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Die Clivia-Schwäne im Keller der Komischen Oper Berlin

Eines der Highlights dieses Operettensymposiums ist, dass wir Teilnehmer dauernd durchs Haus der Komischen Oper Berlin laufen dürfen, vom Foyer zur Probebühne und weiter zur Kantine usw. Da sieht man dann unverhofft mitten im Gang die berühmten Clivia-Schwäne stehen, diesmal ohne Kunstnebel drum herum und ohne Christoph Marti in voller Drag-Montur oben drauf. Und da sieht man an einer Wand mit Presse-Clippings plötzlich einen Artikel aus der Zeitschrift Crescendo über Barrie Kosky mit den Überschrift: »Es gibt ein großes Loch!«

Gier-komische-Operette-bamburg-uv-pressWie bitte? Wie ich einem nagelneuen Buch übers Genre entnehmen durfte,»bekommt der Mensch Assoziationen, wenn er »Loch« hört«. (Wer hätte das geahnt?) Dies ist zumindest Kurt Tucholskys Meinung, die Albert Gier in seiner Poetik und Dramaturgie der komischen Operette zitiert, ein Buch, das die University of Bamberg Press mit einem außergewöhnlich unattraktiven Cover herausgegeben hat, das aber trotzdem sehr lesenswert ist. Und über das in den Mittagspausen des Symposiums von diversen Teilnehmern immer wieder gesprochen wurde, auch deshalb, weil Professor Gier selbst nicht anwesend ist. (Komischerweise.)

Dass der Libretto-Forscher aus Bamberg in seiner jüngsten akademischen Publikation von »Löchern« und »Erotik«, »rosaroten Brillen«, »Begehren im Walzertakt« sowie »Rausch« schreibt, zeigt, dass sich in der deutschen Welt-der-Universitäten etwas getan hat.

Und das ist gut so. Genauso wie an Tag 2 des Symposiums die unverhoffte These aufgestellt wurde, dass Operette heute besonders dann gut funktioniere, wenn sie mit Stilzitaten andere Genres und andere Zeiten mit ihren spezifischen Aufführungsstilen heraufbeschwöre. Tobias Bonn, von den Geschwistern Pfister, sowie Helmut Baumann verwiesen darauf, dass die aktuellen Inszenierungen, in denen sie mitwirken, sich beide bei älteren Genres und Aufführungstraditionen bedienen, um dem Zuschauer mittels Zitat Anhaltspunkte zum Verständnis zu geben. Das sei – fanden viele bei der Diskussionsrunde – absolut typisch für unsere Recycling-Generation: Wir haben keinen eigenen Stil, stattdessen greifen wir zurück auf andere, vorangegangene Stile, und schaffen aus ihnen etwas Neues, Heutiges. Nämlich unseren eigenen Stil. Solches Recycling entspricht total dem, was Operette von Offenbach einst war: ein ständiges Zitieren von anderen Genres, um sich über diese lustig zu machen und als altmodisch-überkommen zu verlachen. Darüber hat Carolyn Williams jüngst ihr wunderbares Operettenbuch Genre, Gender & Parody geschrieben.

Die Komische Oper Berlin hat aus den vielschichtigen Stilzitaten in Ball im Savoy, Clivia, Die schöne Helena und Eine Frau, die weiß was sie will! ein eigenes »Konzept« gemacht, das maximalen Zuschauerzuspruch bekommt. Und damit die beim Symposium geäußerte – heftige! – Kritik von Ryan Minor vom Opera Quarterly entkräftet, der meinte, die Operettenproduktionen an der Behrenstraße würden eben kein »Konzept« erkennen lassen, vergleichbar mit dem, was bei den Operninszenierungen zu finden sei.

Da gibt es wohl in Mr. Minors Operettenverständnis ein »großes Loch«. Über das er mal dringend mit Tucholsky sprechen sollte. Oder mit Barrie Kosky.

Dr. Kevin Clarke ist Direktor des Operetta Research Center Amsterdam
www.operetta-research-center.org

Geschrieben von Komische Oper

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