Aha, die »leichte Muse« führt also zu »geistiger Verstümmelung«. Sie ist »prätentiös« und »Fetisch«. Also spricht Theodor W. Adorno, der große deutsche Musiktheoretiker und Adenauer-Ära-Philosoph. Der mit seinen Schriften schon so manchem Studenten das Leben schwer gemacht hat. Ich nehme mich selbst da nicht aus. Weil Adorno für intellektuelle Nachkriegsdeutsche Operette und Musical zu »herabgesunkenem Kulturgut« erklärt hatte, durfte ich noch in den 1990er Jahren an der Freien Universität Berlin meine Magisterarbeit nicht über Stephen Sondheim schreiben. Jedenfalls nicht bei Prof. Jürgen Maehder, der um seinen  Ruf fürchtete, wenn so was Schule machen sollte.

Postwertzeichen_100._Geburtstag_Theodor_W._Adorno_2003An solcher Blockadehaltung gegenüber dem Unterhaltungstheater habe nicht nur ich gelitten, sondern viele Studenten. Und in der Folge auch Intendanten, die vom Feuilleton immer wieder gegeißelt wurden, wenn sie ihren Spielplan nicht nach strengsten Adorno-Maßstäben gestalteten, sondern – Gott behüte – »Entertainment« auf die Bühne brachten. Zur angeblichen »Berieselung der Massen« und zum »Füllen der Kassen«. Was dem Untergang des Abendlandes gleichkam, oder mindestens einem Wiederaufflackern der fürchterlichen NS-Kultur. Da hatte man ja gesehen, wohin hirnlose UFA-Komödien und Vernebelung der Sinne führen konnten. Dies zumindest die Theorie, nach der sich die neue Praxis zu richten hatte.

Womit wir mitten drin wären im Operettensymposium der Komischen Oper Berlin, das sich um Kunst der Oberfläche dreht. Denn: Wie geht man mit dieser Adorno-Ästhetik um, die weite Teile der akademischen Welt (und alle, die sie durchlaufen haben) nach wie vor dominiert? Die Dramaturgie der Komischen Oper bzw. Pavel B. Jiracek hatten da eine brillante Idee. Sie ließen die lustfeindlichen und aufgeblasenen Dogma-Texte Adornos einfach vorlesen – von Katharine Mehrling im Daisy-Darlington-Jazzkostüm aus Ball im Savoy. So wie sie Adornos »Dialektik« dekonstruierte – »dialektisch, lek-tisch, leck dich! … I like that!« – wurde dem grimmigen Übervater der Avantgarde und Vordenker der Möchtegern-Intelligenzija kurzerhand der Prozess gemacht. (»Ti adoro, mio Adorno!«) Wenn Miss Mehrling von »analer Regression« und »Entmannung« spricht, mit strenger Doktorenbrille auf der Nase, dann wurde die Lächerlichkeit vieler Adorno-Sentenzen deutlich. Speziell als Mehrling auch noch ins Hessische wechselte; schließlich ist Adorno Vertreter der sogenannten »Frankfurter Schule«.

Adorno Katharine

Katharine Mehrling singt Adorno beim Operettensymposium. Am Klavier: Karl Shymanovitz

Ich wünschte mir, Katharine hätte schon damals in meinem Studium solch einen »Vortrag« gehalten, mit all den eingestreuten Songs von Paul Abraham (»Känguru«) und Emmerich Kalman (»Sigh By Night«). Da wäre mir vermutlich viel erspart geblieben im deutschen Universitätsbetrieb. Und mehr Spaß gemacht hätte es sowieso.

Auch sonst ging’s an Tag 1 des Symposiums ums Problem der Deutschen mit »Spaß« und »Unterhaltung«. Über dieses Dauerthema diskutierten gleich am Morgen Philosophieprofessor Georg W. Bertram und Wayne Heisler aus New Jersey mit Barrie Kosky und Chefdramaturg Ulrich Lenz. Kosky behauptete zwar, ihn interessiere die Trennung von E und U nicht und dass er keinen Künstler kenne, der sich darüber den Kopf zerbreche. Aber ich bin sicher, dass im Fall einer geballten Feuilleton-Kampagne von Adorno-Jüngern, in der der »Unterhaltungsüberschuss« an der Komischen beklagt und eine Reduktion der staatlichen Subventionen gefordert würde (weil die doch für Hochkultur reserviert sein sollten), Mr. Kosky schnell anders denken müsste.

Ein Symposium wie dieses, randvoll mit internationalen akademischen Gästen und Medienvertretern aus der Musiktheaterfachwelt, ist da ein gutes Mittel, um der Gefahr ewiger Moses und Aron-Aufführungen zuvorzukommen. Denn eines der Ziele der dreitägigen Auseinandersetzungen mit Operetten ist zu zeigen, dass dieses Genre – trotz Adorno! – Wert ist, ernst genommen und genossen zu werden. Ohne dass dieser Genuss den Zuhörer gleich »entmannt«.

Chefdramaturg Ulrich Lenz zitierte zum Abschluss einen Brief, den Kritiker H.H. Stuckenschmidt an Adorno schrieb: »Woher aber stammt dieser Glaube an die Vorteile der tränenfeuchten Miene, dieses Ressentiment gegen die »Attitüde des keep smiling«? Aus demselben Wahn, man sei ein besserer Mensch, wenn man sich das Leben schwer macht. Aus der Furcht vor dem Einfachen. Aus dem Minderwertigkeitsgefühl der deutschen Intellektuellen, sie könnten von den anderen nicht ernst genommen werden.«

Vielleicht ist es ja von Vorteil, dass bei dieser Tagung so viele ausländische Gäste dabei sind, die von diesem Minderwertigkeitsgefühl nicht belastet sind und sich das Leben nicht so absichtlich schwer machen wie deutsche Intellektuelle. Oder hat sich die Generation Adorno überlebt und wir können heute, mit neuem Elan, eine Neubewertung von Spaß, Komödie, Pop und Vulgarität versuchen, auch im staatlich subventionierten Musiktheater mit Bildungsauftrag?

Die Wiederentdeckung von Komponisten und Werken, die von den Nazis einstmals vertrieben und verboten wurden, fällt zweifelsfrei unter die Kategorie »Bildungsauftrag« einer Bundesrepublik Deutschland. Aber ich fürchte, dass bei Titeln wie Kiss Me, Kate und West Side Story auf dem Spielplan der ein oder andere Kritiker, der an den Spätfolgen von Adorno-Gehirnwäsche leidet, aufschreien wird, dass solche »Serenitas« bekämpft werden müsse, weil sie »von der Not der gesellschaftlichen Verhältnisse ablenkt«.

Da hilft dann nur eins: Geheimagentin Mehrling losschicken!

Dr. Kevin Clarke ist Direktor des Operette Research Center Amsterdam

Geschrieben von Komische Oper

2 Kommentare

Dr. Frederika Tsai

Hallo Dr. Clarke,

als Immigratin habe ich nie richtig verstanden, weshalb die „deutsche“ (naja, ich bin auch „deutsch“…) Intellektuellen das Minderwertigkeitsgefühl nicht los lassen können. Ihr Artikel klärt mich auf.

Hoffentlich können die StudentInnen bei Prof. Maehder schreiben, was sie wollen!

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Jonas

… es hat sich nicht viel verändert. Wenn man sich mit „künstlerisch interessierten“ im Theater (passiert erst letzte Woche im BE) unterhält und nur kurz erwähnt, wie toll man sich in der Komischen unterhalten hat, wird man schief angeschaut. Unterhalten hat? Wie peinlich. Hat das was mit Kultur zu tun? Ich glaube, es hat auch viel damit zu tun, was Dramaturgen, Schauspieler, Sänger usw. bei uns in den Universitäten lernen (müssen). Unterhaltung ist RTL2, Kunst ist Volksbühne. Dabei ist das ja nicht so. Schade nur, das so dem einzigartigen hochsubventionierten deutschen Kulturbetrieb irgendwann mal der Hahn abgedreht wird. 35 Mio pro Jahr an Mitteln für einen Kulturbetrieb und nur 200.000 Menschen sehen sich die Veranstaltungen im Jahr an (und zahlen auch noch für Tickets) …

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