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Am 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz findet an der Komischen Oper Berlin ein ganz besonderer Abend statt: Farges Mikh Nit – vergiss mich nicht: Alma Sadé (u.a. Maria in West Side Story), Helene Schneidermann (als Kaiserin Octavia in Monteverdis Poppea unvergessen) – und am Klavier Intendant Barrie Kosky! Am 27. Januar lassen die drei Künstler eine vergessene Gattung wiederaufleben: das jiddische Theater. Die Autoren und Komponisten, darunter Joseph Rumshinsky, Alexander Olshanetsky, Sholom Secunda oder der »jiddische Shakespeare« Abraham Goldfaden, zum größten Teil aus Osteuropa stammend, emigrierten unter dem Druck der dortigen Pogrome Anfang des 20. Jahrhunderts in die USA, wo sie dem noch in den Kinderschuhen steckenden amerikanischen Musical und der aus Europa importierten Operette ein drittes Genre gegenüberstellten. Ihre Lieder handeln nicht selten vom Exil, von Einsamkeit und Heimweh: »Wo du auch sein magst – farges mikh nit!« Ein stiller, ein besonderer Abend – zu später Stunde auf der Vorbühne. In diesem Blogeintrag von Prof. Dr. Jascha Nemtsov geht es um die Lieder des jiddischen Theaters.

Im Oktober 1876 fand in der rumänischen Stadt Jassy (Iaşi) die erste Aufführung eines jiddischen Theaterstücks statt – dies war die Geburtsstunde des jüdischen Theaters. Autor und Produzent des Stücks war Abraham Goldfaden (1840–1908), als Schauspieler engagierte er Mitglieder aus einer Truppe sogenannter »Brodersinger« – Wandermusikanten und -sänger, die ihren Lebensunterhalt durch Aufführungen von lustigen Couplets, lyrischen Liedern und kurzen scherzhaften Dialogen in jüdischen Kneipen und auf Volksfesten verdienten. Die Kunst dieser »Brodersinger« – eine Tradition, die sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zunächst in der galizischen Stadt Brody entfaltete – hatte einen großen Einfluss auf das frühe jiddische Theater. Nicht nur stammten die meisten Schauspieler aus den »Brodersinger«-Truppen, sondern wurde das frühe jiddische Theater auch wesentlich vom volkstümlichen Stil ihrer Aufführungen inspiriert. Ein wesentliches Element war dabei die Improvisation. Die Stücke wurden kaum geprobt, sondern bei jeder Aufführung quasi neu kreiert. »Ich erzählte ihnen, was sie machen und sprechen sollten. Wenn sie sich die Worte nicht genau merken konnten, sollten sie eigene einsetzen, die ihnen gerade einfielen. Hauptsache, sie wussten, wann sie zu küssen hatten und wann zu kämpfen und zu tanzen«, erinnerte sich Goldfaden später.

DSCF3506Abraham Goldfaden, der als »Vater des jiddischen Theaters« gilt, wurde in Wolhynien im Russischen Reich (heute in der Westukraine) geboren. Er trat zunächst selbst als Liedautor und »Badchen« (Volkskomödiant und Alleinunterhalter bei der jüdischen Hochzeit) in die Fußstapfen der damals berühmten »Brodersinger« Berl Broder oder Welwl Zbarsher, bevor er 1876 nach Rumänien kam und die Idee hatte, statt primitiver Vorstellungen ein richtiges Musiktheater mit geschlossener Handlung und volkstümlichen Musikeinlagen aufzubauen. Seinen Erinnerungen zufolge hatte Goldfaden von Anfang an erzieherische Ambitionen und einen hohen künstlerischen Anspruch, der aber im Widerspruch zum herrschenden Publikumsgeschmack stand: »Mein Herz war voll Schmerz, wenn ich sah, dass mein Volk sich auf einer niedrigen Stufe der geistigen Entwicklung befand. Ich merkte, dass sie sich des heiligen Funkens ihres eigenen Volkstums völlig unbewusst waren. So habe ich versucht, diesen Funken in ihre Seelen durch meine Lieder einzupflanzen. Die Menschen brauchten eine Schule, um ihr eigenes Leben und das unseres Volkes zu verstehen. Sie brauchten Mittel, um ihre Traditionen zu verstehen. Historische Stücke sollten ihnen gezeigt werden, damit sie lernten, zu erkennen, wo sie hergekommen waren und wer sie eigentlich sind. Bevor ich nach Jassy in Rumänien kam, hatte ich bereits klassische Literatur, Drama und Oper gründlich kennengelernt. Ebenso gut kannte ich die jüdische Geschichte und Literatur, die mir neue Wege öffneten. … Mein Kopf war voll mit Sujets wie Joseph und seine Brüder, König David, König Solomon, die Makkabäer, Jehuda Halevi, Rabbi Akiba, Bar Kochba und viele andere. Um die Leute zu erreichen, musste ich jedoch zunächst von meinen hohen Sphären herunterkommen.«

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Sulamith oder die Tochter Jerusalems, 1880, 1. Akt

Erst während der folgenden Zeit in Odessa und auf russischen Tourneen (1879–1883), als sein Theater einen beispiellosen Erfolg erlebte, begann Goldfaden, Werke zu schreiben, in denen nicht mehr oberflächliche Unterhaltung, sondern moralische Botschaften und nationale Themen im Mittelpunkt standen. Dazu gehörte auch die Oper Shulamith oder Bas Jeruscholaim (Sulamith oder die Tochter Jerusalems, 1880), die die Atmosphäre des antiken Judäa aus der Zeit des Zweiten Tempels heraufbeschwor. Die Handlung spielt sich teilweise im Jerusalemer Tempel (Bejt Ha-Mikdosch) ab. Aus diesem Stück stammt das Wiegenlied Rozhinkes mit mandeln (Rosinen und Mandeln), das zu einem der bekanntesten jiddischen Lieder weltweit wurde und in unzähligen Textversionen gesungen wird.

Nach dem Verbot des jiddischen Theaters durch die russische Regierung 1883 verließen die meisten Schauspieler und Autoren das Land. Für Goldfaden bedeutete das unter anderem auch eine finanzielle Katastrophe. Er lebte danach in Warschau, Paris, New York und in anderen Städten, konnte aber nirgendwo mehr eine neue materielle Existenz aufbauen. Er schrieb im Laufe der Jahre etwa 60 dramatische Werke, von denen mehrere zum festen Bestandteil des jiddischen theatralischen Repertoires wurden. Viele Melodien Goldfadens, der keine Noten schreiben oder lesen konnte und kein Instrument spielte, wurden zu Volksliedern. Über 75.000 Menschen kamen zu seiner Beerdigung in New York 1908.

Zu diesem Zeitpunkt war die Neue Welt und speziell New York bereits zum wichtigsten Zentrum des jiddischen Musiktheaters avanciert. Seit den 1880er Jahren, als eine Pogromwelle im Russischen Reich sowie die folgende Verschärfung der Diskriminierungsgesetze die osteuropäischen Juden zur Flucht zwangen, wurde New York zu der Stadt mit der größten jüdischen Bevölkerung der Welt. Von 1881 bis 1924 kamen insgesamt fast 2,5 Millionen osteuropäische Juden in die Vereinigten Staaten, von denen viele in New York blieben. Bereits 1882 wurde dort unter Leitung von Boris Tomashefsky (1866–1939) die erste professionelle Aufführung eines jiddischen Theaterstücks (Di Kishefmacherin – »Die Hexe« von Goldfaden) auf amerikanischem Boden organisiert. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich eine rege jiddische Theaterszene, deren Mittelpunkt die New Yorker Second Avenue (der sogenannte Yiddish Theatre District) war. Im Februar 1903 öffnete dort das erste jiddische Theater »Grand Theatre« seine Tore, schon bald danach beherbergte diese Gegend zahlreiche jiddische Kultureinrichtungen, darunter zweitweise bis zu vierzehn Theater, sowie etliche Music Halls und Vaudevilles Clubs, und wurde so zu einer Art »jiddischem Broadway«.

jacobadlerposterEiner der erfolgreichsten Komponisten der Second Avenue vor dem 1. Weltkrieg war Joseph Rumshinsky (1881–1956), der 1904 aus Polen nach New York kam und danach über 100 jiddische Operetten verfasste. Sein Lied Du bist dos likht fun mayne oygn (Du bist das Licht meiner Augen) stammt aus einer seiner späteren Schöpfungen, der Operette Yosl un zayne vayber (Joseph und seine Ehefrauen, 1937), die von der Liebe eines jüdischen Emigranten und seiner in der alten Heimat gebliebenen, erblindeten Verlobten handelt.

Bevor David Meyerowitz (1867–1943) nach Amerika kam, war er in seiner Heimatstadt Dinaburg (heute Daugavpils in Lettland) als Sänger von Goldfadens Operetten aufgetreten. Nach seiner Übersiedlung nach New York 1890 musste er in einem »Sweatshop« (Ausbeutungsbetrieb für Emigranten) arbeiten, in seiner Freizeit schrieb er jiddische Couplets und patriotische Lieder, die er selbst in Cafés vortrug. Erst zu Beginn der 1920er Jahre begann seine Karriere an der Second Avenue, wo er u. a. mit Boris Tomashefsky zusammenarbeitete. Sein Lied Wos geven iz geven un nito (Was gewesen ist, ist gewesen und ist nicht mehr) von 1926 war nicht für ein Theaterstück komponiert, wurde aber durch die Schauspielerin und Sängerin Nellie Casman (1896–1984) bekannt. Es wurde später auch von weiteren Stars der jiddischen Szene wie Sophie Tucker oder Aaron Lebedeff ins Repertoire aufgenommen.

Der ebenfalls in Dinaburg geborene Komponist Oskar Strock (1893–1975) ist der einzige Komponist des Programms, der nicht mit New York verbunden war. Er stammte aus der Familie eines Klezmer- und  Militärmusikers und machte sich zunächst in Riga in der jiddischen Populärmusikszene einen Namen. Besonders berühmt wurden seine Tangos, die er für sein Tanzorchester schrieb und die in ganz Europa gespielt wurden. Sein Lied Vi ahin zol ikh geyn (Wohin genau soll ich gehen) auf einen Text des Dichters S. Korn-Teuer (Pseudonym von Igor Korntayer, der 1941 in Auschwitz ermordet wurde) entstand kurz vor Beginn des 2. Weltkriegs und thematisiert die verzweifelte Lage der europäischen Juden, die damals kein Land aufnehmen wollte, sowie den Traum von einem jüdischen Staat Israel. Das Lied wurde später u. a. in einer Aufnahme der Barry Sisters bekannt. Oskar Strock überlebte den Krieg in Mittelasien, seine Musik war jedoch in der Sowjetunion verpönt und er starb in Vergessenheit.

Alexander Olshanetsky(1892–1946), der aus Odessa stammte und seine musikalische Laufbahn als Geiger am Odessaer Operntheater begann, wurde später zum Kapellmeister in der russischen Armee und kam über China in die USA. Bereits im chinesischen Charbin betätigte er sich als Komponist für eine jiddische Theatertruppe. Nachdem er 1922 in New York ankam, etablierte er sich schließlich als führender Autor des jiddischen Musiktheaters und komponierte ab 1929 für das »National Theatre« von Boris Tomashefsky. Sein Lied Glik (Glück) aus der Operette Der letster tants (Der letzte Tanz) vertont einen Text seiner Frau, der Schauspielerin Bella Meisel.

Ein weiterer Schauspieler des Tomashefsky-Theaters, Aaron Lebedeff (1875–1960), trat selbst als Liedautor in Erscheinung. Zu seinen bekanntesten Schöpfungen gehört neben Vot ken yu makh, s’iz amerike!(Was kannst du machen, das ist Amerika!) auch das Lied Rumania, Rumania!, das auf eine scherzhafte Art das schöne Leben und vor allem das schöne Essen in Rumänien preist.

UsersmccarthyLibraryApplication-SupportSnapNDragscreenshot_03.jpgyiddlefiddleDer bedeutendste Komponist des jiddischen Theaters der 1930-40er Jahre war zweifellos Abraham (Abe) Ellstein (1907–1963). Im Unterschied zu den meisten anderen Komponisten des Programms, die aus Osteuropa stammten, wurde Ellstein in New York geboren und bekam eine solide musikalische Ausbildung – zunächst in jüdischer Musik als Chorknabe einer Synagoge, dann in klassischer Musik an derJuilliard School. Er machte sich nicht nur als Komponist von zahlreichen Bühnen- und Filmmusiken einen Namen, sondern auch als Autor von Werken in klassischen Formen für Konzertrepertoire. Als Pianist war er ein gefragter Liedbegleiter und konzertierte sowohl zusammen mit dem berühmtesten Kantor seiner Zeit, Jossele Rosenblatt (1882–1933), als auch mit dem berühmtesten Star der jiddischen Populärmusik, der Schauspielerin und Sängerin Molly Picon (1898–1992). Mehrere seiner Lieder wurden äußerst populär, darunter das Lied Oy mame bin ikh varlibt (Mama, ich bin verliebt) aus dem Film Yidl mit’n Fidl (Jidel mit der Fiedel), einer jiddischen Musikkomödie von 1936, oder Mazl (Glück, gutes Schicksal) aus dem Film Mamele von 1938 – beide Filme mit Molly Picon in der Hauptrolle. Für Molly Picon wurden auch einige andere Lieder dieses Programms komponiert, wie etwa das Lied Farges mikh nit (Vergesse mich nicht) aus der Operette Malkale, dem Rebns (Malka, die Rabbinertochter, 1937).

 

Marc Chagall, Einführung in das Jüdische Theater, 1920Für die meisten Musikliebhaber ist der Name des Komponisten Sholom Secunda (1894–1974) mit seinem Evergreen Bei mir bistu shejn (Für mich bist du schön) verbunden, das ursprünglich 1932 für das jiddische Musical Men ken lebn nor men lost nisht (Man könnte leben, aber sie lassen uns nicht) geschrieben, erst aber sechs Jahre später durch eine Einspielung der Andrews Sisters populär wurde. Zusammen mit Rumshinsky, Olshanetzky und Ellstein galt Secunda als einer der »Big Four« der Second Avenue. Er war nicht nur ein gefeierter Komponist des jiddischen Musiktheaters (u. a. mit Titeln wie Donna, donna) und Films, sondern auch als Autor der synagogalen Musik bekannt. Secunda verbrachte seine Kindheit in Südrussland (heute Ukraine), wo er schon im Alter von 12 Jahren als Schauspieler in Stücken von Abraham Goldfaden auftrat. 1908 kam er in die USA. Das Lied S’iz shver tsu zayn a Yid (Es ist schwer, Jude zu sein) stammt aus Secundas letzter theatralischer Arbeit, der Musik zum gleichnamigen Schauspiel von Sholem Alejchem. Es war eine Produktion aus dem Jahre 1973, als das jiddische Musiktheater seine besten Zeiten jedoch bereits längst hinter sich hatte.

Die jiddische Sprache verschwand durch Assimilation fast vollständig aus dem Alltag der säkularen Mehrheit der amerikanischen Juden, während sie in Europa durch den Holocaust ausgerottet wurde. Die wenigen noch verbliebenen jiddischen Spielstätten waren – genauso wie einzelne Broadway-Produktionen wie das erfolgreiche Musical Fiddler on the Roof (bekannt später auch als Anatevka) von 1964 – nicht mehr Teil einer lebendigen Kultur, sondern vielmehr Ausdruck einer Nostalgie nach einer verlorenen Identität und den eigenen kulturellen Wurzeln. Ende der 1970er Jahre begann in den USA auf der Welle dieser Nostalgie das Revival der Klezmermusik, das seitdem diesen Teil der jüdischen musikalischen Kultur auch in Europa wieder bekannt machte. Die Musik des jiddischen Theaters harrt dagegen noch immer ihrer Wiederentdeckung.

Geschrieben von Komische Oper

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