»Orpheus & Eurydike«, Inszenierung von Harry Kupfer. Christiane Oertel, Dagmar Schellenberger, Jochen Kowalski auf der Bühne der Komischen Oper Berlin. Bild: Komische Oper Berlin

»Orpheus & Eurydike«, Inszenierung von Harry Kupfer. Christiane Oertel, Dagmar Schellenberger und Jochen Kowalski auf der Bühne der Komischen Oper Berlin. Foto: Komische Oper Berlin

»Was am 9. November in der Komischen Oper Berlin wirklich passierte, hat ein lange gefeierter Sänger hinterlassen. Auf dem Spielplan stand Glucks „Orpheus und Eurydike“, Countertenor Jochen Kowalski sang den Orpheus. Kurz vor seiner letzten großen Arie rief ihm ein Bühnenarbeiter aus der Gasse zu, dass die Mauer auf sei. Dann sang Kowalski jene berühmte Arie, die alle kennen als „Ach, ich habe sie verloren“. Was für eine unglaubliche Geschichte.« (Berliner Morgenpost, Artikel zu 25 Jahre Mauerfall)

Zum Mauerfall-Jubiläum 2017 haben wir mit einigen Kollegen des künstlerischen Betriebs gesprochen, die schon am 9. November an der Komischen Oper Berlin tätig waren. Wir hatten nur eine Frage:

»Welche besondere Erinnerung an Ihre Arbeit an der Komischen Oper Berlin haben Sie zu der Zeit rund um den Mauerfall (oder sogar an den konkreten Tag)?«

Kammersängerin Christiane Oertel (Mezzosopran, Ensemble-Mitglied)

Christiane Oertel, 2016, Foto: Jan Windszus Photography

Christiane Oertel, 2016, Foto: Jan Windszus Photography

Am 9.11.1989 spielten wir abends ganz regulär auf der Großen Bühne. Ich bin völlig naiv in die Vorstellung gegangen: Glucks »Orpheus und Eurydike« in der Inszenierung von Harry Kupfer. Wir spielten von 20 bis 21:30 Uhr. Nach der Vorstellung hat mich mein Mann vor der Oper abgeholt. Er hätte gehört, dass die Grenzen offen seien, wir müssten schnell nach Hause, Tagesthemen gucken. Wir konnten ja Westfernsehen sehen. Wir brauchten über eine halbe Stunde zu unserer Mietswohnung in irgendeinem Neubaugebiet und wir schafften es gerade rechtzeitig zu den Tagesthemen. Sie sagten an der Bornholmer Straße wagten sich erste Menschen über die Grenze. Also los zurück! Wir haben uns gleich wieder angezogen und sind in die Stadt zurück zum Checkpoint Charlie, der ja nicht weit entfernt ist von der Komischen Oper. Als wir mit der S-Bahn durch das Neubaugebiet fuhren, kam es mir vor wie eine tote Stadt. Es schien, als hätten viele Menschen die Neuigkeiten noch gar nicht mitbekommen und schliefen. Es hatte ja auch nicht jeder Telefon. Als wir am Checkpoint Charlie ankamen, war die Grenze dort noch zu. Alle gingen ganz sachte rückwärts, blieben aber in der Nähe. Urplötzlich ging dann das Tor auf und über die Lautsprecher wurde die Menge aufgefordert, sich ruhig zu verhalten und einen Passierschein auszufüllen, um die DDR zu verlassen. Aber dann ging alles ziemlich schnell und wir konnten schon durch einen Durchbruch in der Mauer in den Westen gehen. Auf der anderen Seite standen wahnsinnig viele Leute, die uns empfangen haben, obwohl wir einander nicht kannten. Die Freude war groß, Fremde umarmten sich. Wir sind dann mit Leuten, die wir gerade kennengelernt hatten los, die haben uns dann mit zum Ku’damm genommen und wir haben uns die ganze Nacht in einer Bar unterhalten, bis früh zum nächsten Morgen. Die Sonne hat so schön geschienen. Dieses Glück, dass man da sein konnte, war wirklich unbeschreiblich. Wir blieben dann noch den ganzen Vormittag. Zum Glück hatte ich keinen Dienst in der Komischen Oper am nächsten Morgen.

Angelika Steinbeck, Bratsche im Orchester der Komischen Oper Berlin

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Angelika Steinbeck 1989 mit einer Viola d’amore. Sie ist Bratschistin im Orchester der Komischen Oper Berlin. Foto: Frank Kessel

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Angelika Steinbeck heute, Bratschistin im Orchester der Komischen Oper Berlin. Foto: Rainer Schönig

Ich hatte im Sommer 1989 in der Komischen Oper Berlin ein Dienstvisum beantragt, um im Herbst Konzerte in Westdeutschland zu besuchen. Ohne eine Kollegin, die es beantragt hatte, wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, es zu versuchen. Es klappte sogar und ich fuhr wenige Tage vor dem Mauerfall nach Hamburg zu einem Freund. Da ich die Fahrkarte in D-Mark bezahlen musste, kaufte ich nur ein Ticket für die Hinfahrt. Den Mauerfall erlebte ich dann in Hamburg. Ich glaube das Operettenhaus schenkte mir die Karte für Cats. Zurück nach Berlin wollte ich trampen, in der Hoffnung, auf diese Art eventuell durch Westberlin zu kommen. Aber kein Auto hielt an. Nur ein Trabant aus Marzahn, dessen Fahrer gleich um die Ecke wohnte und erst mal einen Sitzplatz für mich freiräumen mußte.

 

 

 

 

 

Ein Klangerlebnis der im Eingang erwähnten Arie, gesungen von Countertenor Jochen Kowalski, finden Sie hier …

 

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Geschrieben von Komische Oper

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