Wiederaufnahme von Richard Wagners Die Meistersinger von Nürnberg und Oscar Straus‘ Eine Frau, die weiß, was sie will!

»Wach auf, es nahet die neue Spielzeit«, wollen wir dieser Tage in Anlehnung an den berühmten Chor aus Wagners Meistersingern rufen. Denn die Komische Oper Berlin erwacht im September aus dem allsommerlichen Theaterschlaf. Und sie reibt sich keinesfalls langsam im Snooze-Modus den Schlaf aus den Augen, sondern startet sofort mit einem, nein zwei großen Ausrufezeichen: eben Wagners alle Kräfte des Hauses mobilisierender Volksoper Die Meistersinger von Nürnberg und Oscar Straus‘ Operette Eine Frau, die weiß, was sie will!, die in der Inszenierung von Barrie Kosky zwar nur zwei Darsteller benötigt – die jedoch können es an Energie mit dem gesamten Meistersinger-Ensemble aufnehmen, stellen sie doch im Laufe des Abends über 20 unterschiedliche Charaktere dar! Der Fixstern, um den sich bei Straus alles dreht: Die Operettendiva Manon Cavallini, die trotz einer Unzahl von Verehrern und Angeboten stets den Überblick behält. Und diese starke Frauenfigur findet ausgerechnet in Wagners Meistersingern eine Vorgängerin im Geiste.

Eine Frau, die weiß, was sie will! Please notice the copyright details at the end of the text! -- Komische Oper Berlin "EINE FRAU, DIE WEISS, WAS SIE WILL!", Operette mit Musik von Oscar Straus, Libretto von Alfred Gruenwald nach Louis Verneuil, Musikalische Leitung: Adam Benzwi, Inszenierung: Barrie Kosky, Kostueme: Katrin Kath, Premiere am 30.01.2015. Szene mit Dagmar Manzel und Max Hopp. -- © Iko Freese / drama-berlin.de Veroeffentlichung bei Nennung des Fotografen fuer Ankuendigungen und redaktionelle Berichterstattung ueber die Produktion an der Komischen Oper Berlin honorarfrei. Bitte ein Belegexemplar an: Komische Oper Berlin, Pressestelle, Behrenstr. 55-57, D-10117 Berlin, presse@komische-oper-berlin.de. -- Komische Oper Berlin 'MOTHER OF PEARL', operetta with music by Oscar Straus, libretto by Alfred Gruenwald after Louis Verneuil, conducted by Adam Benzwi, directed by Barrie Kosky, costumes design Katrin Kath, opening January 30, 2015. Scene with Dagmar Manzel and Max Hopp. -- © Iko Freese / drama-berlin.de Reproductions for editorial purposes and program announcements covering the production at the Komische Oper Berlin are free of charge, if the photographer is fully credited. Please send a copy to Komische Oper Berlin, Pressestelle, Behrenstr. 55-57, D-10117 Berlin, presse@komische-oper-berlin.de.

Eine Frau, die weiß, was sie will! (Bild: Iko Freese/drama-berlin.de)

Denn auch hier spielt eine Frau, die weiß, was sie will, eine zentrale Rolle. Zumal dann, wenn dieses längste und doch überaus kurzweilige Stück Musiktheater so angelegt wird, wie es der Regisseur Andreas Homoki im Jahr 2010 unternommen hat: Eva, wohlhabende Nürnberger Bürgerstochter und »Hauptpreis« eines überalterten Sängerwettstreits, wird hier von Beginn an als emanzipierte Frau ernst genommen. Gegen alle Regeln von Stand und Familienbande erklärt sie dem Ritter Walther von Stolzing kurzerhand ihre Liebe: »Euch oder keinen!« ruft sie und konterkariert damit alle Pläne ihres Vaters Pogner, sie dem besten Sänger als Gewinn zur Frau zu geben. Später darf sie inmitten der über die Bühne rollenden Hausattrappen von Homokis verträumt-abstraktem Nürnberg sogar noch ihrem alten Mentor Hans Sachs einen verstohlenen Kuss aufdrücken. Es ist ganz klar: Diese Frau ist nicht bereit, die Spielchen mitzuspielen, die in Würden angestaubte Männerbündel ihr aufzwingen möchten. Aber ganz im Gegensatz zu den meisten anderen Heldinnen Richard Wagners endet ihre Auflehnung nicht tragisch, mündet ihre unangepasste Liebe nicht in Tod und Selbstopfer. Ihr ist stattdessen ein regelrechtes Happy End vergönnt, an dem sie selbst regen Anteil hat. Noch bevor überhaupt der Begriff der Emanzipation geläufig wurde, lebte Eva im Rahmen ihrer Zeit weibliche Selbstbestimmung vor.

Als 65 Jahre nach der Münchner Uraufführung der Meistersinger die Premiere von Straus’ Eine Frau, die weiß, was sie will! über die Bühne geht, sieht Emanzipation schon drastischer aus. Als typische Vamps à la Marlene Dietrich bringt das Mutter-Tochter-Duo aus Manon und Lucy seine zahlreichen Verehrer um den Verstand. Dennoch handeln sie keineswegs aus böswilligem Antrieb, sondern lassen sich ganz von der Liebe leiten. Dabei sind sie so selbstverständlich unangepasst, wie es die vielleicht berühmteste Nummer der Operette auf den Punkt bringt: »Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?«

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Die Meistersinger von Nürnberg (Bild: Monika Rittershaus)

Leider aber stand es um das Ansehen emanzipierter Frauen wie um vieles Andere in diesem Land zur Zeit der Premiere 1932 schon ziemlich schlecht. Das lag natürlich nicht an der legendären Fritzi Massary, die in der Rolle der Operettendiva Manon Cavallini am Berliner Metropol-Theater in der Behrenstraße (der heutigen Komischen Oper Berlin) ihr einmaliges Können zeigte. Vielmehr waren es die aufstrebenden Nationalsozialisten, denen die Kunst der Massary zu »jüdisch« und das alles bestimmende Gespann aus Manon und ihrer Tochter Lucy zu schrill erschien. Dass hier die um die Wette balzenden Männer zu Protagonisten in einem irren Kammerspiel abstempelt wurden, galt als allzu provokante Persiflage zeitgenössischer Geschlechterrollen. Wie Straus musste auch die große Fritzi Massary wenige Jahre später emigrieren, Eine Frau, die weiß, was sie will! geriet zunehmend in Vergessenheit.

Umso mehr wurde die Wiederentdeckung am Originalspielort durch die Inszenierung von Intendant Barrie Kosky vor anderthalb Jahren gefeiert. Kosky hat das Personenkarussell von Straus’ Operette auf gerade einmal zwei Darsteller reduziert: Dagmar Manzel und Max Hopp teilen sich sämtliche Rollen vor einer beständig auf- und zuschlagenden Tür, die alle Figuren dieser Operettenglitzerwelt regelrecht auszuspucken scheint. Männer spielen Frauen, Frauen spielen Männer, das Verwirrspiel der Geschlechter läuft geradezu heiß. Der Umsturz aller Regeln, der in den Meistersingern noch durch die handwerkliche Überlegenheit der »alten« Kunst mahnend in die Schranken gewiesen wurde, hat bei Oscar Straus dem Anschein nach freie Fahrt. Doch hier wie dort gibt es die eigentliche Auflösung erst in der Vereinigung von Gegensätzen: Die Bürgerstochter Eva bekommt ihren Ritter, Lucy erkennt die vermeintliche Liebeskonkurrentin Manon als ihre eigene Mutter. Antrieb des Ganzen? Natürlich Frauen, die wissen, was sie wollen!

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Geschrieben von Komische Oper

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