An der Komischen Oper Berlin inszeniert Chefregisseur Barrie Kosky Tschaikowskis Meisterwerk Jewgeni Onegin

Premiere: Sonntag, 31. Januar, 18 Uhr

Die russische Landschaft kommt aus Sachsen: Auf einhundert Jahre alten Webstühlen und teils in traditioneller Handarbeit werden in einem Familienbetrieb über viele Wochen dutzende Meter Sisal zu einem bühnenfüllenden Gewebe verarbeitet. In eine ungezähmte Wiese soll sich die Bühne der Komischen Oper Berlin für seine Inszenierung von Pjotr I. Tschaikowskis Jewgeni Onegin verwandeln. Barrie Kosky wird dem 1878 uraufgeführten Drama um die erste große Liebe, Freundschaft, Enttäuschung, Rache und Schuld die Weite des natürlichen Raumes als Metapher unterlegen.

Günter Papendell ist Jewgeni Onegin. ©Jan Windszus Photography

Günter Papendell ist Jewgeni Onegin. ©Jan Windszus Photography

Vier junge Menschen am Anfang ihres Lebens stehen im Mittelpunkt des Werks. Sie sind nicht mehr Kind und noch nicht erwachsen und werden einander zum Schicksal. Auf dem Land lebt die fröhliche Olga bei ihrer Mutter Larina und ist mit Lenski, dem begeisterten Dichter, verlobt. Als dieser seinen neuen Freund mitbringt, ist es um Olgas Schwester – die introvertierte Tatjana – geschehen. Tatjana verfällt Jewgeni Onegin und schreibt ihm einen bekennenden Liebesbrief – doch weist Onegin sie zurück. Ein Streit mit Lenski endet in Duell und Katastrophe. Onegin verlässt als Mörder seines Freundes die Provinz. Jahre später in St. Petersburg begegnet er erneut – Tatjana. Die nun ihrerseits Onegins Liebesflehen nicht erhören will …

»Ich will keine Könige, keine Volkstumulte, keine Götter. Ich brauche Menschen und keine Puppen. Ich will mich gern an jedwede Oper machen, in der, wenn auch ohne kraftvolle und unerwartete Effekte, Geschöpfe, wie ich es bin, Gefühle haben, die auch von mir erlebt worden sind und verstanden…«, schrieb Piotr I. Tschaikowski 1878 als Überlegung zu seinem neuen Musiktheaterwerk Jewgeni Onegin. Das Ergebnis, die »Lyrischen Szenen« – so ihr Untertitel – wurde im folgenden Jahr am Moskauer Maly-Theater uraufgeführt.Barrie Kosky sieht das Werk als »eine der größten tragischen Liebesgeschichten« des Musiktheaters und lässt sich in seiner Arbeit von den Grundinteressen des Komponisten leiten. Jewgeni Onegin handelt von jungen Menschen, den Verstrickungen ihrer Herzen und Begierden, von Einsamkeit und Hoffnung und jener ersten großen Liebe, von der so oft gesagt wird, man erlebe sie nur einmal.

An Mythen, Heldengestalten und Sagenhaftem uninteressiert wählte Tschaikowski, gemeinsam mit seinem künstlerischen Partner Konstantin Schilowsky, einen Stoff, der zum Heiligsten der modernen russischen Literatur gehört. Alexandr S. Puschkins in Versen abgefasstes Roman-Epos Jewgeni Onegin hob das Russische in den Rang einer Literatursprache. Dieses »Road Movie in Versen« entsendet die Titelfigur Onegin, halbwegs gebildet und völlig verwöhnt, als dandyhaften Snob aus der Oberschicht St. Petersburgs durch das Russland seiner Zeit. Aus dem ab 1825 publizierten Roman extrahiert Tschaikowski eine zentrale Episode und lässt das Stück in der Idylle der russischen Provinz beginnen, wo Onegin, wie eine sphärische Erscheinung, das Herz Tatjanas absichtslos verbrennt.

Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840 - 1893)

Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840 – 1893)

Vielfach wurde der Komponist für seine Bearbeitung gescholten, der Verkitschung, Fehldeutung und Trivialisierung der Puschkin’schen Welt geziehen. Tatsächlich ist sein Werk auf das Sujet des Dichters, geprägt von zwei Momenten:  Realismus der Figuren und ihrer Gefühle, als musikalische Individualisierung der Bühnen-Charaktere und einer legendenumstrickten Überidentifikation des Komponisten mit der weiblichen Hauptfigur Tatjana. »Eigentlich ist es ihr Stück«, kommentiert Barrie Kosky: »Es ist das Drama ihrer Liebe und Enttäuschung«, dessen zentrale Sequenz die Briefszene ist, in der das Mädchen nächtens dem Angebeteten in einem Brief ihre Gefühle darlegt. Mit dieser Szene begann Tschaikowski seine Arbeit und schuf eine fast viertelstündige Arie, die in den Opernhäusern dieser Welt emotionale Feuerwerke entfacht.

Hinlänglich bekannt sind die lebenslangen inneren Konflikte des homosexuell veranlagten Komponisten. In den Monaten vor Beendigung des Werkes stürzten diese ihn in eine Lebenskrise. Eine Konservatoriumsschülerin, Antonia Miljukowa, hatte sich in ihn verliebt. Tschaikowski gab ihrem Drängen nach, heiratete sie, gegen seine Neigung. Der Wille, seine – als Straftat sanktionierten – erotischen Neigungen hinter einer geordneten bürgerlichen Existenz zu verbergen, hat ebenso eine Rolle gespielt, wie die zeitgleiche Beschäftigung mit Onegin. Der Tonsetzer wollte keinesfalls, gleich Onegin, die Liebe einer Frau abweisen und Miljukowa drohte tatsächlich in ihren Briefen mit Selbstmord. Unglücklich und kurz währte diese Ehe.

Mit den »Lyrischen Szenen« erklingt an der Komischen Oper Berlin Tschaikowskis bekanntester Beitrag zur Moderne im Musiktheater; interpretiert von der litauischen Sopranistin Asmik Grigorian als Tatjana – sie war im Haus an der Behrenstraße bereits als Marie in Tschaikowskis Mazeppa zu erleben –, Karolina Gumos als Olga, Aleš Briscein als Lenski und Günter Papendell in der Titelpartie. In der Weite des natürlichen Raumes suchen die Figuren nach Halt, Freundschaft, Glück und gelangen zur späten tragischen Einsicht: »Zum Fassen nahe war das Glück«.

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Geschrieben von Komische Oper

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