Opernrausch: Ein Feldforschungstagebuch zum Festival der Komischen Oper Berlin

Eintrag vom 13. 07. 2017 »Die Perlen der Cleopatra«

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 Wie bereite ich mich vor: Trailer gucken, Kritiken lesen und … ich gehe zur Einführungsveranstaltung vor der Vorstellung.

Was ziehe ich an: Das kleine Rote. Nicht klassisch, knallig soll es heute sein.

Was nehme ich mit: Ein Pausenbrot. Oper macht hungrig!

Legs, legs, legs, sind alles, was ich sehe. Straffe, muskulöse, biegsame Beinchen, gestreckt, gedreht, geworfen – es ist Showtime in Ägypten bei Cleopatra, der unwiderstehlichen Herrscherin mit den ganz besonderen Vorlieben: Schlafen im Sarkophag, Selbstgespräche führen mit Katzenhandpuppe, Todesurteile unterschreiben, um nur drei zu nennen. In knappen Glitzer-Fummeln wird gesungen, getanzt und sich niedergekniet, immer um die Königin herum, denn das Volk ist seiner Cleo sehr ergeben. Aber die wünscht sich immer nur: »Einen kleinen ägyptischen Flirt…«

Heute verbringe ich den Opernabend ohne Begleitung, was ist schon dabei, just me, myself & mein süßes rotes Kleid, soviel Selbstbewusstsein bringe ich doch mit, oder nicht? Schon im letzten Jahr konnte mich Die Perlen der Cleopatra an der Komischen Oper Berlin begeistern, umso aufgeregter frage ich mich, ob die Inszenierung erneut mein Herz gewinnen wird. Diesmal besuche ich auch die Einführungsveranstaltung: Anekdotisch erzählt Dramaturg Simon Berger von der historischen Cleopatra und ihren Macht- und Liebesspielchen, informiert über den Komponisten Oscar Straus, die »Ägyptomanie« zu dessen Zeit und die Uraufführung der »Perlen«. Die fand 1923 in Wien statt und war, obwohl starbesetzt mit Fritzi Massary, ein Flop. Erst ein Jahr später bei der Berliner Premiere sprang der Funke aufs Publikum über. Trotzdem wurde die Operette bislang nur sehr selten gespielt, erlebt erst hier an der Komischen Oper Berlin ihre Renaissance ­– komplett überarbeitet.

Pause

Pause

Statt Massary jetzt Manzel. Dagmar Manzel, Star unserer Zeit und, in den Augen und Ohren von Regisseur Barrie Kosky, einzig mögliche Besetzung für die Rolle der Cleopatra. Doch bevor die Manzel ihr Können unter Beweis stellen kann, heißt es erst einmal Warten. Der Vorstellungsbeginn verzögert sich, Darsteller Dominique Horwitz musste krankheitsbedingt kurzfristig umbesetzt werden, Einspringer Max Hopp steckt noch in Dreharbeiten fest! Doch dann hoppst (wie viele Leute haben diesen Witz schon gemacht?!) er auf die Bühne, als Cleopatras erster Minister Pampylos, Textbuch in der Hand, Privatbrille auf der Nase, und der irre Abend beginnt…

Cleo hat nämlich ’ne ziemliche Klatsche, mal ganz direkt gesprochen. Und sie kommt zwar aus Ägypten, aber Frau Manzel, die kommt aus Berlin, also badet ihre Cleopatra nicht in Milch, sondern in Mülsch, wattn sonst! Wie Dagmar Manzel diese Gaga-Lady spielt, ihre Stimmungs- und Stimmwechsel innerhalb von Sekundenbruchteilen, von verführerisch über streng bis hin zu äußerst kratz(bürst)ig, wie sie die Anschmiegsame gibt und im nächsten Moment Köpfe rollen sehen möchte, chansoniert zwischen Sprechen und Singen, das ist schon ganz große Darstellungskunst. Auch Max Hopp alias Pampylos schlägt sich in seiner neuen Rolle super, die kurzfristige Übernahme wird zum Gegenstand diverser improvisierter Späße zwischen ihm und Königin Manzel. Aber es die Ensembleleistung, die den Abend für mich zum Gesamtknaller macht: Gesang, Tanz, Musik werden allesamt absolut überzeugend dargeboten. Und die Musikstücke: Hits, Hits, Hits.

Draußen dann, meine Beine zucken noch, im Kopf summt es, Berliner Nacht: kalt, verregnet, motzig. Auf der Straße wird um ein Taxi gestritten, »Jetzt steigen Sie endlich ein«, brüllt der Fahrer, und plötzlich fühle ich mich ganz schön einsam, so ohne Begleitung auf dem Weg zur U-Bahn. »Pah, rotes Kleid«, denke ich, »Pfff«, nicht ein kleiner, klitzekleiner Flirt ist mir hier heute Abend begegnet. Ob das morgen anders wird? Bleiben Sie dran.

Kusskuss

Geschrieben von Komische Oper

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