Helden mitten im Mai

Karolina Gumos singt die Rolle des verbannten Senators Cecilio in Lucio Silla

Im Mai erwartet die Komische Oper Berlin einen Kampf der Giganten – Mozart und Händel und gleich zwei römische Diktatoren. Traditionell freut sich das Publikum im Haus an der Behrenstraße im Wonnemonat auf eine Extra-Portion Mozart – häufig mit Werken, denen man nur selten oder nie auf den Bühnen der Welt begegnet. Als konzertante Aufführung steht dieses Mal Mozarts zweite Opera seria Lucio Silla auf dem Programm. Der 16jährige Mozart arbeitete gerade einmal sechs Wochen an diesem abendfüllenden Werk, dessen Arien er den Sängern während der Proben auf den Leib schrieb. Und doch hört man dem musikalisch erfindungsreichen Lucio Silla höchstens in der Frische, nie aber in der Qualität die Jugend des Komponisten an. Der Uraufführung am Stephanstag des Jahres 1772 am Teatro Regio Ducale in Mailand war dennoch kein großer Erfolg beschieden. Doch auch wenn die Oper über 150 Jahre in der Versenkung verschwand – spätestens seit der Aufführung bei den Salzburger Festspielen im Jahre 1964 konnte sich das Werk langsam seinen Platz am Rande des klassischen Opernrepertoires zurückerobern. Um nicht nur die Mozartschen Klänge genießen, sondern auch bei der schaurig-dramatischen Geschichte um den titelgebenden skrupellosen Diktator Lucius Cornelius Sulla, der sich am Ende seiner Herrschaft abrupt und freiwillig ins Privatleben zurückzog, mit fiebern zu können, führt Tatort-Staatsanwältin Mechthild Grossmann als Erzählerin durchs Geschehen.

Helden mitten im Mai

Tatort-Star Mechthild Großmann führt in »Lucio Silla« durchs Geschehen. Copyright: Martin Valentin Menke

Ist Silla (oder Sulla) eine Figur der Endzeit der Römischen Republik, so wird als deren Vollstrecker gemeinhin ein anderer berühmter Römer gesehen . Und um genau diesen geht es in Georg Friedrich Händels bis heute populärster Oper: Gaius Julius Caesar.

Der heiße Stoff für volle Kassen

Julius Caesar in Ägypten – so betitelte Georg Friedrich Händel das Werk und erwähnte damit die Figur, die für den drei Jahrhunderte überdauernden Erfolg maßgeblich verantwortlich ist, nicht einmal: Kleopatra, Herrscherin über Ägypten, Geliebte des römischen Imperators Caesar. Wäre die Geschichte der Pharaonin, die nach historischen Quellen zwar keine umwerfende Schönheit, wohl aber eine unwiderstehliche und enorm gebildete Frau war – sie soll allein acht Fremdsprachen beherrscht haben –, nicht historisch belegt, man hätte sie für die Bühne erfinden müssen. Hier steckt alles drin, was man im 18. Jahrhundert für eine große Oper brauchte – Ingredienzien, die auch bei einem Hollywood-Blockbuster die Kassen klingeln lassen: Sex & Crime, Macht und Intrigen, historische Fakten für das Bildungsbürgerherz und Figuren, die uns die Illusion geben, einen kleinen Blick in die Gemächer der Mächtigen zu erhaschen, deren Gemütsbewegungen und Leidenschaften sich am Ende – was Wunder! – kaum von denen Normalsterblicher unterscheiden.

Georg Friedrich Händel stand am Zenit seines Opernschaffens, als Giulio Cesare in Egitto am 20. Februar 1724 am Londoner Haymarket Theatre uraufgeführt wurde. Eine Gruppe italophiler Adeliger, die ihren Operngeschmack auf Bildungsreisen in Südeuropa geschult hatte, unterstützte zu jener Zeit großzügig den Londoner Opernbetrieb. Nicht nur das Starsängeraufgebot, das aufgrund der finanziellen Sorglosigkeit kurz zuvor vom Kontinent importiert werden konnte, machte Giulio Cesare sofort zum Kassenschlager, auch der historische Stoff sprach das Zielpublikum an. Man erkannte sich selbst in den Helden und schloss sich der Verehrung des gerechten Herrschers Caesar an, der die zerrütteten ägyptischen Verhältnisse mit starker Hand zu ordnen weiß und der rechtmäßigen Herrscherin den Thron sichert. Selbstverständlich räumt diese nun ihrerseits Caesar die Vormachtstellung nicht nur in ihrem Herzen, sondern auch in ihrem Reich ein. So endet Händels Oper als Huldigung an eine starke, vernünftige Imperialmacht und ihre Dominanz über ein sinnlich-reizvolles, aber ohne starken großen Bruder im Chaos versinkendes Reich im Mittleren Osten.

Während die Titelrolle in der Uraufführung den Gepflogenheiten der Zeit entsprechend mit einem Kastraten besetzt wurde, übernimmt in der aktuellen Inszenierung der Komischen Oper Berlin Bariton Dominik Köninger, der bereits als Orpheus das Publikum begeisterte, die Rolle des strahlenden Helden Caesar. Valentina Farcas kehrt nach Stationen an der Semperoper Dresden, den Salzburger Festspielen und der Deutschen Oper am Rhein als Kleopatra wieder an ihre einstige Wirkungsstätte zurück.

Helden mitten im Mai

Dominik Köninger ist Giulio Cesare

 Barocke Pracht mit seelischem Tiefgang

 Wenngleich Händel als Opernunternehmer in den 1720er Jahren eine glückliche Hand bewies – die Konkurrenz im Londoner Unterhaltungsbusiness schlief nicht . Verfechter der italienischen Oper hatten es schwer in einem Umfeld, dessen Geschmack an William Shakespeare und den Semi-Operas Henry Purcells geschult war, in denen Tanz, Gesang und Schauspiel gleichwertig nebeneinander standen. Händel war seinerseits bereits in seinen frühen Jahren am Hamburger Theater am Gänsemarkt mit einer Opernkultur in Berührung gekommen, die wenig apodiktisch mit einer Vermischung der traditionell verfeindeten italienischen und französischen Opern-Tradition umging. Und so war Händel, dessen Werk als Paradebeispiel der barocken opera seria gilt, gleichzeitig einer der ersten, der an die Grenzen der Gattung ging. Er folgt in Giulio Cesare in Egitto im steten Wechsel von Arie und Rezitativ zwar den Regeln der klassischen opera seria, doch reizt er das starre Regelwerk der Da-capo-Arien bis zur Neige aus und schafft damit eine nie zuvor – und selten danach – erreichte Vielschichtigkeit in der Figurenzeichnung. Seine Protagonisten erhalten eine ungeahnte seelische Tiefe und Komplexität, wenn Händel ihnen Arien in den unterschiedlichsten Affektzuständen auf den Leib schreibt – allen voran die zentrale Heldin Kleopatra. Chuzpe und Mut wechseln mit Stolz und Verführungskunst, um in einigen wenigen Momenten Verletzlichkeit und echte Zuneigung aufscheinen zu lassen. Ganz anders Cäsar, dessen Charakter sich in einem kontrastreichen Wechselspiel unterschiedlichster Eigenschaften auffächert, die vom respekteinflößenden Eroberer über den tiefsinnigen Philosophen bis zum leidenschaftlichen Liebhaber reichen. Den Figuren der zweiten Reihe wird zwar eine weniger große Bandbreite an Affekten zugestanden, doch stoßen sie in ihren Empfindungen – sei es Wut, sei es Trauer – mit jeder Arie in noch profundere Tiefen vor.

Die Waffen einer Frau

Dirigent Konrad Junghänel, einer der bedeutendsten Barockspezialisten dieser Tage, lässt sich in der Inszenierung von Regisseurin Lydia Steier auf das Wagnis ein, Menschen aus Fleisch und Blut in den barocken Bühnenfiguren aufzuspüren. Steier sieht die Beziehung zwischen Caesar und Kleopatra aus der Perspektive der Protagonistin, deren historisches Vorbild im Alter von 18 Jahren aus Gründen der Staatsräson mit dem um fast 10 Jahre jüngeren Bruder und späteren Widersacher Ptolemäus vermählt worden war. So stellt die Regisseurin die machtpolitischen Interessen Kleopatras, ihren vergeblichen Kampf um Anerkennung als alleinige Herrscherin Ägyptens und als Frau, den sie unnachgiebig mit all ihr zur Verfügung stehenden Mitteln verfolgte, ins Zentrum ihrer Inszenierung. Dass Kleopatra in ihrer Weiblichkeit nicht nur eine Schwäche, sondern eben auch ihren Trumpf erkannte – das macht sie zu einer der spannendsten und kontroversesten Persönlichkeiten einer Geschichte, die bis heute weitgehend aus männlicher Perspektive erzählt wurde. Geschichtsbeflissene wissen allerdings: Caesar sollte nicht der letzte römische Machthaber sein, den sich Kleopatra zum Geliebten machte, um ihre politischen Interessen zu verfolgen. Die spätere Verbindung mit Marc Anton allerdings bedeutete beider Tod und das endgültige Ende der beinahe 300 Jahre bestehenden Dynastie der ptolemäischen Pharaonen.

Und während der Vergleich zwischen den musikalischen Giganten Mozart und Händel an der Komischen Oper Berlin noch lange nicht entschieden ist, die Heldenschlachten im alten Ägypten verliefen schließlich im Sande. Händel lässt Caesar allerdings lange vor seinem Niedergang nüchtern erkennen: »Wer gestern noch eine Welt eroberte, dessen Staub liegt heute schon in einer Urne. Aus Lehm werden wir geboren und am Ende bleibt ein Stein. In einem Hauch erschaffen, zerstört dich ein Atemzug.«

Zu den Produktionen:

Lucio Silla

Giulio Cesare in Egitto

Geschrieben von Komische Oper

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