Barrie Kosky, Suzanne Andrade und Paul Barritt über fliegende Elefanten, die Welt des Stummfilms und die ewige Suche nach Liebe

Wie entstand die Idee, Die Zauberflöte gemeinsam mit »1927« zu inszenieren?

Barrie Kosky Die Zauberflöte ist die meistgespielte deutschsprachige Oper, eine der Top-10-Opern weltweit. Jeder kennt die Geschichte, jeder kennt die Musik, jeder kennt die Figuren. Obendrein ist es eine »alterslose« Oper, d. h. ein Achtjähriger findet darin genauso etwas für sich wie ein Achtzigjähriger. Man fühlt sich also unter einem gewissen Druck, wenn man sich an eine Inszenierung dieser Oper macht. Ich denke, die Herausforderung besteht darin, die heterogene Natur dieser Oper anzunehmen. Jeder Versuch, das Stück nur in einer Richtung zu deuten, muss scheitern. Man muss ganz im Gegenteil die Ungereimtheiten der Handlung und der Figuren ebenso wie die Mischung aus Fantasy, Surrealismus, Magie und tief berührenden menschlichen Emotionen geradezu zelebrieren. Vor etwa vier Jahren besuchte ich eine Aufführung von Between the Devil and the Deep Blue Sea, der ersten Show von »1927«. Die Aufführung fing an, und diese faszinierende Mischung aus Live-Performance und Animation, die ganz eigene ästhetische Welt des Stücks und dieses seltsame Gemisch aus Stummfilm, Music Hall, Comic, Collage und vielem anderen ließen nach nur wenigen Minuten den Entschluss in mir heranreifen, dass diese Leute Die Zauberflöte mit mir machen müssen! Dabei schien es mir durchaus von Vorteil, dass Paul und Suzanne sich zum ersten Mal an eine Oper wagen, denn dadurch sind sie völlig unbelastet von dem bereits erwähnten Druck, den diese Oper für uns mit sich bringt. Entstanden ist eine einzigartige Berliner Zauberflöte. Obwohl Suzanne und Paul zum ersten Mal in Berlin arbeiten, gibt es eine innere künstlerische Beziehung zu dieser Stadt, von der gerade in den 20er Jahren viele kreative Impulse auf dem Gebiet der Malerei, des Kabaretts, des Stummfilms, aber auch des Animationsfilms ausgingen. Suzanne, Paul und ich teilen die Liebe für Revue, Vaudeville, Music Hall und ähnliche Theaterformen. Und natürlich für den Stummfilm. So trägt unser Papageno Züge von Buster Keaton, Monostatos ist ein bisschen Nosferatu, und Pamina erinnert vielleicht ein wenig an Louise Brooks. Das alles aber ist keine Hommage an den Stummfilm, dafür gibt es viel zu viele Einflüsse aus anderen Bereichen. Die Welt des Stummfilms hat uns vielmehr mit einem Vokabular versorgt, das wir nach Belieben benutzen können.

Ist die Liebe zum Stummfilm der Grund, warum Sie sich »1927« nennen?

Suzanne Andrade 1927 ist das Jahr des ersten Tonfilms: The Jazz Singer mit Al Jolson, eine absolute Sensation zur damaligen Zeit. Kurioserweise glaubte aber niemand daran, dass der Tonfilm sich gegen den Stummfilm durchsetzen würde. Gerade diesen Aspekt fanden wir überaus spannend. Wir arbeiten mit einer Mischung aus Live-Performance und Animation, das ist in vielerlei Hinsicht ebenfalls eine vollkommen neue Form. Viele haben die Kunstform Film im Rahmen von Theateraufführungen benutzt, aber »1927« integriert den Film auf eine sehr neue Art und Weise: Wir inszenieren nicht ein Theaterstück und fügen dann den Film hinzu. Genauso wenig drehen wir einen Film und kombinieren ihn dann mit Schauspiel-Elementen. Alles geht Hand in Hand. Unsere Shows scheinen der Welt der Träume, bisweilen auch der Albträume entsprungen und erinnern in ihrer Ästhetik immer wieder an die Welt des Stummfilms.

Paul Barritt Und dennoch wäre es falsch, in unseren Arbeiten nur den Einfluss der 20er Jahre und des Stummfilms zu sehen. Wir finden unsere visuellen Anregungen in allen Epochen, in Kupferstichen des 18. Jahrhunderts ebenso wie in Comics der Gegenwart. Es gibt keine ästhetische Festlegung in unserem Kopf, wenn wir an einer Show arbeiten. Das Wichtigste ist, dass das Bild passt. Ein gutes Beispiel dafür ist Papagenos Arie »Ein Mädchen oder Weibchen«: Da er im Dialog vor seiner Arie ein Glas Wein serviert bekommt, lassen wir ihn auch etwas trinken … allerdings keinen Wein, sondern einen rosafarbenen Cocktail aus einem riesigen Cocktailglas! Suzanne hatte die Idee, dass er rosa Elefanten sieht, die irgendwann zu fliegen beginnen. Da denke ich natürlich sofort an den berühmtesten aller fliegenden Elefanten: an Dumbo! Der stammt aus den 40er Jahren. Wichtig ist, dass am Ende alles zu einer gemeinsamen Ästhetik verschmilzt.

Suzanne Andrade Unsere Zauberflöte ist eine Reise durch die unterschiedlichsten Fantasiewelten. Aber wie in all unseren Shows gibt es einen verbindenden Stil, der dafür sorgt, dass das Ganze in ästhetischer Hinsicht nicht auseinanderfällt.

Barrie Kosky Dafür sorgt nicht zuletzt auch euer ganz besonderes Rhythmusgefühl. Der Rhythmus sowohl der Musik als auch des Textes bestimmt die Animationen in erheblichem Maße. In der gemeinsamen Arbeit an der Zauberflöte ist das Timing immer über die Musik entstanden, auch und gerade in den sehr verkürzten Dialogen, die wir nach Stummfilmart als Zwischentitel mit Klavierbegleitung kreiert haben. Allerdings ist es ein Hammerklavier aus dem 18. Jahrhundert! Und die Begleitmusik stammt von Mozart, aus seinen beiden Fantasien in c-Moll KV 396 und in d-Moll KV 397. Das verleiht dem Ganzen nicht nur einen einheitlichen Stil, sondern auch einen einheitlichen Rhythmus. Ein Stummfilm von Wolfgang Amadeus Mozart sozusagen!

Aber funktioniert das Stück denn fast ganz ohne Dialoge?

Suzanne Andrade Ich glaube, dass am Ende fast jede Geschichte ohne Worte auskommen kann. Man kann eine Geschichte bis auf die Knochen entkleiden, um herauszufinden, was man wirklich benötigt, damit sich der Plot immer noch erzählt. Das haben wir bei der Zauberflöte versucht. Man kann sehr, sehr viel auch rein visuell erzählen. Es braucht nicht unbedingt immer zwei Seiten Dialog, um eine Beziehung zwischen zwei Menschen zu veranschaulichen. Es bedarf keines zwanghaft komischen Dialogs von Papageno, um zu erzählen, dass er eine lustige Figur ist. Ein geschickter Gag – und wir alle haben mehr verstanden als durch manchen Dialog.

Paul Barritt Da sind wir wieder beim Stummfilm. Das war ja nicht einfach ein Tonfilm ohne Ton, in dem die Zwischentitel den fehlenden Ton ersetzten. Die Macher der Stummfilme haben vielmehr versucht, durch Bilder das zu erzählen, was dann im Tonfilm vielfach durch Dialoge vermittelt wurde. Sie haben eine Geschichte in Gesten, Bewegungen, Blicken etc. erzählt. Zwischentitel wurden sehr sparsam eingesetzt.

Barrie Kosky Diese Konzentration auf die Bilder macht es möglich, dass jeder Zuschauer die Show auf seine ganz eigene Weise erleben kann: als ein magisches, lebendiges Märchenbuch, als eine merkwürdige, zeitgenössische Meditation über den Stummfilm, einen singenden Stummfilm gewissermaßen, oder als ein lebendig gewordenes Gemälde. Im Grunde haben wir ja an die hundert Bühnenbilder, in denen Dinge passieren, die auf einer Theaterbühne normalerweise gar nicht möglich sind: fliegende Elefanten, herumsausende Flöten mit Notenschweif, Show-Girl-Glöckchen … Wir fliegen zu den Sternen und fahren mit dem Aufzug in die Hölle – und das alles innerhalb weniger Minuten. Neben all den Animationen gibt es in unserer Inszenierung aber immer wieder auch Momente, in denen die Sänger in einem einfachen weißen Spot stehen. Und plötzlich sind da nur noch die Musik, der Text und die Figur. Gerade die Einfachheit macht diese Momente zu den vielleicht berührendsten des Abends. Für die gesamte Aufführung gilt: Die Technik spielt sich nie in den Vordergrund. Obwohl Paul Stunden über Stunden vor dem Computer sitzt, verlieren seine Animationen nie ihre tief menschliche Komponente, weil man die Hand, die all dies gezeichnet hat, immer sehen kann. Videoprojektionen als Teil von Theaterinszenierungen sind ja nicht neu. Aber oft wird das nach wenigen Minuten langweilig, weil es keine Interaktion zwischen dem zweidimensionalen Raum der Leinwand und den drei Dimensionen der Darsteller gibt. Suzanne und Paul haben dieses Problem gelöst, indem sie alle Dimensionen in einer gemeinsamen theatralischen Sprache vereinen.

Worum geht es eigentlich in der Zauberflöte? Paul Barritt Es ist eine Liebesgeschichte, erzählt als Märchen …

Suzanne Andrade … die Liebesgeschichte zwischen Tamino und Pamina. Die beiden versuchen das gesamte Stück über, zueinander zu finden – aber alle anderen trennen sie immer wieder und ziehen sie voneinander weg. Erst ganz am Schluss kommen sie zusammen.

Barrie Kosky Eine seltsame, märchenhafte Liebesgeschichte, die eine Menge archetypischer bzw. mythologischer Momente besitzt wie beispielsweise die Reise, die die beiden machen müssen, um Erkenntnis zu erlangen. Sie müssen durch Feuer und Wasser gehen, um zu reifen. Das sind uralte Initiationsriten. Die Freimaurer interessieren uns dabei herzlich wenig. Das hat ja viel, viel tiefere Wurzeln. Tamino verliebt sich in ein Bild! Wie viele Mythen und Märchen beinhalten dieses Handlungselement!? Der Held verliebt sich in ein Bild und macht sich auf die Suche nach der abgebildeten Person. Und auf dem Weg zu ihr trifft er auf alle möglichen Hindernisse. Und gleichzeitig geht das Objekt seiner Liebe durch die eigene persönliche Hölle, unternimmt eine eigene Reise. Man könnte unsere Inszenierung auch als eine Reise durch die Traumwelten von Tamino und Pamina erleben. Diese beiden Traumwelten begegnen sich und formen zusammen einen anderen seltsamen Traum. Die Person, die diese Träume und ihre Welten miteinander verbindet, ist Papageno. Wir konzentrieren uns sehr auf diese drei Figuren. Interessanterweise folgt auch Papageno einem Bild: dem Fantasiebild der perfekten Frau an seiner Seite, nach der er sich fast schon verzweifelt sehnt. Trotz all der komödiantischen Elemente herrscht da auch eine tiefe Einsamkeit in der Zauberflöte. Die Hälfte des Stückes handelt darüber, dass Menschen alleine sind: Trotz ihrer Heiterkeit geht es in Papagenos Vogelfänger-Arie letztlich um einen Menschen, der sich einsam fühlt und nach Liebe sehnt. Tamino rennt gleich zu Beginn der Oper allein durch den Wald. Die drei Damen sind alleine und fühlen sich sofort von Tamino angezogen. Die Königin der Nacht ist alleine: Ihr Mann ist bereits verstorben, und nun wurde ihr auch die Tochter geraubt. Und Sarastro hat zwar ein großes Gefolge, aber keine Partnerin an seiner Seite. Nicht zu sprechen von Monostatos, dessen ungestillte Liebessehnsucht in kaum gezügeltes Begehren ausartet. In der Zauberflöte geht es um die Suche nach Liebe. Und um die unterschiedlichen Wege, auf die uns diese Suche bisweilen führt. Und schließlich ist es auch eine orphische Geschichte. Es geht um die Kraft der Musik, die die Natur bewegen und Berge versetzen kann. Immerhin heißt die Oper ja nicht »Tamino und Pamina«, sondern Die Zauberflöte! Die Zauberflöte ist nicht nur ein Instrument, sie ist die Musik schlechthin, und Musik ist in diesem Falle gleichbedeutend mit Liebe. Ich denke, das ist der Grund, warum so viele Menschen diese Oper so sehr lieben: Weil sie sehen, hören und fühlen, dass es sich dabei um eine universelle Darstellung jener Suche nach Liebe handelt, die wir alle immer wieder aufs Neue unternehmen.

Geschrieben von Komische Oper

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