Benjamin Brittens Ein Sommernachtstraum in der suggestiv-hypnotischen Inszenierung von Viestur Kairish ist noch bis Ende Oktober in der Spielzeit 2014/15 an der Komische Oper Berlin zu sehen.

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Foto: Iko Freese (drama-berlin.de)

In der vergangenen Spielzeit hat der lettische Opern- und Filmregisseur Viestur Kairish Brittens Ein Sommernachtstraum auf die Bühne der Komischen Oper Berlin gebracht. Als Kairishs Debüt im deutschsprachigen Raum entfaltet die Inszenierung ein anspielungsreiches Gewebe aus Verwandlungen und suggestiven Grenzgängen im Zwischenraum von Schlafen und Wachen, ein Abend im musikalischen Schwebezustand zwischen Traum und Wirklichkeit. Die ganze Palette des Menschseins wird hier wie ein Fächer vor allen Sinnen ausgebreitet; ein Stück wie gemacht für die Schauspiellust im Ensemble der Komischen Oper Berlin.

Am Beginn aller Träumerei in Benjamin Brittens 1960 in Aldeburgh uraufgeführter Oper Ein Sommernachtstraum steht in Shakespeares Vorlage ein Ehekrach: Elfenkönigin Titania streitet sich mit ihrem Gatten Oberon um einen kleinen indischen Jungen, den Oberon zu seinem Gefolge zählen will. Zur Lösung dieses Problems bringt König Oberon, verkörpert durch Countertenor Terry Wey, mithilfe des Kobolds Puck kurzerhand ein Zaubermittel zum Einsatz. Dieser magische Wunderstoff macht jeden im Handumdrehen verliebt, und zwar in das erstbeste Geschöpf, das ihm über den Weg läuft. Selbstverständlich geht alles Mögliche schief, denn Puck verwechselt gleich mal das zu manipulierende Personal. Die unglücklich verliebte Helena, dargestellt von Adela Zaharia, findet sich ganz plötzlich mit gleich zwei glühenden Verehrern auf einmal wieder. Einer davon ist allerdings eigentlich anderweitig vergeben. Als wäre dem nicht genug, verfällt Königin Titania, gesungen von Ensemblemitglied Nicole Chevalier, auch noch unsterblich dem tollpatschigen Esel Zettel (Stefan Sevenich). Und dies mit einer Wahrhaftigkeit, wie sie herzerfrischender kaum sein kann. Kurz gesagt: Es kommt zu einem immensen Liebeswirrwarr, und schon ist die Welt aus den Angeln gehoben. Klingt überdreht, entspricht aber durchaus jenen chaotischen Gefühlszuständen, die jeder kennt, der sich jemals vollkommen sinn- und verstandslos verknallt hat.

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Foto: Iko Freese (drama-berlin.de)

Dazu flimmert das Orchester der Komischen Oper Berlin unter der musikalischen Leitung von Kristiina Poska mit farbenreichem Instrumentarium, von der Sopranino-Blockflöte über Harfen und Cembalo bis hin zur Celesta. Eine musikalische Grenzbegehung, mitten hineinkomponiert in das 20. Jahrhundert aus der Feder eines Komponisten, der einmal sagte: »Träume können Dinge ans Tageslicht bringen, von denen man glauben möchte, sie wären wohl besser nicht zu Tage getreten.« Genau an diesem Punkt setzt auch Brittens Ein Sommernachtstraum an: Der Komponist kürzte Shakespeares fünfaktige Vorlage auf gerade einmal drei Akte zusammen. Ein irisierendes Glissando der Streicher gleich zu Beginn der Oper saugt das Publikum unmittelbar in eine regelrechte Traumlandschaft hinein. Mit Brittens im wahrsten Sinne des Wortes »zauberhafter« Musik taucht der Zuhörer direkt in eine andere Welt.

Die Musik macht das alltägliche Klein-Klein für eine Weile vergessen und eröffnet einen Raum schier schrankenloser Fantasie, in dem Figuren und Handlungen bar jeder Vernunft bunt durcheinander wirbeln; in dem Alltägliches und Archaisches, Bodenständiges und Abgedrehtes in aller Verschiedenheit aufeinander prallen; in dem kein Platz bleibt für lähmende Gewöhnung.

Die Bilderwelt des Regisseurs Viestur Kairish oszilliert ganz und gar zeitenthoben zwischen Elfen, Menschen und Tieren, zwischen Jung und Alt, Königen und Handwerkern, Sommer und Winter, Männlichem und Weiblichem, und nicht zuletzt zwischen Unschuld und Lust. Inmitten dieses Szenarios entspinnt sich eine fabelhaft verworrene Geschichte rund um den zutiefst menschlichen Wunsch nach Liebe und die vielleicht noch tiefer sitzende Angst vor ihrer Macht.

Geschrieben von Komische Oper

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