»Der König von Zion«

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Theodor Herzl (2. Mai 1860 in Pest, Ungarn – 3. Juli 1904 in Edlach)

Edlach, 3. Juli 1904 – In »Dr. Konrads Cur- und Wasserheil-Anstalt« knapp 100 Kilometer von Wien entfernt liegt Theodor Herzl, der Begründer der modernen politischen Zionismusbewegung, im Sterben. Die Ärzte haben bei dem 44-Jährigen eine Herzschwäche diagnostiziert und zu Ruhe und Schonung geraten. Aber Herzls neunjähriger rastloser Kampf für eine politische Lösung der europäischen Judenfrage fordert seinen Tribut. Frau und Kinder sind ans Sterbebett geeilt, auch die 67-jährige Mutter, die Herzl lange im Unklaren über seinen ernsten Zustand gelassen hatte, ist angereist. Zahlenmäßig nicht weniger stark begleiten die Mitstreiter seiner »politischen Familie« den von ihnen verehrten und bewunderten Führer auf seinem letzten Weg. »Einmal richtete er sich wie ein Imperator auf seinem zerwühlten Lager auf, deutete auf die vor seinem Zimmer Wache haltenden Studenten und sagte in feierlichem Tone zu Dr. Singer: ›Es sind prächtige, gute Leute, meine Volksgenossen! Sie werden sehen, sie ziehen in ihre Heimat ein!‹« (Alex Bein).Wenige Stunden später ist Herzl tot.

Die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina hat Theodor Herzl nicht mehr erlebt. Die »Heimat«, von der er noch in seinen letzten Lebensstunden träumte, besuchte er nur ein einziges Mal, im Jahre 1898. »Kein Moses kommt in das Gelobte Land«, konstatierte Herzl selbst. Zum Moses der Zionistischen Bewegung hatte er sich aber erst im Laufe seines Lebens gewandelt. Der 1860 im ungarischen Pest geborene Sohn des Direktors der Hungariabank Jakob Herzl und seiner Frau Jeannette ist ein typischer Spross des assimilierten Judentums der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie: Religiöse Sitten und Bräuche werden nur mehr oberflächlich zelebriert, anlässlich der Bar Mitzwa (Feier der Religionsmündigkeit) ihres Sohnes laden die Eltern Herzl zur »Konfirmation« – so wie dies Theodor selbst später auch bei seinen eigenen Kindern tun wird. Die Mutter legt bei der Erziehung ihrer Kinder hingegen großen Wert auf die Weitergabe deutscher Kultur. Bei ihrem Sohn Theodor legt sie damit die Grundlagen für seine spätere Theaterbegeisterung und seine schriftstellerischen Fähigkeiten.

Seine theatralen Ambitionen bleiben jedoch weitgehend glücklos: Nach einem Studium der Rechtswissenschaften in Wien, wohin die Familie 1878 gezogen war, schreibt Herzl mehrere Dramen und Lustspiele, die aber bestenfalls Achtungserfolge erzielen. Seinen Lebensunterhalt versucht er, als Feuilletonist für verschiedene Zeitungen aufzubessern. 1891 erhält er das Angebot, als Korrespondent in Paris für die Wiener Neue Freie Presse vom politischen Geschehen in Frankreich zu berichten. Die vier Jahre währende Tätigkeit lässt ihn zu einem anerkannten Journalisten heranreifen.

Bereits zu Studienzeiten war Herzl mit antisemitischen Strömungen konfrontiert worden, die in der K.u.k.-Monarchie ebenso zur Tagesordnung gehörten wie in der Dritten Republik Frankreichs. Gerade während seiner Tätigkeit in Paris setzt sich Herzl zunehmend mit der Situation der Juden in Europa und den damit verbundenen Problemen auseinander. Die Lösung der Judenfrage sieht er zu jener Zeit in verstärkten Bemühungen um weitere Assimilation. Darin geht Herzl so weit, dass er eine Massenkonvertierung der Wiener Juden zum Christentum propagiert: »An Sonntagen um zwölf Uhr sollte in feierlichen Aufzügen unter Glockengeläute der Übertritt stattfinden in der Stefanskirche. Nicht verschämt, wie es Einzelne bisher getan, sondern mit stolzen Gebärden.« Die sogenannte Dreyfus-Affäre jedoch dreht Herzls Ansichten ins Gegenteil.

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Émile Édouard Charles Antoine Zola (* 2. April 1840 in Paris; † 29. September 1902 in Paris)

Der jüdisch-französische Offizier Alfred Dreyfus wurde aufgrund nur vager Verdachtsmomente der Spionage und des Landesverrats angeklagt. Trotz Protesten von intellektueller Seite – so bezichtigte Émile Zolas berühmter, in der Tageszeitung LʼAurore abgedruckter offener Brief mit dem Titel »Jʼaccuse« (»Ich klage an«) ranghohe Offiziere des Generalstabs und der Militärjustiz sowie konservative Presseorgane des Antisemitismus, der Lüge und der Rechtsbeugung –, wurde Dreyfus am Ende zu lebenslänglicher Deportation und militärischer Entehrung verurteilt, was in Öffentlichkeit und Presse mit antisemitischen Schmähungen kommentiert wurde – ein Erlebnis, das Herzl tief erschütterte. Der Wutschrei der Menge »À mort! À mort les juifs!«, so Herzl, hätte ihm gezeigt, dass hier nicht ein jüdischer Verdächtigter als Verdächtigter, sondern als Jude verfolgt wurde. Nur kurze Zeit später verfasst Herzl die Schrift Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage, in der er die vor allem im Ostjudentum verbreitete, jedoch nur in diffuser Form bestehende Idee einer Auswanderung nach Palästina zum Plan der Gründung eines Judenstaates ebendort ausformuliert und ein aktives Vorantreiben dieses Projekts auf politischer Ebene propagiert. Assimilation und Integration sieht Herzl nunmehr als einen zum Scheitern verurteilten Irrweg an. »Ich halte die Judenfrage weder für eine soziale noch eine religiöse […]. Sie ist eine nationale Frage. Wir sind ein Volk, ein Volk.«

Durch die Gründung einer zionistischen Weltorganisation, zu deren erstem Präsidenten Herzl auf dem Kongress in Basel 1897 gewählt wird, und des Jewish Colonial Trust, dessen Aufgabe die Beschaffung und Bereitstellung von Geld zum Ankauf von Land in Palästina ist, durch Gespräche mit Politikern und gekrönten Häuptern wie dem deutschen Kaiser Wilhelm II. (unter dessen Protektorat Herzl den neuen Staat stellen wollte), dem türkischen Sultan Abdul Hamid II. (Palästina gehörte zum Osmanischen Reich), dem britischen Kolonialminister Joseph Chamberlain oder Papst Pius X. (der eine Unterstützung des Projektes kategorisch ablehnte) versucht Herzl, seine Vision, den Traum vom Auszug der Juden ins Gelobte Land, voranzutreiben.

Von einigen seiner Anhänger als »Prophet«, ja sogar als »König von Zion« verehrt, stößt Herzl bei Weitem nicht bei allen jüdischen Gruppierungen nur auf Zustimmung. Ausgerechnet die Kreise, denen Herzl entstammt, das westeuropäische Reformjudentum, hält die Idee, den in der Gesellschaft durch jahrhundertelangen Kampf um Emanzipation errungenen Status einfach aufzugeben, um in ein unwirtliches, unkultiviertes Land im Nahen Osten auszuwandern, für den »Faschingstraum eines durch den Judenrausch verkaterten Feuilletonisten« (Anton Bettelheim in den Münchner Allgemeinen Nachrichten). Der nun auf breiter politischer Bühne agierende Herzl wird von ihnen als – durchaus gefährlicher – Spinner ebenso gefürchtet wie verspottet. Letzteres in gewohnt scharfzüngiger Manier von Karl Kraus, der Herzl vor allem der Verlogenheit und Janusköpfigkeit bezichtigt und gerade Herzls Ablehnung der Assimilation als lächerlich empfindet: »Der Mann […] geht mit messianischer Erlösermiene an sein feuilletonistisches Tagewerk. Von den Gründungsplänen für das Königreich Zion wird er in das Carltheater abberufen, wo er als Referent der Neuen Freien Presse über Operettenpremieren zu richten hat und erst, wenn das Stück zu Ende, die Erhebung des jüdischen Volkes mit ansehen darf.« Das orthodoxe Judentum wiederum empfindet Herzls Vision als Anmaßung: Dem in der Tora angekündigten Messias allein ist es vorbehalten, das Volk Israels ins Gelobte Land zurückzuführen. Großen Zuspruch wiederum findet Herzl auf Seiten des durch Repressalien und Pogrome drangsalierten Ostjudentums, von dessen ärmlichen Lebensbedingungen er sich auf seiner Russlandreise knapp ein Jahr vor seinem Tod selbst ein Bild macht. Und selbst auf den zionistischen Kongressen, von denen zu Herzls Lebzeiten sechs abgehalten werden, kommt es immer wieder zu Spannungen innerhalb der Mitglieder, zuletzt sogar zu regelrechten Flügelkämpfen.

Und doch sollte Herzl am Ende Recht behalten, als er unmittelbar nach dem 1. Zionistischen Weltkongress in Basel 1897 prophezeite, dass der jüdische Staat in weniger als 50 Jahren existieren werde. Er selbst konnte sein Volk nicht ins Gelobte Land führen. Seine sterblichen Überreste jedoch, und die seiner Familie, wurden, seinem Wunsch entsprechend, nur wenige Monate nach der Gründung des Staates Israel (15. Mai 1948) nach Jerusalem überführt.

»Der Mann Moses«

SIGMUND FREUD GEBURTSTAG JUBILAEUM

Sigmund Freuds Psychoanalyse-Couch im Freud-Museum in London. Bild: AP

London, 6. Juni 1938 – Sigmund Freud, 82 Jahre alt, vom Krebs gezeichnet, hat dem Drängen von Freunden und Verwandten endlich nachgegeben und ist nach dem »Anschluss Österreichs« durch Hitlerdeutschland vor den Nationalsozialisten aus Wien über Paris nach London emigriert. Fast alle haben es geschafft und sind mit ihm in London: seine Tochter Mathilde und ihr Mann Robert, die jüngste Tochter Anna, Sohn Oliver und die Söhne Ernst und Martin mit ihren Familien. Die Schwägerin Minna Bernay, schwerkrank und fast blind, war bereits Anfang Mai nach England gebracht worden. Sogar die Ausfuhr von Freuds geliebter und mittlerweile sehr wertvoller Antikensammlung, seiner »alten und dreckigen Götter«, wie Freud selbst sie bezeichnet, haben die Nazis kurz vor der Abreise noch bewilligt. Und natürlich ist auch der berühmte »«, den Freud zur Verlobung von seinem Cousin geschenkt bekommen und der Freuds Behandlungscouch in der Berggasse 19 so viele Jahre bedeckt hatte, nicht in Wien zurückgeblieben.

Freud, der sich selbst immer als Atheist und Feind der Religion bezeichnete und – obwohl religiös erzogen – in der eigenen Familie keinerlei jüdische Traditionen pflegte, war gleichwohl fasziniert von des Menschen Bedürfnis nach einem »Gott als Weltschöpfer, Stammesoberhaupt, persönlichen Fürsorger«. Unter dem Eindruck des gegen Ende des 19. Jahrhunderts verstärkt auflodernden Antisemitismus näherte sich auch Freud wieder ein wenig der Religion seiner Väter an. »Obwohl der Religion meiner Voreltern längst entfremdet, habe ich das Gefühl für die Zusammengehörigkeit mit meinem Volk nie aufgegeben«, schrieb er 1926 in einem Brief. Theodor Herzls zionistischer Bewegung stand er skeptisch, wenn auch nicht rundweg ablehnend gegenüber.

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Mosesskulptur von Michelangelo, ca. 1515

Der schon als Jugendlicher gegenüber seinen Geschwistern überaus autoritär auftretende, als Familienoberhaupt später dann auch in den eigenen vier Wänden geradezu patriarchalisch über Frau und Kinder regierende Freud war aber in ganz besonderer Weise von der biblischen Gestalt des Moses fasziniert. Im Jahre 1901 erfüllt sich Freud eine lang gehegte Sehnsucht: Er besucht Rom, wo er zum ersten Mal auch die eindrucksvolle Skulptur von Michelangelos Moses in der Kirche San Pietro in Vincoli bewundert. Sieben Mal noch kehrt Freud in den folgenden Jahren in die Ewige Stadt zurück, zum letzten Mal im Jahre 1923 mit seiner Tochter Anna. Dem Moses von Michelangelo aber widmet er sich bei seinem Aufenthalt im Jahre 1912 in besonders eingehender Weise: Zwei Wochen lang pilgert er jeden Tag zu der Statue. Die Ergebnisse seiner Beobachtungen veröffentlicht er 1914 in der Schrift Der Moses des Michelangelo.

Als Führerfigur gerierte Freud sich nicht allein in der Familie, sondern auch im beruflichen Umfeld. Er, der Entdecker der Psychoanalyse und Gründer der Psychoanalytischen Gesellschaft, forderte von seinen »Jüngern«, die er in der sogenannten Mittwoch-Gesellschaft um sich scharte, unbedingte Ergebenheit. Meinungsverschiedenheiten mit Freunden und Kollegen, auch engen, führten immer wieder im Laufe von Freuds Leben zum irreparablen Bruch. Fackel-Herausgeber Karl Kraus begegnete der Psychoanalyse anfangs mit Neugier und Wohlwollen. Mit der für ihn typischen Ambivalenz bemerkt Kraus: »Freud gebührt das Verdienst, in die Anarchie des Traums eine Verfassung eingeführt zu haben. Aber es geht darin zu wie in Österreich.« Aus verschiedenen Gründen wandelt sich Krausʼ anfangs zustimmende Haltung in offene Ablehnung. Vor allem der scheinbar unbegrenzte Anspruch der Psychoanalyse auf Erklärungshoheit ist Kraus ein Dorn im Auge. Statt einer Befreiung des Sexus bringe die Psychoanalyse bloß neue Formen der Reglementierung: »Eine gewisse Psychoanalyse ist die Beschäftigung geiler Rationalisten, die alles in der Welt auf sexuelle Ursachen zurückführen mit Ausnahme ihrer Beschäftigung.« Freud kontert: »Es fehlt ihm [Kraus] jede Spur von Selbstüberlegenheit, und er scheint seinen Trieben ohne jeden Halt preisgegeben.«

Nur zwei Wochen nach seiner Ankunft im englischen Exil nimmt Freud seine Arbeit an Der Mann Moses und die monotheistische Religion wieder auf. Mitte der 1930er Jahre hatte er damit begonnen, die Arbeit jedoch immer wieder unterbrochen, u. a. aus Furcht vor negativen Konsequenzen für seine Arbeit und die Psychoanalyse im Allgemeinen von Seiten katholisch-konservativer Kreise in Österreich. Denn nicht nur, dass Freud in seiner Abhandlung die These aufstellt, dass Moses in Wahrheit kein Jude, sondern ein Ägypter war, der die monotheistische Religion Echnatons an die Israeliten weitergab und durch das strikte Bilderverbot sogar noch an Abstraktion überbot. Darüber hinaus sieht Freud im Antisemitismus eine Reaktion gegen den »Triebverzicht« des Bilderverbots. Antisemitismus ist demzufolge »Antimonotheismus und damit Antiintellektualismus« (Jan Assmann, Freuds Konstruktion des Judentums). »Man sollte nicht vergessen«, so Freud, »dass alle diese Völker, die sich heute im Judenhass hervortun, erst in späthistorischen Zeiten Christen geworden sind, oft durch blutigen Zwang dazu getrieben. Man könnte sagen, sie sind alle ›schlecht getauft‹, unter einer dünnen Tünche von Christentum sind sie geblieben, was ihre Ahnen waren, die einem barbarischen Polytheismus huldigten. Sie haben ihren Groll gegen die neue, ihnen aufgedrängte Religion nicht überwunden, aber sie haben ihn auf die Quelle verschoben, von der das Christentum zu ihnen kam. […] Ihr Judenhass ist im Grunde Christenhass.«

Nun, in England, ins Exil getrieben von den neuen Wortführern der Judenhasser, fühlt sich Freud frei von jeglichen pragmatischen und politischen Vorbehalten und vollendet sein Werk. Es wird seine letzte Veröffentlichung sein: 15 Monate nach Ankunft in England stirbt Sigmund Freud 83-jährig in London. Seine Couch, sein »Smyrnateppich« und seine »alten und dreckigen Götter« befinden sich bis heute im Londoner Exil.

»Moses und Aron«

Los Angeles, 25. September 1934 – Ein Telegramm seines Schwagers Rudolf Kolisch mit den lapidaren Worten »Luftveränderung dringend erwünscht!« hatte Arnold Schönberg im Mai 1933 veranlasst, den bereits gefassten Entschluss, Berlin und das nationalsozialistische Deutschland zu verlassen, noch am gleichen Tag in die Tat umzusetzen. Über Paris, wo er die Rückkehr in die jüdische Glaubensgemeinschaft vollzieht, gelangt Schönberg mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten. Nach ein paar Monaten in Boston und New York, wo Schönberg unterrichtet und Konzerte dirigiert, zieht er aufgrund des für sein Asthmaleiden wesentlich günstigeren trockenen Wüstenklimas weiter nach Los Angeles, wo er am 25. September 1934 eintrifft. Im Gepäck des Komponisten befindet sich seine in weiten Teilen in Berlin entstandene, noch unvollendete Oper Moses und Aron.

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Arnold Schönberg, Porträt von Egon Schiele, 1917

Seit Anfang der 1920er Jahre beschäftigte sich Schönberg bereits mit dem biblischen Stoff des Propheten Moses. 1898 war der in Wien geborene Sohn des Kaufmanns Samuel Schönberg und seiner Ehefrau Pauline zum evangelischen Glauben konvertiert. Der zunehmende Antisemitismus jedoch, den Schönberg immer mehr auch am eigenen Leib zu spüren bekam, führte zwei Jahrzehnte später zu einer neuerlichen Auseinandersetzung mit dem Glauben seiner Väter. Als die Gemeindeverwaltung des Ortes Mattsee im Salzburger Land, in den sich Schönberg im Sommer 1921 zum Komponieren zurückgezogen hatte, verfügt, dass Juden der Aufenthalt in dem Ort nicht gestattet sei, reist Schönberg wütend ab. Der Vorfall wird in gewisser Weise zum Schlüsselerlebnis für den Komponisten, der sich erneut auf sein Judentum besinnt: »Denn was ich im letzten Jahre zu lernen gezwungen wurde«, schreibt er 1923 an Wassili Kandinsky, »habe ich nun endlich kapiert und werde es nicht wieder vergessen. Dass ich nämlich kein Deutscher, kein Europäer, ja vielleicht kaum ein Mensch bin (wenigstens ziehen die Europäer die schlechtesten ihrer Rasse mir vor), sondern, dass ich ein Jude bin.«

Das in den Jahren zwischen 1914 und 1927 entstandene, unvollendet gebliebene Oratorium für Soli, Chor und Orchester Die Jakobsleiter ist ebenso Zeugnis dieses Identifikationsprozesses wie das 1927 vollendete (bis heute unaufgeführte) Agitprop-Drama (ohne Musik!) Der biblische Weg. In letzterem thematisiert Schönberg die Vision der Errichtung eines neuen Staates der Juden außerhalb Europas und nimmt damit eine zentrale Idee des von Theodor Herzl begründeten modernen politischen Zionismus auf. Die Idee des Zionismus begeistert Schönberg gerade im Jahr seiner Emigration in besonderem Maße: »Darum will ich eine Bewegung hervorrufen, welche die Juden wieder zu einem Volk macht und sie in einem geschlossenen Land zu einem Staat vereinigt«, schreibt er im Mai 1933 an Ernst Toch. »Man braucht hierzu einen Mann, der gewillt und geeignet ist, mit dem Kopf gegen die Mauern zu rennen, und der entschlossen ist, jeden umzurennen, der bloß diskutieren, parlamentieren, protestieren, unterstützen und mit einem Wort: schwächen will. Ich habe mich entschlossen, in Ermangelung eines Besseren, einstweilen anzufangen. Immerhin weiß man es, dass ich gegen Mauern angerannt bin, und kann sehen, dass nicht ich dabei zugrunde gegangen bin.«

An Selbstbewusstsein und Überzeugung der eigenen Sendung mangelte es Schönberg auch auf dem Gebiete der Komposition nicht. Ähnlich wie Sigmund Freud scharten sich Schönbergs »Schüler um ihn wie die Jünger um ihren Meister« (Heinrich Jalowetz). Und in fast messianischer Weise fühlte sich der Komponist berufen, den von ihm beschrittenen Weg zu gehen, der den von Schönberg vollzogenen Bruch mit der Tonalität nur folgerichtig erscheinen ließ: »Einer hatʼs sein müssen, keiner hatʼs sein wollen; da habʼ ich mich halt dazu hergegeben«, antwortete der Soldat Schönberg lapidar im Kriegsjahr 1915 seinem Vorgesetzten auf die Frage, ob er denn jener umstrittene Komponist Schönberg sei. Und seinem Schüler Josef Rufer gestand er stolz auf einem Spaziergang im Jahr 1921 in Bezug auf die von ihm erst kurz zuvor entwickelte »Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen« (Zwölftontechnik, Dodekaphonie): »Ich habe eine Entdeckung gemacht, durch welche die Vorherrschaft der deutschen Musik für die nächsten hundert Jahre gesichert ist.«

Die Hauptfigur von Schönbergs Drama Der biblische Weg, der ehemalige Journalist Max Aruns, als Politiker und Philosoph Motor der Auswanderungsbewegung und von seinen Anhängern verehrend »der Meister« genannt, ist deutlich an die Person Theodor Herzls angelehnt, trägt aber durchaus auch Züge ihres Schöpfers. Darüber hinaus sind in Max Aruns aber auch – darauf deutet bereits der Name – die beiden Prinzipien vereinigt, die Schönberg dann wenig später in den Brüdern Moses und Aron einander gegenüberstellte: »Moses und Aron bedeuten für mich zwei Tätigkeiten eines Menschen: eines Staatsmannes. Dessen beide Seelen wissen nichts voneinander; seines Gedanken Reinheit wurde nicht getrübt durch seine öffentlichen Handlungen; und diese werden nicht schwächlich durch Rücksichtnahme auf jeweils noch ungelöste Probleme, die der Gedanke stellt.« Um das Jahr 1923 noch als Kantate mit dem Titel »Moses am brennenden Dornbusch« geplant, formt Schönberg die Idee fünf Jahre später zu einem dreiteiligen Oratorium um, das er schließlich – in seiner Zeit als Kompositionslehrer an der Berliner Akademie der Künste – in Form einer Oper zu realisieren gedenkt.

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James Jacques Joseph Tissot – Moses und Aaron, ca 1902

Gedanken oder Worte? Ideen oder Bilder? – Schönberg macht das Bruderpaar Moses und Aron zu Personifikationen zweier unterschiedlicher Konzepte: Moses, der Mann der Gedanken, ist auf die Hilfe seines Bruders angewiesen, um die abstrakte Gottesidee in verständliche Worte und Bilder zu fassen. Aron wird bei Schönberg zum Zauberer, der wortgewandt und trickreich das wankelmütige Volk davon zu überzeugen weiß, Moses und seinem so andersartigen, weil abstrakten Gott zu folgen. Aber verändern, ja verderben Arons Worte und Zaubertricks nicht bereits die reine Idee, die in Worte zu fassen so unmöglich erscheint? – Moses, der von sich selbst sagt: »Meine Zunge ist ungelenk: Ich kann denken, aber nicht reden«, äußert sich nur in einem in ungefähren Tonhöhen notierten Sprechgesang, wohingegen Aron, der die Gedanken seines Bruders »verkaufen« muss, sich in bisweilen weit ausschwingenden (atonalen) Melodien äußert. Und so wie Max Aruns Züge Schönbergs trägt, steckt sowohl in Moses als auch in Aron viel von deren Schöpfer, dessen neu entwickelte Kompositionsmethode in ihrer geradezu mathematisch anmutenden Konstruktionstechnik die passende Musiksprache für ein Drama um einen abstrakten, weil unsichtbaren und unvorstellbaren Gott zu liefern scheint.

»Wenn du eine Ahnung hättest, wie schön es hier ist!«, schreibt Schönberg am 13. November 1934 begeistert aus Los Angeles an seinen Schüler Anton Webern. »Kaum ein Tag – angeblich auch im Winter – ohne Sonne.« Das Licht und die gleichmäßige Tageslänge waren nicht zuletzt ein wichtiger Grund dafür, dass sich Anfang des 20. Jahrhunderts eine Vielzahl von Filmstudios in Los Angeles angesiedelt hatten, drehte man zu dieser Zeit doch noch ausschließlich mit Tageslicht, also entweder im Freien oder in einem Studio mit Glasdach. Der erste in Hollywood gedrehte Film entstand im Jahre 1910: In Old California von David Wark Griffith, dessen opulenter, größtenteils ebenfalls in Hollywood gedrehter Episodenfilm Intolerance von 1916 als ein Meisterwerk des Stummfilms gilt. Bereits um 1915 wurde die Mehrheit aller amerikanischen Filme in der Region von Los Angeles produziert. Dabei waren die Gründer und Bosse der größten Hollywoodstudios allesamt Juden, deren Familien aus Osteuropa oder Deutschland stammten: Adolph Zukor, der Chef von Paramount, war ebenso wie William Fox (Fox Film Corporation, später mit 20th Century Pictures zu 20th Century Fox fusioniert) Spross einer armen ungarisch-jüdischen Familie; Louis B. Mayer, Gründer von Louis B. Mayer Pictures, wenig später Chef der aus einer weiteren Fusionierung entstandenen Metro-Goldwyn-Mayer, kam als Lazar Meir in Minsk in Weißrussland zu Welt; Samuel Goldwyn hieß eigentlich Schmuel Gelbfisz und stammte aus Warschau; Universal war eine Gründung des aus dem oberschwäbischen Laupheim stammenden Sohns eines jüdischen Viehhändlers Carl Laemmle; die Warner-Brüder waren Söhne jüdischer Einwanderer aus Polen. »Das Geschichtenerzählen ist ein wichtiger Teil unserer Identifikation«, versucht Rob Eshman, Chefredakteur des Jewish Journal in Hollywood, diesen Umstand zu erklären. »Unser Volk wurde selber durch Geschichten aus der Tora und der Bibel geschaffen. Juden verstehen, dass man mit Geschichten Menschen zusammenbringen und inspirieren kann. Außerdem sind gläubige Juden geübt im Geschichten-Analysieren. Wir diskutieren beim Studium des Talmud die Bedeutung der Texte.« Darüber hinaus empfand die protestantische Elite Amerikas anfangs das Geschäft mit den bewegten Bildern als niederes Amüsement für Ungebildete und Einwanderer. So überließ sie das neue Genre den (jüdischen) Einwanderern, die mitten in der kalifornischen Wüste ihr »Gelobtes Land« fanden und ihre Traumfabrik, »Tinseltown« (= »Flitterstadt«), erschufen.

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Zwölftonreihe zur Komposition von Moses und Aron (Haus der Musik, Wien)

Und mittendrin ab September 1934: der österreichische Komponist Arnold Schönberg, Erfinder der Zwölftonkomposition, der auch in Amerika unangepasst bleibt, ein Außenseiter, der sich den Mechanismen des Marktes in keiner Weise unterzuordnen gedenkt; ein Außenseiter jedoch unter zahllosen weiteren in Kalifornien Gestrandeten: Auf der Flucht vor den Nazis hatten viele deutsche und österreichische Künstler und Wissenschaftler (Juden und Nichtjuden) eine neue Heimat in Los Angeles gefunden. Schriftsteller wie Thomas und Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, Erich Maria Remarque, Bertolt Brecht, Alfred Polgar, Alfred Döblin oder Walter Mehring, Komponisten wie Paul Dessau, Hanns Eisler, Ernst Krenek oder Ernst Toch – die Liste scheint endlos. Und natürlich war auch eine Menge Filmschaffender aus Deutschland und Österreich in die Nähe der Traumfabrik geflohen: Billy Wilder, Fritz Lang, Fritz Kortner, Max Ophüls, Peter Lorre, um nur einige zu nennen.

1936 erhält Schönberg einen Lehrstuhl an der University of California. Doch die finanzielle Lage bleibt schwierig, so dass der Komponist auch nach seiner Emeritierung im Jahre 1944 weiter Privatunterricht geben muss. Die Vollendung seiner Oper Moses und Aron ist ihm, eigenen Äußerungen zufolge, ein dringendes Bedürfnis, und dennoch macht der unkomponierte Dritte Akt bis zu Schönbergs Tod im Jahre 1951 keine nennenswerten Fortschritte. So wie Schönberg nach 1933 nie mehr europäischen Boden betrat und als amerikanischer Staatsbürger und doch als Fremder in Kalifornien starb, blieb auch sein Moses in der Wüste, ohne seinen Weg zu Ende gehen zu können. Oder war das Werk in Berlin bereits vollendet, und dem »O Wort, du Wort, das mir fehlt« am Ende des Zweiten Aktes letztlich nichts hinzuzufügen?

Ulrich Lenz, Chefdramaturg der Komischen Oper Berlin

Geschrieben von Komische Oper

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