An der Komischen Oper Berlin lernt Roboter Myon die ganz großen Gefühle

My Square Lady feiert am 21. Juni Premiere …
kleiner Roboter ganz groß

Foto: Forschungslabor Neurorobotik an der Beuth Hochschule für Technik Berlin

kleiner Roboter ganz groß

Foto: Forschungslabor Neurorobotik an der Beuth Hochschule für Technik Berlin

Müll entsorgen, Maschinen reparieren oder gar Menschen beseitigen – all die Fähigkeiten, die seine Artverwandten WALL-E, R2-D2 oder Terminator in der filmischen Fiktion auszeichnen, besitzt der humanoide Roboter Myon, Hauptdarsteller der Produktion My Square Lady an der Komischen Oper Berlin, nicht. Soll er auch nicht. Seinem Schöpfer Prof. Dr. Manfred Hild geht es um viel weniger und doch um so viel mehr: Myon soll nicht ein von seinen Machern vorbestimmtes Programm abspulen, das ihn zum Spezialisten für Müllverarbeitung, Mechanik oder Auftragsmord werden lässt, sondern selbstständig Entscheidungen treffen, wahrnehmen und handeln, sich eben menschengleich als autonomes Wesen mit einem eigenen Willen in der Welt bewegen können. Davon ist er allerdings noch weit entfernt. Manfred Hild vergleicht die Fähigkeiten seines Zöglings mit denen eines ein- bis dreijährigen Kleinkindes. Beim Gang über die schräge Bühne benötigt er noch menschliche Unterstützung, sich zu artikulieren fällt ihm schwer und ob er denn tatsächlich singen können wird, zeigt sich wohl erst am Tag der Premiere. Doch gerade die Diskrepanz zwischen unseren durch Film und Fernsehen geprägten Erwartungen, Projektionen, Assoziationen und Myons tatsächlich rudimentären Möglichkeiten machen ihn für einen Musiktheaterabend und vor allem für das Künstlerkollektiv Gob Squad so interessant.

Nicht ohne Grund stammt die Idee für My Square Lady von dem inzwischen seit 20 Jahren bestehenden, bereits zum Berliner Theatertreffen eingeladenen, deutsch-britischen Künstlerkollektiv: Produktionen von Gob Squad beginnen meist mit einer ziemlich großen und überaus ambitionierten Aufgabenstellung, an der es sich während der Aufführung gemeinsam mit dem Publikum „abzuarbeiten“ gilt: Eine Revolution anzetteln, sich als Held beweisen oder aber, wie bei My Square Lady einem Roboter menschliches Fühlen beibringen. Dass das nicht in vollem Umfang gelingen kann, ist natürlich klar und Teil der künstlerischen Strategie. In Gob Squad-Performances scheitern die Protagonisten immer wieder an den großen, ihnen gestellten Herausforderungen, um dann doch im Kleinen Erfolge zu feiern – auch wenn die Massenbewegung ausbleibt, so findet sich auf der Straße zumindest ein williger Revolutionär. Gerade durch das Spiel mit den großen Erwartungen, deren Enttäuschung, aber auch Erfüllung im Kleinen zeichnet sich die Ästhetik von Gob Squad-Produktionen aus. Dass Myon, der schon durch seine schiere Anwesenheit den Erwartungspegel seines menschlichen Gegenübers in die Höhe treibt, für Gob Squad eine Traumbesetzung darstellt, versteht sich daher von selbst.

Fehlt noch der dritte im Bunde dieser außergewöhnlichen Kooperation – die Komische Oper Berlin. Als »Kraftwerk der Gefühle« stellt das Opernhaus die perfekte Schule für Myons Ausbildung im Fachbereich Emotionen dar. Ähnlich wie Professor Henry Higgins im bekannten Musical My Fair Lady Eliza Doolittle sprachlich erzieht, so verhilft die Komische Oper Berlin dem Roboter Myon zur emotionalen Kultivierung. Von Gob Squad an die Hand genommen durchwandert Myon die verschiedenen Abteilungen des Opernhauses, um von den dort jeweils vorhandenen Expertisen zu profitieren – welche Musik weckt traurige Emotionen? Wie muss ein Scheinwerfer ausgerichtet sein, um eine lebendige Stimmung zu kreieren? Und welches Kostüm sollte man tragen, um das Publikum zu Tränen zu rühren? Ob das Opernhaus dem Roboter tatsächlich etwas in Sachen Gefühle beibringen kann, ob Myon zum Menschen oder gar zum Opernstar taugt, wird er schließlich auf der großen Bühne unter Beweis stellen.

Geschrieben von Komische Oper

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