250 Jahre nach Rameaus Tod erscheint mit Barrie Koskys preisgekrönter Inszenierung von Castor et Pollux zum ersten Mal eine Oper des großen französischen Barockkomponisten auf der Bühne eines der drei großen Berliner Opernhäuser. Höchste Zeit!

Castor und Pollux

Liebe, Hass und Eifersucht – das ist der Stoff, aus dem nicht nur Vorabendserien gestrickt sind. Die emotionalen Verstrickungen in Jean-Philippe Rameaus Oper Castor et Pollux stellen jede Soap Opera problemlos in den Schatten: Phébé liebt Castor, Castor aber liebt Phébés Schwester Télaïre. Télaïre wiederum erwidert Castors Liebe, ist jedoch Castors Bruder Pollux versprochen, der sie ebenfalls liebt. Das beziehungstechnische Dilemma in Rameaus Oper aus dem Jahre 1754 ist schlichtweg unlösbar. Und dies ist nur der Anfang! Denn Pollux verzichtet im Verlaufe der Handlung zwar zugunsten seines Bruders großzügig auf Télaïre, doch gewonnen ist damit gar nichts. Wieder bleiben zwei leidende Seelen auf der Strecke: der einsame Pollux selbst und Phébé. Ihrer gegen die eigene Schwester angezettelten Intrige fällt ausgerechnet der von beiden Schwestern begehrte Castor zum Opfer.

Jean-Philippe Rameaus Meisterwerk Castor et Pollux macht aus der berühmten Sage um die untrennbare, über den Tod hinausgehende Liebe der beiden Zwillingsbrüder Castor und Pollux ein modernes Seelen-Drama. So lässt sich Pollux’ »Gang in die Unterwelt« zutiefst menschlich deuten: Wo beginnt die eigene Hölle des Menschen und wo endet sie? Betritt Pollux die Unterwelt tatsächlich erst, als er seinem toten Bruder folgt? Oder ist die Hölle nicht bereits von Anfang an in den fatal aneinander geketteten Protagonisten selbst gegenwärtig, und Jean-Philippe Rameau schildert uns in himmlischen Klängen nichts als den fortschreitenden Abstieg in das selbst geschaffene Inferno?

Von wahrhaft modernem Zuschnitt sind nicht nur derlei existentielle Fragen, sondern auch die dramaturgische Anlage des Werkes: Gleich in dem die Oper eröffnenden Rezitativ stellt Phébé in nur wenigen Minuten die fatale Ausgangssituation des Dramas vor, das sich sodann in schneller Szenenabfolge entfaltet und immer weiter zuspitzt – bis zum tragischen Mord an Castor. Der Trauerchor und Télaïres Klage um den toten Geliebten zu Beginn des zweiten Aktes gehören zu den tief bewegenden Höhepunkten des Werkes. Überhaupt ist die stets am dramatischen Geschehen orientierte musikalische Gestaltung des gesamten Werkes ihrer Zeit in vielerlei Hinsicht weit voraus: Als Reformer der französischen Oper, dessen Schaffen nicht ohne Einfluss auf jüngere Zeitgenossen wie Christoph Willibald Gluck bleiben sollte, löst Rameau die strikte Trennung zwischen Arie und Rezitativ an vielen Stellen auf und verleiht so dem Fortgang der Handlung eine Sogkraft, der sich kaum ein Zuhörer entziehen kann.

Barrie Koskys Inszenierung, 2011 in Kooperation mit der English National Opera in London entstanden, folgt den fortwährenden Tempowechseln in der Dramaturgie des Werkes, konzentriert sich dabei ganz auf die vier Hauptpersonen der Handlung und erzählt die Reise in die eigenen inneren Abgründe in ebenso schlichten wie unmittelbar ergreifenden Bildern, die vom archaischen Hauch des Mythos beseelt sind. Ohne jegliches Beiwerk lässt er die Protagonisten mit all ihren bisweilen ungezügelten Emotionen zwischen nackten hölzernen Wänden aufeinander prallen, sich lieben, sich hassen, sich töten, sich verlieren und sich wiederfinden. Mit verzerrten Fratzen erscheinen die Dämonen der Unterwelt als Spiegel der eigenen Ängste und Alpträume.

Die minimalistische Inszenierung, die die menschliche Seele nackt und bloß auf die Bühne stellt, sorgte bei den Kritikern in England zunächst für Irritation und erntete auch skeptische, zum Teil sogar ablehnende Rezensionen. Das Publikum hingegen machte sich sein eigenes Urteil, und alsbald hatte sich die Einmaligkeit dieser Produktion herumgesprochen, so dass die letzten Abende der Vorstellungsserie vor ausverkauftem Haus stattfanden. Im Nachhinein wurde die Produktion dann auch von offizieller Seite »geadelt«, erhielt sie doch mit dem Laurence Olivier Award für die beste Neuinszenierung 2012 den wichtigsten britischen Theaterpreis.

Als kongenialer musikalischer Partner stand Kosky in London der schottische Dirigent Christian Curnyn zur Seite, ein Spezialist auf dem Gebiet der Barockmusik, der mit Rameaus Platée und Glucks Ezio auch das Publikum in Stuttgart und Frankfurt begeisterte und mit Castor und Pollux zum ersten Mal an der Komischen Oper Berlin zu erleben sein wird. Als Castor wird der junge britische Sänger Allan Clayton aus London nach Berlin kommen, dessen lyrischer Tenor in dieser Spielzeit bereits als Tamino in der erfolgreichen Zauberflöten-Produktion der Komischen Oper Berlin zu hören war. Mit Günter Papendell als Pollux, Nicole Chevalier als Télaïre und Annelie Sophie Müller als deren Schwester Phébé trifft er im Ensemble der Komischen Oper Berlin auf künstlerische »Geschwister«, die die bewegende und aufwühlende Geschichte um die fatale Verstrickung von vier jungen Menschen mit Jean-Philippe Rameaus grandioser Musik zu einem packenden theatralen Erlebnis machen.

Premiere am 11. Mai 2015.

Geschrieben von Komische Oper

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *