ganz großes kino

Giulio Cesare in Egitto | Komische Oper Berlin | Bild: Iko Freese (drama-berlin.de)

… Regisseurin Lydia Steier und Dirigent Konrad Junghänel über Helden aus Fleisch und Blut, Händel in 3D und die Heimat barocker Musik

Premiere am Sonntag, 31. Mai, 19 Uhr (ZUR PRODUKTION GEHT ES HIER)

Giulio Cesare ist von den vielen populären Opern, die Händel geschrieben hat, die populärste. Unterscheidet sich dieses Werk denn maßgeblich von Händels anderen 42 Opern?

KONRAD JUNGHÄNEL Um es mit einem Wort zu sagen: Hier folgt ein Hit dem anderen! Eine wirkliche Seltenheit, nicht nur für Händel. Dass bei 40 Nummern auch mal was Durchschnittliches dabei ist, wäre eigentlich normal. Gerade wenn man bedenkt, wie damals komponiert wurde – nämlich sehr schnell. Oft arbeitete man nur Wochen oder wenige Monate an einem Werk. Was wir aus der Romantik kennen, dass um die endgültige Fassung, bisweilen über Jahre gerungen wurde, ist zu Händels Zeit nicht üblich gewesen. Es wurde eben wirklich – und das meine ich nicht abwertend – für den täglichen Gebrauch geschrieben. Wir kennen das auch noch von Mozart: Innerhalb von sechs Wochen hatte der wieder eine neue Oper fertig. Sensationell! Und so war es eben auch bei Händel. Dass ihm bei dieser Arbeitsweise ein Werk von so hoher Qualität wie Giulio Cesare gelang, ist sehr beeindruckend. Um den Abend auf eine heute konsumierbare Länge zu bringen, mussten wir allerdings ein bisschen kürzen. Oft habe ich damit wirklich gar keine Probleme, weil ich denke: »Ach, komm! Die Arie brauchen wir nicht und das hier auch nicht.« Aber bei dieser Oper tut eigentlich jeder Strich in der Seele weh.

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Lydia Steier | Bild: Anke Neugebauer

LYDIA STEIER Stimmt. Es sind eben nicht einfach »Ohrwürmer«. Die Arien haben eine unglaubliche Tiefe, was in dieser Zeit keineswegs die Regel ist. Die Figuren in Giulio Cesare wirken wie aus »Fleisch und Blut«.

KONRAD JUNGHÄNEL Neben den grandiosen Arien gibt es noch ein anderes wichtiges musikalisches Element: das vom Orchester begleitete Accompagnato-Rezitativ. In den früheren Opern gehörte das noch nicht zum Formenkanon. Giulio Cesare enthält einige Accompagnati, die in ihrer Harmonik geradezu revolutionär und wegweisend für die nächsten 50 Jahre sind. Für das Publikum von damals waren solche Neuerungen oft eine Überforderung und wurden abgelehnt. In diesem Falle war das jedoch anders: Giulio Cesare zählte damals zu den erfolgreichsten Opern – und ist es bis heute geblieben. Das liegt an der allumfassenden Qualität, zu der ich auch das Libretto und das Sujet rechne.

Die Opera seria kommt dem heutigen Zuhörer, der die durchkomponierten Werke des späteren 19. Jahrhunderts als Referenzmodell vor Ohren hat, ein wenig wie eine virtuose Nummernrevue mit Zwischentexten vor. Wie geht man mit dieser für uns ungewöhnlichen, typisch barocken
Werkstruktur um?

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Giulio Cesare in Egitto | Komische Oper Berlin | Bild: Iko Freese (drama-berlin.de)

LYDIA STEIER Ich habe viele Händel-Inszenierungen gesehen. Häufig wird diese spezielle Dramaturgie wie bei einem Zeichentrickfilm behandelt: Jede Nummer ist eine lustige Show, und man denkt nicht über die Psychologie der einzelnen Figuren nach. Ich halte das nicht für falsch, aber dabei geht ganz viel von dem, was diese Musik ausmacht, verloren. Zum Beispiel äußert Cleopatra in ihren Arien eine gigantische Bandbreite an Ängsten und Wünschen, von der Freude über die eigene Schönheit und Weiblichkeit bis zu den tiefsten Abgründen der Trauer. Ich will diesen Gang von oben bis unten und wieder zurück nicht nur in 2D darstellen, sondern mit einer seelischen Tiefe. Bei uns steht Cleopatra im Mittelpunkt, und zwar nicht nur als Verführerin, sondern auch als eine machiavellistisch denkende Herrscherin, ganz wie ihr historisches Vorbild. Ich habe versucht, bei jeder Figur den Bogen ihrer inneren Entwicklung zu betonen. Nehmen wir zum Beispiel Sesto: Am Anfang ist er nichts als ein Milchbubi. Aber er will ein Mann werden und schafft das auch im Verlauf des Stücks.

KONRAD JUNGHÄNEL Es lohnt sich in dieser Hinsicht, alle Figuren genauer zu betrachten und genauer hinzuhören. Bei Cleopatra ist die Entwicklung natürlich besonders deutlich. Aber auch Cornelia macht über die einzigartigen Arien, die Händel ihr schenkt,eine Entwicklung durch.

Auch der Titelheld Giulio Cesare brilliert mit einem breiten Spektrum an Affekten, vom strahlenden Okkupator über den abgeklärten Philosophen bis zum jugendlich Verliebten. Heutzutage stellt er allerdings besetzungstechnisch eine ziemliche Herausforderung dar …

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Konrad Junghaenel | Bild: Wolf Nolting

KONRAD JUNGHÄNEL Ja, denn diese Rolle wurde ursprünglich für einen Kastraten geschrieben. Da wir heute – Gott sei Dank – keine Kastraten mehr haben, müssen wir versuchen, uns der ursprünglichen Idee mit unseren heutigen Mitteln zu nähern. Mögliche Alternativen sind: Mezzosopran, Countertenor oder Bariton. Keine der drei genannten Lösungen ist ein vollwertiger Ersatz für einen Kastraten, der einen riesigen Tonumfang besaß bei einer in allen Lagen sehr ausgeglichenen großen Stimme. Er war durchaus männlich in der Stimme und konnte obendrein sehr virtuos mit dieser umgehen. Der Countertenor besitzt diese virtuosen Fähigkeiten, hat aber eine eher kleine Stimme mit sehr begrenztem Umfang und ist von der Stimme her sicherlich nicht männlicher als der Mezzosopran. Dieser hat eine größere Stimme mit größerem Umfang, lässt aber oft die geforderte Beweglichkeit vermissen und natürlich auch die Maskulinität. Der Bariton ist selbstredend die männlichste aller Stimmen, vom Volumen her auch durchaus den Anforderungen angemessen, aber – das liegt in der Natur der Sache – er kann diese tiefere, schwerere Stimme nicht so virtuos bewegen. Das ist stimmtechnisch schlicht unmöglich. Wenn der Countertenor auch seit geraumer Zeit die bevorzugte Kastraten-Ersatzstimme ist – nicht zuletzt wegen der Exotik für den heutigen Hörer –, hat sich die Komische Oper Berlin konzeptionell für die Lösung mit einem markanten Bariton entschieden. Der zentralen Figur Cleopatra wird hier, was den Klangeindruck betrifft, ein »starker« Mann gegenüber gestellt.

In der vorliegenden Inszenierung wurde die Dramaturgie der Oper selbst aufgebrochen, sie wurde sozusagen nach aristotelischem Vorbild modernisiert und »psychologisiert«. Ist das für jemanden, der von der historisch-informierten Aufführungspraxis kommt, nicht ein absolutes Tabu?

KONRAD JUNGHÄNEL Historische Aufführungspraxis heißt für mich, Musik wieder zum Leben zu erwecken. Dass sich die barocke Nummernoper selber zu Grabe getragen hat, musste schon Händel am eigenen Leibe spüren. Monteverdi hat so intensiv auf der psychologischen Ebene gearbeitet wie nur wenige nach ihm. Nur stand er zufällig am Anfangspunkt der Operngeschichte. Nach ihm wurde die Oper immer artifizieller bis hin zur Opera seria, einer vollkommen künstlichen Angelegenheit, die dann auch nicht weitergeführt werden konnte. Hier greift Lydia ein, wie das im Übrigen auch damals schon geschah. Die Idee des unverrückbar fixierten Gesamtkunstwerks Wagnerscher Prägung gab es zu Händels Zeit einfach nicht. Das Publikum kam nicht zuletzt, um die berühmten Kastraten zu hören mit ihren beeindruckenden Gesangsdarbietungen. Es war durchaus möglich, dass eine Arie spontan wiederholt wurde, wenn der Applaus es verlangte. Heute fast undenkbar. Manchmal merkte der Komponist nach einer Premiere selbst, dass er noch eine musikalische Schraube festzurren musste. Oder ein reicher Mäzen kam, legte genügend Geld auf den Tisch und machte klar: »Ich will, dass meine Sängerin – oder Geliebte – noch eine Arie mehr bekommt!« Das sind alles überlieferte Tatsachen, man sah darin auch gar kein Problem. Dieses nicht bis ins kleinste Detail festgelegte Gesamtkonzept bietet einen Spielraum, den wir heute nutzen können. Und solange man die Musik als Maßstab nimmt, was Lydia in jedem Moment tut, habe ich selbst damit auch keine Probleme.

Die Fassung entstand also in engem Gespräch zwischen Regie und Musik …

KONRAD JUNGHÄNEL Ja. Und diesen Dialog kann man nur führen, wenn man die gleiche Sprache spricht.

Apropos gleiche Sprache: Trotz Ihres deutsch klingenden Namens – Lydia Steier – sind Sie Amerikanerin. Inzwischen haben Sie auf beiden Seiten des großen Teichs gearbeitet. Inwiefern sind Sie von diesen beiden kulturellen Polen beeinflusst?

LYDIA STEIER Ich liebe die Freiheit in Europa, mit der man an Inhalt und Kontext eines Stoffs herangehen kann. Das ist in den USA eigentlich immer noch nicht in dieser Form möglich, weil das Publikum eine sehr konservative Erwartungshaltung mitbringt. Hierzulande hingegen gilt das Wort »Unterhaltung« wiederum fast schon als Vorwurf. Wenn irgendwas unterhaltsam ist, dann heißt es gleich, es ist billig, plakativ, oberflächlich. Ich glaube, dass es durchaus möglich ist, eine intelligente, analytische Interpretation zu bieten, die gleichzeitig eben auch sehr unterhaltsam ist.

In Ihren Inszenierungen nehmen Sie oft eine klare, aus dem Stück heraus gewonnene Perspektive ein. Wie sind Sie im Fall von Giulio Cesare zu einer solchen Perspektive gelangt?

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Giulio Cesare in Egitto | Komische Oper Berlin | Bild: Iko Freese (drama-berlin.de)

LYDIA STEIER Da es sich um ein historisches Sujet handelt, hieß es zunächst einmal, viele Biografien lesen. Das brachte einige interessante Erkenntnisse: Caesar war ein Pragmatiker mit keinerlei Ressentiments gegen den ägyptischen König Ptolemaios xIII. In Alexandria hingegen bestand im Herrscherhaus der Ptolemäer ein innenpolitischer Konflikt, der im knallharten Konkurrenzkampf zwischen Ptolemaios und seiner Schwester Kleopatra begründet lag. Kleopatra, die zur damaligen Zeit den Kürzeren zu ziehen drohte, war nicht einfach irgendein von Caesar verführtes »Weib«, das sich überlegte, wie sich denn aus dieser Liaison Nutzen ziehen ließe. Sie kalkulierte und manipulierte ganz bewusst. Als Caesar seinen politischen Gegner Pompeius bis nach Alexandria verfolgte, verließ sie ihr Exil in Syrien und wurde von ihren Dienern in den königlichen Palast ihres konkurrierenden Bruders – und Ehemanns – geschmuggelt, um heimlich in die Apartments von Caesar zu gelangen. Angeblich hat sie ihn innerhalb von Minuten verführt. Der Konflikt im Mittelpunkt ist also der zwischen Kleopatra und Ptolemaios. Daher rührt auch die Entscheidung, die Inszenierung auf Kleopatra zu fokussieren.

Erwartet uns auf der Bühne also das alte Ägypten?

LYDIA STEIER Giulio Cesare ist nicht Puccinis Butterfly oder Die Entführung aus dem Serail, in der Mozart türkisches Kolorit zitiert. Händel bleibt Händel. Da ist nichts Orientalisches oder gar Ägyptisches in der Musik. Das ist ganz klar europäische Barockmusik, komponiert in London. In Stücken, die eindeutig im Barock verortet sind, hilft eine gewisse zeitgemäße Symbolik, um der Musik ein Zuhause zu geben. Das geht bis hin zur Gestensprache. Denke ich an Giulio Cesare, empfinde ich etwas wie Nostalgie für eine Welt, die ich noch nie gesehen habe, eine durchaus skurrile, sehr morbide, süffige Welt, die Barocksymbolik nutzt, auch ein bisschen Altägypten – das aber eher aus Dekadenz: so eine Art barocker Kostümball.

Das klingt nach theatraler Opulenz und einigen musikalischen Überraschungen. Was wäre das Schönste, was das Publikum am Ende über den Abend sagen könnte?

KONRAD JUNGHÄNEL Gerade bei einer Barockoper – das ist keine qualitative Aussage! – würde ich mich vor allen Dingen freuen, wenn es hieße: »Bis zur letzten Minute habe ich zugehört und zugeschaut.«

LYDIA STEIER Toll wäre: »Das hatte einen Sog wie ein spannender Kinofilm!«

Geschrieben von Komische Oper

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