Anita Berber 1918

Anita Berber 1918

Hätte man nur dabei sein können! An einem dieser Berliner Abende, wo mondäne Großstädter ins Große Schauspielhaus Ecke Friedrichstraße strömen, um sich hier in der extravaganten Halle, genannt »Tropfsteinhöhle«, unterhalten zu lassen. Hinunter ins Kellergeschoss, ein karges tunnelartiges Gewölbe, nur ein kleines Podium als Bühne: das Kleinkunst-Kabarett »Schall und Rauch«. Am Klavier spielt vielleicht Friedrich Hollaender, dazu singt eine böse Diseuse, sagen wir Blandine Ebinger, selbsternannte »hysterischste Ziege von ganz Berlin« spöttische Texte von Kurt Tucholsky, dort der Herr mit dem Monokel ist Librettist und Salonlöwe Marcellus Schiffer, seine spindeldürre Frau Margo Lion, französische »femme fragile«, therapiert ihre depressiven Anfälle mit Kabarettauftritten. Nebenan aber wiegt sich die kokainabhängige Erotiktänzerin Anita Berber, rotmähnige Ikone des verruchten Berlins, barbusig zu den lasziven Klängen von »Morphium«, jenem träg-erotischen Boston-Walz, der seinen Komponisten Mischa Spoliansky über Nacht weltberühmt machte. Es ist ein Kabinett von Charakteren, das dem wirren, vibrierenden, wahnsinnigen Berlin, dem Pandämonium der Großstadt seine wild entschlossene Amüsierwut entgegenhält.

Mit Heute Nacht oder nie möchte die Komische Oper Berlin die Berliner Kabarett-Revue wieder auferstehen lassen, in einer Hommage an Mischa Spoliansky. Unverdientermaßen genießt der ebenso bescheidene wie begnadete Komponist heute nicht mehr die Berühmtheit von Weggenossen wie Friedrich Hollaender oder Werner Richard Heymann, denn er gehörte mit seinem untrüglichen Gespür für die Moden der Zeit und seinem einzigartigen Talent, den Geist der Großstadt zu vertonen zu den prägenden Künstlerpersönlichkeiten der Weimarer Republik.

Probenbesuch kurz vor der Premiere am 1. April 2016

Das Leben Mischa Spoliansky kann ohne Übertreibung von Anfang an als ein bewegtes bezeichnet werden – wenn auch keineswegs immer aus freien Stücken: Die jüdisch-russische Familie ist praktisch ständig auf der Flucht, Mischa verliert früh beide Eltern, wächst völlig entwurzelt auf. Mit 14 tingelt er als Barpianist durch die Berliner Cafés, eine wichtige Schule für ihn, denn hier kann er üben, aufs Publikum zu reagieren und lernt autodidaktisch neue Strömungen kennen wie Jazz. Im »Café Schön« unter den Linden hört ihn eines Abends Victor Hollaender und stellt ihn seinem Sohn Friedrich vor: Mischas Eintrittskarte in das berüchtigte Ensemble des »Schall und Rauch«. Laster sind chic und werden stolz zur Schau getragen. Sein berühmtes »Lila Lied«, ein feierlicher Marsch für das Anderssein, wird zur Hymne der Homosexuellen – Gay Pride in Berlin 1921. Eine besondere Freundschaft und produktive Zusammenarbeit verbindet Spoliansky mit Marcellus Schiffer, dem Herrn mit dem Monokel. Schiffers feingeistiger Wortwitz passt zu Spolianskys bittersüßen Walzern und Tangos, die »elegisch und ironisch, zynisch bitter und schmeichelnd kapriziös« sind, wie die Zeitung Weltbühne 1928 schreibt. Das Duo erlebt große Erfolge mit ihren Revuen »Es liegt in der Luft, Wie werde ich reich und glücklich, Rufen Sie Herrn Plim« oder »100 Meter Glück«. Spolianskys kompositorische Illustrier-Kunst, seine nonchalante Tonmalerei ist wie das Parfüm der Ära: mondän, dekadent, sie klingt nach hochgezogener Augenbraue und weißen Handschuhen. »Beste Unterhaltung für gutangezogene Menschen«, schreibt Kritiker Erich Urban, der Spoliansky für seine lässige Melancholie den »Komponisten des Kurfürstendamms« tauft. Eine junge bis dahin eher erfolglose Marlene Dietrich verdankt Spoliansky ihren ersten Durchbruch: Obwohl sie ihr Vorsingen ordentlich verpatzt, übt Mischa mit ihr so lange, bis die richtige Tonlage gefunden ist. Marlene darf zusammen mit Margo Lion den Schlager der Saison singen, »Wenn die beste Freundin«. Bald darauf beginnt ihre Weltkarriere. Der Spaß findet ein jähes Ende als Spoliansky mit der Machtergreifung der Nazis, die er in so manchem Lied verspottet hatte, auch seine Wahlheimat Berlin verlassen muss. International bleibt er weiterhin erfolgreich als Tonfilmkomponist, seine frechen, witzsprühenden Melodien fügen sich nahtlos zu Cole Porter oder Noël Coward.

»Heute Nacht oder nie« - Die Geschwister Pfister (Bild: robert-recker.de)

»Heute Nacht oder nie« – Die Geschwister Pfister (Bild: robert-recker.de)

Bekannte Schlager und unentdeckte Perlen aus Spolianskys gesamter Schaffensperiode werden an der Komischen Oper Berlin zu einer turbulenten Nummern-Show ganz im Stil der 20er verquirlt und opulent für großes Orchester arrangiert. Die nicht erst seit ihrem großen Erfolg in Clivia Operetten- und Komische Oper-erprobten Geschwister Pfister erwecken gemeinsam mit Schauspieler Stefan Kurt und Mitgliedern des Ensembles in spritzig-musikalischen Episoden typische Berliner Charaktere zu neuem Leben, die glatt einer satirischen Kabarett-Revue der 20er entsprungen sein könnten: Da verzehrt sich die Hure vergebens nach dem steinreichen Verflossenen und tröstet sich flugs mit der besten Freundin, hier findet der adrette Brünette ganz modern per Annonce seine vielleicht nicht ganz so konstante Constanze aus Spandau. Nie um ’nen Spruch verlegen ist und bleibt der typisch kodderschnauzige Berliner Taxifahrer. So kann man einmal dabei sein: an einem dieser Berliner Abende der »Roaring Twenties« – einer Ära, die heute oft goldglänzend gezeichnet wird, in ihrer quietschfidelen Hysterie und trotzigen Endzeitstimmung jedoch viel mehr zu bieten hat, als weichgezeichnete Nostalgie.

Geschrieben von Komische Oper

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