Die Mayerling-Affaire, der mysteriöse Doppelsuizid von Österreichs Kronprinz Rudolph von Habsburg und seiner minderjährigen Geliebten Mary Vetsera im Jahr 1889 – ist das ein geeigneter Stoff fürs Broadway Debut eines europäischen Operettenkönigs? In der Operette ist alles möglich – und so verpasst Emmerich Kálmán den beiden tragischen Liebenden für sein erstes und einziges »Romantic Musical« kurzerhand ein Happy End! Kaiser Franz Josef lässt die Liebenden glücklich vereint ziehen, das Volk wird mit der Legende von Mayerling an der Nase herum geführt!

Ruth Brauer-Kvam, Matthias Spenke, Foto: Jan Windszus PhotographyRuth Brauer-Kvam, Matthias Spenke, Foto: Jan Windszus Photography

Alle Jahre wieder zu Weihnachten schenkt die Komische Oper Berlin ihrem Publikum verlorene oder vergessene Kálmán-Werke in Form von konzertanten Leckerbissen. Marinka wird nun als letzte Kálmán-Ausgrabung diese Reihe abschließen. Dabei müsste man eigentlich ein neues Wort für »Ausgrabung« erfinden: Marinka ist eine absolute Rarität! Kálmáns Originalscore gilt als verschollen, für die europäische Erstaufführung an der Komischen Oper Berlin wurde eine neue Orchestrierung angefertigt. Kálmán, seinerzeit einer der erfolgreichsten Komponisten der Operettenära, musste aufgrund seiner jüdischen Herkunft 1938 aus Europa fliehen. Marinka, sein letztes vollendetes Werk, entsteht im Exil. 1945 im New Yorker Winter Garden uraufgeführt, spielt Kálmán mit Kontrasten aus alter und neuer Welt, Operette und Musical, huldigt mit Wiener-Walzer-Schmäh und heimatlichem Paprika-Temperament einer österreich-ungarischen k.u.k.-Romantik, die längst der Geschichte angehört. Musikalisch ist er aber ganz und gar nicht von gestern, sondern liefert zündende Broadway-Nummern. Titel wie »Only One Touch of Vienna« oder »If I Never Waltz Again« lassen sofort im Dreivierteltakt schwelgen, während der »Cab Song« oder »Old Man Danube« eindeutig von amerikanischen Musicals wie »Oklahoma!« oder »Showboat« inspiriert sind. Vor allem aber ist Marinka eine Hommage an den Lovesong: Ein Liebesduett jagt das nächste, »One Last Lovesong« oder »Sigh by night« sind wunderbar schwelgerische Melodien zum Träumen, oder wie ein amerikanischer Kritiker damals schrieb: »… sehr geschmackvoller Schmalz«.

Durch die 90-minütige konzertante Aufführung an der Komischen Oper Berlin führen Wiens Musical Star Ruth Brauer-Kvam als Marinka und Peter Bording in der Rolle von Kronprinz Rudolphs Leibfiaker Bratfisch, der natürlich alle indiskreten Details der amourösen Affäre kennt. Johannes Dunz darf in der Rolle des verliebten Kronprinzen wieder einmal als romantischer Held brillieren, und Talya Lieberman wird als Countess Landowska für amouröse Komplikationen sorgen. Die Countess, eine Verflossene des Kronprinzen, hat nämlich ein hochskandalöses Buch geschrieben, in dem sie »Sünde für Sünde« ihre Affären auflistet. Das könnte für Rudi, nein für das Haus Habsburg, arg kompromittierend werden…

An nur zwei Abenden, dem 18. und 30. Dezember, gibt es für Musical- und Operettenliebhaber die Chance, Emmerich Kálmáns lange verloren geglaubte Marinka wiederzuentdecken.

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Geschrieben von Komische Oper

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