200 Jahre Operngeschichte, von Jean-Philippe Rameaus Castor et Pollux von 1754 bis Bernd Alois Zimmermanns Die Soldaten aus dem Jahre 1965, umfasst die zu Ende gehende Spielzeit 2013/14 an der Komischen Oper Berlin. Wie in jedem Jahr präsentiert das Haus an der Behrenstraße auch dieses Mal zum Saisonabschluss noch einmal alle Premieren der Spielzeit in einem siebentägigen Festival vom 7. bis zum 13. Juli 2014.

Angst vor dem Anderen – Lust auf Italienisch

Fremde Welten, Widersprüche und Gegensätze treffen in vielen Geschichten, die das Musiktheater erzählt, aufeinander – unter ganz unterschiedlichen Voraussetzungen und mit ebenso unterschiedlichem Ausgang.

Clivia (Foto: Iko Freese)

In Nico Dostals Clivia bietet der Gegensatz zwischen dem Glanz und Glamour Hollywoods und der Hitze und Leidenschaft Südamerikas die Vorlage für ein amüsantes Spiel mit allerlei Klischees – von der hysterischen Diva bis zum edlen Revolutionsführer. Der kauzige Berliner Erfinder Kasulke mit seiner Schlafmaschine „Pennewohl“ fügt dem Ganzen eine amüsant-befremdliche Note hinzu. Und das Happy End zwischen Filmstar und Gaucho erfüllt lustvoll ein weiteres, operettentypisches Klischee: dass die Liebe am Ende eben doch stärker als alle Gegensätze ist!

Così fan tutte (Foto: Monika Rittershaus)

Così fan tutte (Foto: Monika Rittershaus)

In Mozarts Così fan tutte nutzen die beiden Freunde Guglielmo und Ferrando das Mittel der Fremdheit als Waffe, um die Treue ihrer Liebsten Fiordiligi und Dorabella auf eine harte Probe zu stellen: Nach tränenreichem, jedoch nur vorgetäuschtem Abschied kehren sie verkleidet zu den beiden Damen zurück, nicht nur um nicht erkannt zu werden, sondern auch um ihrer Treueprüfung mit der erotischen Anziehungskraft des Fremden und Unbekannten eine besondere Würze zu verleihen. In der Inszenierung von Alvis Hermanis, der über Gemälde des 18. Jahrhunderts eine Verbindung zur Erotik des Rokoko schlägt und Mozarts Dramma giocoso in eine Restaurierungs-Werkstatt verlegt hat, erscheinen die beiden Männer daher in aufwändigen Rokoko-Kostümen und sprechen obendrein auf einmal in einer fremden Sprache. Und das ebenso poetisch wie überaus leidenschaftlich klingende Italienisch, zu dem sie gewechselt haben, erregt die Frauen nur noch mehr!

Das Fremde, in diesem Falle Animalische, scheint Elfenkönigin Titania in Benjamin Brittens Ein Sommernachtstraum nicht weniger zu erotisieren, als sie dem in einen Esel verwandelten Zettel begegnet. Die fantasievolle Inszenierung des lettischen Regisseurs Viesturs Kairish macht mit Zettels „Eselskostüm“ keinen Hehl aus dieser sexuellen Komponente des zauberhaften Treibens im Elfenwald. Die Produktion von Brittens 1960 uraufgeführter Oper zählt ebenso zu den Überraschungserfolgen der zu Ende gehenden Spielzeit wie Benedict Andrews Inszenierung von Prokofjews Feurigem Engel und Rameaus Castor et Pollux in der Regie von Barrie Kosky, sind doch alle drei Werke eher Kennern und Liebhabern ein Begriff. Während es mit dem Sommernachtstraum ein Wiedersehen in der kommenden Spielzeit geben wird, sind Der feurige Engel und Castor et Pollux am 10. bzw. 12. Juli zum letzten Mal zu erleben. Um eine innere Entfremdung geht es in beiden Stücken, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise: Während Benedict Andrews in seiner Inszenierung von Prokofjews einzigartigem Meisterwerk eindringliche Bilder für die geradezu ekstatische Besessenheit der weiblichen Hauptfigur findet, erzählt Barrie Kosky die Geschichte der beiden Brüder Castor und Pollux und deren Gang in die Unterwelt als Reise in die eigenen inneren Abgründe, als alptraumhafte Begegnung mit den eigenen Ängsten, Sorgen, Wünschen und Begierden, aus der es kein Entrinnen gibt.

 

Die vollkommene Entfremdung des Menschen von sich selbst schließlich erzählt Bernd Alois Zimmermann in seiner sämtliche Grenzen des Genres sprengenden Oper Die Soldaten, ein pazifistischer Aufschrei gegen die Unmenschlichkeit in einer von Krieg und Militarismus geprägten Gesellschaft, kraftvoll inszeniert von dem spanischen Regisseur Calixto Bieito, einem Meister des Dunklen und Abgründigen. Und wie die Angst vor dem Anderen, dem Fremden allzu schnell in Gewalt mündet, das veranschaulicht Leonard Bernsteins zeitlose West Side Story, der absolute Publikumsrenner der Spielzeit 2013/14, der das Festival mit zwei Aufführungen am 13. Juli beschließen wird.

Es ist in den sieben Tagen des Festivals also für ausreichend „Konfliktpotential“ auf der Bühne gesorgt. Im Foyer der Komischen Oper Berlin steht hingegen wie in jedem Jahr das Wohl der Zuschauer im Vordergrund: Wer dem Aspekt des Fremden ein wenig tiefer nachgehen will, kann dies in den Einführungsvorträgen der Dramaturgen des Hauses vor jeder Vorstellung tun. Titel wie Love me, stranger!, Fremd im eigenen Leib oder Das Fremde und das Eigene spüren den unterschiedlichen Ausprägungen von Fremdsein in den einzelnen Bühnenwerken nach. In Publikumsgesprächen nach jeder Aufführung besteht die Möglichkeit, Sängerinnen und Sängern ebenso wie Dirigenten und Bühnenbildnern zu begegnen. Und vor der Aufführung und in den Pausen stellen Musikerinnen und Musiker des Orchesters der Komischen Oper Berlin erneut ihre schier grenzenlose Flexibilität unter Beweis, indem sie im Foyer für musikalische Unterhaltung und Abwechslung sorgen: mit südamerikanischen Rhythmen rund um Clivia, Militärmärschen von Franz Schubert rund um Die Soldaten noch mehr Mozart rund um Così fan tutte und vielem mehr.

Bevor es Sie also selbst in die Fremde mehr oder weniger weit entfernter Ferienziele zieht, nutzen Sie vom 7. bis zum 13. Juli noch einmal ausreichend die Gelegenheit, an der Komischen Oper Berlin mit wohligem Befremden der ganzen Vielfalt von Musiktheater zu begegnen.

Geschrieben von Komische Oper

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