19.06.2017 

Mit einer zweisprachigen Aufführung von Prokofjews Konzertstück Peter und der Wolf erreicht das musikalisch-integrative Sprachlernprojekt der Komischen Oper Berlin seinen Höhepunkt … 

Man merkt ihnen die Aufregung kaum an: Die drei Jungs Abdullah, Hamid und Hamza stehen an diesem Montagvormittag schon fast wie Profis auf der Bühne. Lässig in Jeans und T-Shirt gekleidet, blicken sie konzentriert ins Publikum. Ihre Mitschüler*innen der Heide-Grundschule in Berlin-Adlershof schauen erwartungsvoll zurück.

Seit Beginn des letzten Schuljahres hat Musiktheaterpädagogin Sarah Görlitz sich einmal wöchentlich mit den Schüler*innen dreier Willkommensklassen der Adlershofer Grundschule getroffen. Auch Abdullah, Hamid und Hamza besuchen eine dieser Klassen, die es zugewanderten Kindern ermöglichen sollen, Deutsch zu lernen. Gemeinsam mit Sarah Görlitz haben die Mädchen und Jungen in den letzten Monaten rund um das Stück Peter und der Wolf gesungen, Instrumente gespielt, dirigiert, sich eigene Geschichten ausgedacht und miteinander diskutiert. Die Deutschkenntnisse der Schüler*innen haben sich in der Zeit enorm verbessert, im nächsten Schuljahr wechseln sie in Regelklassen. Ermöglicht wurde das Projekt von der Karl Schlecht Stiftung und der Heinz und Heide Dürr Stiftung. Der Besuch in der Komischen Oper Berlin stellt den vorläufigen Höhepunkt dar. Die Kinder, die größtenteils aus Syrien stammen, aber beispielsweise auch aus Afghanistan, Russland oder dem Iran, haben ihre Mitschüler*innen und Lehrer*innen aus den Regelklassen zum Konzert mitgebracht. Auch viele Eltern sitzen im Publikum.

Abdullah Mawed, Sarah Görlitz, Hamza Alsamra, Hamid Arab

Abdullah Mawed, Sarah Görlitz, Hamza Alsamra, Hamid Arab

Die heutige Aufführung von Peter und der Wolf ist eine Premiere im Haus: Zum ersten Mal wird die begleitende Erzählung des Konzertstücks in zwei Sprachen vorgetragen: auf Deutsch und auf Arabisch. Dazu haben sich neben dem Orchester der Komischen Oper Berlin, unter der Leitung von Ivo Hentschel, auch die beiden Schauspieler Max Hopp und Hussein Al Shatheli auf der Bühne eingefunden. Aber bevor es losgeht mit Peter und der Wolf, kommt der große Auftritt von Abdullah, Hamid und Hamza. Zusammen mit der Leiterin der Musiktheaterpädagogik, Anne-Kathrin Ostrop, stellen sie die Instrumente des Orchesters in gleich drei Sprachen vor: Deutsch, Arabisch und Persisch.

Das musikalische Märchen Peter und der Wolf, in dem der Junge Peter mit Hilfe seines tierischen Freunds, dem Vogel, auf kluge Weise den gefährlichen Wolf einfängt, wurde 1936 von dem russischen Komponisten Sergej S. Prokofjew geschrieben, um Kindern die Instrumente des Sinfonieorchesters näherzubringen. So repräsentiert jedes Instrument ein bestimmtes Tier oder eine Person in der Geschichte über Verantwortung, Freundschaft und Mut. Dass das Lehrstück sich nicht nur wunderbar zur Vermittlung musikpädagogischer Inhalte eignet, sondern darüber hinaus auch die Möglichkeit bietet, auf spielerische Weise die deutsche Sprache zu erlernen, zeigt das musikalisch-integrative Sprachlernprojekt zwischen der Komischen Oper Berlin und der Heide-Grundschule.

Für ihren mutigen Auftritt ernten die Jungs viel Applaus. Dann setzen sie sich selber ins Publikum. Gespannt verfolgen sie mit den anderen Zuschauer*innen, wie sich die Geschichte zwischen Orchester und Erzählern entspinnt. Max Hopp und Hussein Al Shatheli lesen im Wechsel, jeder in seiner Muttersprache. So unterschiedlich Deutsch und Arabisch auch klingen, durch das Zusammenspiel mit dem Orchester hat man an manchen Stellen fast den Eindruck, die fremde Sprache verstehen zu können. Während Max Hopp schon in zahlreichen Produktionen der Komischen Oper Berlin begeistern konnte, steht Hussein Al Shatheli zum ersten Mal auf der Bühne des Hauses. Vor zwei Jahren ist er aus Syrien nach Deutschland gekommen. In Damaskus hat er die Hochschule für Darstellende Künste besucht, momentan spielt er im Exil Ensemble des Gorki Theaters in Berlin. Shatheli ist begeistert von dem integrativen Projekt der Komischen Oper Berlin: »Das Ziel ist so simpel und so klar. Es geht einfach darum, sich erstmal ganz unabhängig von Sprache miteinander zu verständigen und in Kontakt zu kommen.« Er selber lerne auch immer noch Deutsch, sagt er lachend. Und fügt hinzu: »Kinder nehmen Sachen total schnell auf. Sie lernen einfach mit Spaß. Deshalb können sie sich auch viel leichter integrieren.«

Nach dem erfolgreichen Konzert versammeln sich die Schüler*innen, Lehrer*innen und Eltern im Foyer zum gemeinsamen Feiern. Sie sei stolz auf ihre Willkommenskinder, sagt die Schulleiterin der Heide-Grundschule, Regina Maier, besonders natürlich auf die drei Jungs, die sich heute auf die Bühne getraut hätten. Theaterpädagogin Sarah Görlitz wird von einer Gruppe Kinder umringt: »Wann machen wir weiter?!« Bedauernd schüttelt sie den Kopf. Denn im nächsten Schuljahr läuft das Projekt zwar weiter, aber dann mit den neuen Willkommensklassen. »Wir sehen uns doch trotzdem«, sind die Schüler*innen zuversichtlich. Im Rahmen des Projektes hat das Orchester der Komischen Oper Berlin eine zweisprachige CD-Aufnahme von Peter und der Wolf eingespielt. Ab Mitte Juli ist sie an der Theaterkasse erhältlich. Der Clou: Zusätzlich enthält die CD auch eine rein instrumentale Einspielung, um Kindern aus aller Welt das eigenständige Erzählen des Textes in ihrer Muttersprache in die Musik hinein zu ermöglichen. Auch Lehrmaterialien für Lehrer*innen werden zur CD erscheinen.

Ob noch jemand etwas sagen möchte, fragt Anne-Kathrin Ostrop in die Runde. Ein Junge vom Schülerparlament der Heide-Grundschule meldet sich zu Wort: »Es war laut, aber sehr, sehr cool.«

 

Weitere zweisprachige Vorstellungen von Peter und der Wolf : Freitag, 23.6.2017 11:00 Uhr und Sonntag, 25.6.2017 11:00 Uhr. Die Vorstellungen sind offen für alle Besucher*innen. Karten sind wie immer über die Opernkasse erhältlich.

Geschrieben von Komische Oper

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