Geschichten aus dem Wienerwald von HK Gruber nach Ödön von Horváth in Deutscher Erstaufführung

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Wer »Wiener Wald« hört, denkt an Heurigen, flotte Burschen und dralle Dirndln – wer »österreichische Musik« hört, denkt an Schrammeln, Jodler und Blasmusik. Nichts aber liegt dem ferner als HK Grubers Oper Geschichten aus dem Wienerwald nach Ödön von Horváths gleichnamigen satirischem Volksstück-Klassiker. Die Geschichte ist wie aus dem Volksstück-Lehrbuch – zumindest fast: Es geht um die junge Angestellte Marianne, die am Vorabend der Hochzeit mit Oskar, seines Zeichens erfolgreicher Metzger und damit Traumschwiegersohn des Vaters, auf die Liebe ihres Lebens trifft: Alfred, charmant aber ohne Geld, ohne Zukunftsaussichten – und ohne Rückgrat. Wie es sich für ein Volksstück gehört, siegt die Liebe – zunächst … Die Sache mit dem Happy End bleibt indes äußerst fragwürdig, denn von idyllischer Heimatfilm-Seligkeit keine Spur. Als geistiger Enkel Johann Nestroys und Urahn aller Qualtingers, Wolf Haas’ und Josef Haders unserer Tage, wusste Ödön von Horváth die ach-so-heile Welt der Kleinbürger mit Hilfe minimalster Überhöhung gehörig aus den Angeln zu heben.

Tom Erik Lie ist Alfred in »Geschichten aus dem Wiener Wald« Foto: Jan Windszus Photography

Tom Erik Lie ist Alfred in »Geschichten aus dem Wiener Wald« Foto: Jan Windszus Photography

HK Gruber gilt seinerseits als einer der Großen seiner Zunft. Die Kompositionen des studierten Kontrabassisten waren bei den BBC Proms und dem Luzern Musikfestival ebenso zu erleben wie bei den Bregenzer Festspielen. Sie werden von den Wiener wie den Berliner Philharmonikern genauso aufgeführt wie vom Ensemble Modern, dem Klangforum Wien, den BBC Philharmonics und zahlreichen weiteren namhaften Klangkörpern der Welt. Nicht zuletzt hat sich Gruber als Vokalinterpret und Dirigent insbesondere der Werke von Kurt Weill einen internationalen Ruf erworben, kennt die Bühne also nicht nur vom Graben aus. In seiner und Michael Sturmingers für die Bregenzer Festspiele 2014 entstandenen Opern-Version der Geschichten aus dem Wienerwald fängt Gruber die inhaltliche Schärfe und große Musikalität des Horváthschen Bühnenstücks in jeder Note ein. Gruber begnügt sich dabei nicht, die darin enthaltenen zahlreichen musikalischen Anspielungen – vom Puccini-Gassenhauer bis zum titelgebenden Strauss-Walzer –einfach mit in seine Musik aufzunehmen. Er schreibt sie vielmehr in seiner ganz eigenen leicht angeschrägten Tonsprache fort, wobei hie und da nicht nur das Wienerleid, sondern auch Grubers »Hausgötter« Strawinsky, Weill und Eissler um die Ecke blinzeln. Melodienreiche Gesangslinien, ohne je in den drohenden Alpenlandkitsch abzurutschen, bezaubern zwar immer wieder, doch in einer unerbittlich polka-schnellen Abwärtsspirale muss das (un)mögliche Idyll auch bei Gruber letztlich in den Abgrund rasseln. Der gebürtige Pole Michał Zadara, der mit Geschichten aus dem Wienerwald sein Deutschland-Debut als Opernregisseur gibt,  findet für das Horváthsche Personal eine zeitgemäße Heimat in den Zonenrändern hiesiger Großstadtdschungel, in einer Welt, in der die richtige Automarke mehr als alles andere zu zählen scheint, in der sich alles ums Haben und nichts ums Sein dreht. Die Liebe aber sucht sich dennoch wie ein hübsches, aber unliebsames Unkraut ihren Weg ans Licht einer materialistisch durchbetonierten Welt – auch wenn ihre Schönheit am Ende unerkannt bleiben muss.

Geschrieben von Komische Oper

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