Regisseur Barrie Kosky erzählt Jacques Offenbachs skurril-fantastische Geschichte von Hoffmanns Erzählungen als verstörenden Albtraum eines Künstlers, der sich in den eigenen Fantasien verliert – mit nur einer Sopranistin, aber drei Hoffmanns!

Hoffmann

Nicole Chevalier singt drei Frauenrollen in »Les Contes d’Hoffmann«, Bild: ©Jan Windszus Photography

 Spukgeschichten

Eine Sängerin, die gleichzeitig auf der Bühne und in der Loge ihres Bewunderers erscheint; ein Mann, der sich in eine automatisierte Holzpuppe verliebt; ein verschrobener Geigenbauer, der die wertvollsten Geigen in Stücke schneidet, um ihrem Geheimnis auf die Spur zu kommen; seine Tochter, deren Stimme durch ein mysteriöses Brustleiden einen »über die Sphäre des menschlichen Gesanges hinaustönenden Klang« erhält; eine dubiose Frau im Bunde mit dem Teufel, die Männern ihr Spiegelbild raubt … Es ist eine seltsame, furchteinflößende Welt voll von wunderlichen Menschen, unheimlichen Begegnungen und die Naturgesetzen leugnenden Begebenheiten, die die Erzählungen des Juristen, Schriftstellers, Komponisten und Karikaturisten E.T.A. Hoffmann (1776 – 1822) bevölkern. Seinen Zeitgenossen in Deutschland war er denn auch nicht ganz geheuer: »Es ist unmöglich, Märchen dieser Art irgendeiner Kritik zu unterwerfen«, heißt es in einem von Goethe übersetzen Essay, »es sind fieberhafte Träume eines leichtbeweglichen kranken Gehirns.«

Ganz anders hingegen im Nachbarland Frankreich, wo Hoffmann früh zum Klassiker avanciert und Dichter wie Théophile Gautier, Charles Baudelaire oder Guy de Maupassant beeinflusst. Als Erforscher der Nachtseiten menschlicher Existenz ist Hoffmann ein Pionier. Die Geistererscheinungen, Doppelgänger, lebendig Begrabenen oder Wahnsinnigen eines Fjodor Dostojewski, Nikolai Gogol oder Edgar Allan Poe sind allesamt Kinder der literarischen Ausgeburten E.T.A. Hoffmanns.

Schwere Geburt

In einem Theaterstück aus der Feder der beiden Theaterdichter und Librettisten Michel Carré und Jules Barbier erscheint E.T.A. Hoffmann selbst, 50 Jahre nach seinem Tod, in Paris auf der Bühne – inmitten der von ihm erschaffenen Gestalten. Ein Deutscher, der vielen längst als waschechter Franzose gilt, macht das Stück zur Grundlage für eine Oper aus seiner Feder: Jacques Offenbach. Der gebürtige Kölner, der die Pariser Musikwelt mit seinen vor Witz und Einfallsreichtum sprühenden Operetten fast ein halbes Jahrhundert auf Trab hält, beschäftigt sich fast zehn Jahre mit der Komposition seiner letzten Schöpfung: der Opéra fantastique Les Contes d’Hoffmann.

Die verworrene und verwirrende Entstehungsgeschichte dieses Opernklassikers sucht ihresgleichen: Wiederholt wechselt der geplante Uraufführungsort, was nicht ohne Auswirkungen auf die Struktur des Werkes bleibt. Und auch die vorgesehene Sängerbesetzung wird mehrfach verändert: Die ursprünglich für die vier Frauenrollen vorgesehene Sängerin wird durch den brillanten Koloratursopran Adèle Isaac ersetzt, weshalb Offenbach v.a. die Partie der Olympia einer Überarbeitung unterzieht. Die Titelpartie wechselt sogar das Stimmfach: War als Hoffmann ursprünglich der berühmte Bariton Jacques Bouhy vorgesehen, der erste Escamillo in Bizets Carmen, so wird im Verlaufe des Kompositionsprozesses eine Tenorpartie daraus.

Offenbach stirbt, bevor er Les Contes d’Hoffmann vollenden kann. Um eine aufführbare Fassung zu erstellen, erfährt die Oper starke Eingriffe. Auch in den auf die Uraufführung im Jahre 1881 folgenden Jahrzehnten ist das Werk Opfer fortwährender Streichungen und Umstellungen, ja sogar neu hinzu komponierter Ergänzungen – und kann sich doch auf den Spielplänen der Opernhäuser behaupten: Trotz Fehlens einer endgültigen, vom Komponisten autorisierten Fassung hat sich Offenbachs faszinierendes Vermächtnis einen führenden Platz in der Rangliste der meistgespielten Opern erobert. Das ist nicht nur der fantasievollen Handlung zu verdanken, sondern vor allem dem nicht enden wollenden Ideenreichtum der Offenbachschen Partitur.

Von Menschen und Dämonen

Wie im Theaterstück, das als Vorlage diente, steht auch in Offenbachs Oper die schillernde Person Ernst Theodor Amadeus Hoffmanns im Mittelpunkt des Geschehens. Nicht zufällig ist eine Vorstellung von Mozarts Don Giovanni Ausgangspunkt der Handlung: Der eigentlich auf die Namen Ernst Theodor Wilhelm getaufte Hoffmann drückte seine tiefe Bewunderung für Mozart in der Änderung seines dritten Vornamens aus und erwies dem Salzburger Meister u.a. auch in der Erzählung Don Juan seine Referenz.

In Les Contes d’Hoffmann wird Mozarts Oper in Hoffmanns überspannter Wahrnehmung zum Ausgangspunkt einer vom Wahnsinn getriebenen Reise durch bizarre Welten; die abgöttische Bewunderung für die Sängerin der Donna Anna gebiert immer neue Frauenbilder: die Puppe Olympia, die Sängerin Antonia, die Kurtisane Giulietta; der künstliche Körper ohne Seele, die Künstlerin ohne Stimme, die Verführerin ohne Herz. Von den eigenen Dämonen verfolgt, gibt es für Hoffmann keinen Weg mehr zurück in die Realität.

Mit Nicole Chevalier in allen vier Frauenrollen und drei Hoffmann-Darstellern – dem Schauspieler Uwe Schönbeck, dem Tenor Edgaras Montvidas und, zum ersten Mal in der 130jährigen Aufführungsgeschichte der Oper, dem Bariton Dominik Köninger – konzentriert sich Barrie Kosky in seiner Neuinszenierung von Offenbachs Meisterwerk ganz auf die absonderlichen und grotesken Ausgeburten von Hoffmanns »krankem«, schier unerschöpflichem Einfallsreichtum. Die Nachtseiten der menschlichen Seele – bei Kosky werden sie zum faszinierenden, fantastisch-absonderlichen Horrortrip.

Geschrieben von Komische Oper

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