TOBIAS BROSTRÖMS LUCERNARIS – EINE ABREISE AUS DEM DUNKEL

Teil des ersten Sinfoniekonzerts  am 19. September in der Komischen Oper Berlin.
Mit Håkan Hardenberger, Tobias Broström, Henrik Nánási und dem Orchester der Komischen Oper Berlin.

 

Tobias Broströms Lucernaris könnte man am ehesten als ein in Klang transferiertes rituelles Lichterfest charakterisieren. Bereits der Titel verweist auf einen kirchlichen Kontext: Das Lucernarium ist eine Lichtfeier, die zu den ältesten Gebetsformen der Christen zählt. Täglich bei Sonnenuntergang wurden Lichter entzündet und Hymnen gesungen. Heute lebt der Brauch mit dem rituellen Anzünden der Kerzen während der Adventszeit und der Osternacht weiter fort. Als schwedischer Komponist ist Tobias Broström noch stärker mit der Feier des Lichts als Lebenselixier konfrontiert. Diejenigen, die sich einmal im dunkelsten Monat des Jahres im hohen Norden aufgehalten haben, kennen das Luciafest am 13. Dezember, das in Schweden äußerst populär ist. Hier werden Mädchen weiß gekleidet, mit einer Lichterkrone im Haar geschmückt, um mit dem Lied der heiligen Lucia gegen die Dunkelheit anzusingen. Wer bei Lucernaris eine rein religiöse Komposition erwartet, sei entwarnt. Broströms Komposition steht vielmehr in der Tradition skandinavischer Musik, Natur und Farben in den Klängen spürbar werden zu lassen. Der Komponist fasst den Titel als Metapher für »tausende Dinge in unserem Leben« auf. Denn »mit den Gegensätzen Dunkelheit und Licht, Kälte und Wärme, hat es etwas Stereotypes auf sich. Die Konflikte sind alt, aber sie sind zugleich von immerwährendem Interesse, insofern sie unlösbare Komponenten zu bergen scheinen, die das Menschliche ausmachen. So wichtig es auch erscheint, definitive Lösungen auf Fragen nach menschlicher Wärme und Kälte zu finden, so wichtig ist es auch, damit fortzufahren, mit ihnen zu ringen.«

Tobias Broström

 

Broström macht Lucernaris in der Tat zu einem musikalischen Schauplatz dieser Konflikte. Die Komposition ist zweigeteilt: Der erste Teil, ein »lamentoso, molto espressivo« beschwört in größtenteils meditativem Gestus eine schattenhaft dunkle Welt, aus der sich im nahtlos anschließenden »recitando«-Teil raffinierte Rhythmen herauslösen. Das Spiel wird rastloser, den helleren Regionen zustrebend, und das Trompetensolo bestätigt die Verwandlung: Es beginnt mit dunklen Tönen auf dem Flügelhorn, nutzt später eine bisweilen gedämpfte Trompete, die sich in virtuosen Momenten zu einem regelrechten Klangrausch steigert – eine durchaus anspruchsvolle Partie, die Broström für den international erfolgreichen Trompeter Håkan Hardenberger geschrieben hat.

Überraschende Zusage mit internationalen Folgen

NLha__kan_hardenberger010___marco_borggreve»Ich dachte nicht, dass er ›ja‹ sagen würde« – Tobias Broström war überrascht, als der renommierte Trompeter Hardenberger seiner Idee zustimmte, für ihn ein Solokon-zert zu schreiben. Die beiden Schweden kannten sich da bereits von anderen Projekten, und Broström erzählt, es sei deshalb relativ »natürlich gewesen, ihn zu fragen, zumal er so ein großartiger Musiker ist«. Hardenberger ist stets auf der Suche danach, sich zeitgemäß mit seinem Instrument auszudrücken, und so war er von Broströms Idee, Live-Elektronik zu benutzen, von Anfang an begeistert. Bereits mehr als 40 für ihn geschriebene und von ihm uraufgeführte Werke lassen sich zählen, darunter Kompositionen von Arvo Pärt und Hans Werner Henze. Bei der Uraufführung im Jahre 2009 in der schwedischen Stadt Gävle – mit Broström an der Elektronik und Hardenberger als Trompeter – war Lucernaris ein voller Erfolg. Zugleich war es Broströms Abschiedswerk für das Gävle Symfoniorkester. Dort hatte er direkt im Anschluss seines Schlagzeug- und Kompositionsstudiums an der Malmöer Musikakademie ein dreijähriges Composer-in-Residence-Stipendium.

Selbst professioneller Schlagzeuger, hatte der Komponist bereits mehrere Werke für dieses Instrument geschrieben und unter anderem mit dem Werk Arena (2004) national auf sich aufmerksam gemacht. Doch mit Lucernaris gelang Broström der internationale Durchbruch, Aufführungen fanden unter anderem in Helsinki, Manchester, Dresden, St. Gallen und Detroit statt.

Wenn der Klang zur Farbe wird

Lucernaris fasziniert vor allem als Farbenstudie. Bei dem Wort Klangfarbe kann man an ein rein akustisches Phänomen denken. Doch warum es nicht wörtlich nehmen und Klang und Farbe synästhetisch aufeinander beziehen? Bereits 1910 begann Alexander Skrjabin seine Farb-Klang-Komposition Promethée, für die er ein eigenes Tasteninstrument entwickelte, das die »Luce-Stimmen« und damit die Farben der jeweiligen Töne auf eine Leinwand projizieren konnte. Im Sinne des Themas Licht als Bedingung aller Farben überhaupt nutzt Broström für Lucernaris ebenfalls die Möglichkeiten der Lichtregie. Dabei wählt er Parameter, die sich kontrastierend gegenüberstehen, wie Dunkelheit (schwarz) und Licht (weiß) sowie Kälte (blau/grün) und Hitze (rot/gelb). Das Farbspiel intensiviert nicht nur das Raumgefühl, sondern auch die Szenerie, die sich vor dem inneren Auge beim Hören des Werks abspielt: Zu Beginn des Werks breitet sich zu dunklem Rot ein schimmernder Klangteppich im Schlagwerk aus. Darüber erklingen langsame Melodien im Flügelhorn. Sie pendeln wie von einem schweren Traum gefangen noch hin und her und verbleiben im tiefen Tonregister. Allmählich steigert sich das Tempo, die Farbe wechselt zu Blau, der Solist greift zur Trompete, und die Gesten werden vorwärtstreibender. In der Mitte des Werks öffnet Broström stellenweise die Orchesterpartitur für elektronische Einspielungen. Samples mit Natur- und vor allem Wassergeräuschen setzen sich vom Orchesterspiel ab. Die Trompete, meist mit Dämpfer, beginnt mit bzw. gegen sich selbst zu spielen, indem sie das eigene Spiel aufnimmt. Die Aufnahmen werden über ein digitales looping immer enger miteinander verzahnt. Sicherlich ist hier einer der effektvollsten Höhepunkte des Werks – nämlich dann, wenn die Trompete in Manier der Minimal Music kurze repetitive Muster zu Polyrhythmen des Schlagwerks spielt. Nach diesem Ausbruch zeigt sich die Komposition in veränderter Stimmung: Vor allem gönnt sie sich etwas Kostbares, nämlich Zeit, Klangereignisse geschehen zu lassen. Die langgezogenen Melodien und Fanfaren der Trompete, die perlenden Schlagwerkläufe, die flirrenden Streicherteppiche und schließlich das choralartig erhabene Ende mit einem sich verabschiedenden Trompetenspiel – diese Momente folgen dem strukturellen Prinzip einer organischen Entwicklung, von der Broström schreibt: »Ich bin entsetzlich ineffizient, wenn ich komponiere. Es dreht sich alles um Zeit und Reflektion, um ein Zurücktreten und ein Betrachten aus der Distanz heraus auf das, was ich geschrieben habe.«

 

 

Text: Birgit Wertenson
Fotos: Jesper Lindgren, Marco Borggreve

Geschrieben von Komische Oper

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