiefschwarzen Abgründen, erotischen Ausschweifungen und ungeheuerlichem Verrat. Schrekers Oper ist ein Werk über die Schattenseiten einer überkultivierten, dekadenten Gesellschaft, die ihrem eigenen Untergang entgegengeht.

Franz Schreker

Mit Wagner und Strauss im Rücken schuf der Komponist hierfür eine düster überwältigende Tonsprache, die perfekt die zehrenden Seelenqualen der Protagonisten spiegelt. Nicht von ungefähr war Schreker einst der meistgespielte Komponist seiner Zeit. Durch weit ausgreifende Melodiebögen und harmonische Entwicklungen bis an den Rand der Tonalität entfaltet diese Musik einen hypnotischen Sog. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb wurden auch die Gezeichneten ein Opfer ihrer Zeit. 1915 vollendet wurde die Oper erst 1918, also nach dem Ersten Weltkrieg, uraufgeführt. Ihr fulminanter Siegeszug fand jedoch mit der Machtübernahme der Nazis 1933 ein jähes Ende. Wenn Protagonist Alviano trotzig verkündet: »Die Schönheit sei Beute des Starken!« dann kündigt sich in diesem Motto seines Lebenswerks nicht nur das eigene Unheil an – sondern deutet vor dem Hintergrund des Zeitgeschehens auch auf das Schicksal des Werkes selbst. Nun wird es von Dirigent Stefan Soltesz zu neuem musikalischem Leben erweckt. Soltesz leitet eine vielversprechende Sängerbesetzung, darunter der weltweit gefeierte Tenor Peter Hoare als Alviano Salvago, die litauische Sopranistin Ausrine Stundyte, die an der Komischen  Oper Berlin bereits als Judith in Bartóks Herzog Blaubarts Burg begeisterte, als Carlotta; und das ehemalige Ensemblemitglied, der mittlerweile international erfolgreiche Bariton Michael Nagy in der Partie des düsteren Grafen Vitelozzo.

Selten behandelte eine Oper so explizit die Tabus einer Gesellschaft, selten gingen unterdrückte Sexualität und deren Sprengkraft mit so großem Sog in ein Meisterwerk der Operngeschichte ein – und selten beleuchtete ein Opernstoff so packend die tiefsten Abgründe der Menschen. In ihrer Modernität rührt diese Oper heute wie damals an brisante Themen und Fragen: Was ist es, worüber wir nicht zu reden wagen? Und wie gehen wir mit dem um, was da an die Oberfläche des Schweigens dringt?

Geschrieben von Komische Oper

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