Karolina Gumos als Carmen Foto: Robert Recker

Karolina Gumos als Carmen Foto: Robert Recker

Dieser Klassiker darf in der Jubiläumsspielzeit der Komischen Oper Berlin nicht fehlen: Carmen, die wohl populärste Oper der Welt! Und eine mit unauslöschlichen Klischees behaftete – oder? Regisseur Sebastian Baumgarten spielt in seiner Inszenierung von 2011 bewusst mit vielen der verbreiteten Carmen-Projektionen. Und bricht sie ganz bewusst, u.a. indem er der spanisch anmutenden Musik des Franzosen Georges Bizet original spanischen Flamenco gegenüberstellt. Verstärkt man mit einem solchen Aufeinandertreffen nicht gerade die folkloristische Sichtweise auf das Werk? »Ganz im Gegenteil«, findet Flamenco-Tänzerin Ana Menjibar. Die Künstlerin mit spanisch-deutschem Hintergrund war bereits bei der Premiere dabei,  ihr kommt in dieser Produktion eine wichtige Rolle zu. »Der Flamenco wird zwar ebenfalls oft nur als Klischee genutzt, oder sogar nur als dessen Zitat: der Volant-Rock, ein Olé, dieses ewige Bild der Verführung. Aber das ist nicht Flamenco, vielmehr ist er eine komplexe musikalische und rhythmische Kunstform, ein starker Ausdruck von Emotionen, bis hin zur Auseinandersetzung mit dem Tod.« Die Figur der Manuela, die Ana Menjibar spielt, wurde entsprechend von Sebastian Baumgarten und ihr gemeinsam entwickelt und erscheint im Laufe der Oper in vielen Schlüsselmomenten. Sie ist quasi ein roter Faden, der sich durch den ganzen Abend zieht. Die musikalische Verspieltheit des Flamencos und den Volant-Rock gibt es zwar bei der Feier zu Beginn des 2. Aktes auch. Doch im 3. Akt, wenn Carmen und ihre Freunde im Untergrund tätig sind, nimmt der Flamenco auch andere Formen an. »Hier wird die Musik viel dramatischer und der Tanz zum Sprachrohr des Kampfes, zum Ausdruck der Kraft und des Widerstandes«, so Ana Menjibar. »Und in meiner letzten Szene, kurz vor Carmens Ermordung, wird schließlich unterstrichen, wie sehr der Tanz Teil eines Dialoges sein kann, sich aus der Sprache heraus entwickelt und sie sogar ersetzt.«

Der auf diese Weise ganz und gar unkitschig präsentierte Flamenco bildet eine hervorragende Ergänzung zu der herben Lesart, mit der Sebastian Baumgarten sich dem, wie er es nennt, »neuzeitlichen Mythos« Carmen nähert. Bizet spiegelt in seiner Oper ein romantisch verklärtes Spanien-Bild wieder, wie es im Frankreich des Uraufführungsjahres 1875 herrschte. Eine wichtige Rolle spielt dabei das verbreitete Bild der »Zigeuner« als Inbegriff von Freiheitsdrang und unbürgerlichem Lebenswandel – auch Carmen wird so gezeichnet. Anders als in der zugrundeliegenden Novelle von Prosper Mérimée ist Carmens Liebhaber Don José bei Bizet ein pflichtbewusster Soldat, der nur aus Leidenschaft zu dieser »Femme fatale« zum Mörder wird. Baumgarten greift hingegen in seiner Inszenierung wieder auf Mérimée zurück: Dort ist Don José keineswegs ein braver Bürger, sondern ein Bandit, der bereits einen Mord begangen hat und daher seine Heimat verlassen musste. Josés Verhältnis zur starken, unabhängigen Carmen erscheint dadurch in einem ganz anderen Licht. Wie in der Novelle wird der Mord an ihr als Rückblick erzählt, wodurch die Aufführung eine besondere Spannungsdichte erhält.

Armut, Krise und Tod sind ständig präsent in Carmen – ebenso wie der pure, ungebändigte Lebenswille. Ähnliches gilt auch für den Flamenco. Denn „er war ursprünglich der Tanz der Straße“, so Ana Menjibar. In seinem Facettenreichtum passt der Flamenco hervorragend zu Carmen, als Ergänzung und als Kontrast. Und diese Carmen passt bestens zur Komischen Oper: ein weiteres Kernstück des Repertoires, das hier unterhaltsam und inhaltsbezogen gedeutet wird.

Geschrieben von Komische Oper

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