Nicole Chevalier (Medea), Foto: Jan Windszus Photography

Nicole Chevalier (Medea), Foto: Jan Windszus Photography

»Ich kann keinen Stoff nehmen, der mit uns heute nichts zu tun hat«, so der Berliner Komponist Aribert Reimann über seine Oper Medea. Und Medea, die antike Mythenfigur, personifiziert eine der größten Krisen unserer Zeit: eine Migrantin, die in ihrem eigenen Land nicht mehr leben kann, wird in der neuen fremden Heimat nicht akzeptiert und ausgeschlossen. Das Auftragswerk für die Wiener Staatsoper, 2010 uraufgeführt, wurde zum Triumph für zeitgenössisches Musiktheater. Jetzt stellt die Komische Oper Berlin dieses umjubelte Werk dem Opernpublikum vor.

 

Es sind die zerrissenen Figuren der Weltliteratur, die den Berliner Komponisten Aribert Reimann interessieren, wie schon in seinen Opern Das Schloss nach Kafka oder Gespenstersonate nach Strindberg und natürlich in seinem Lear nach Shakespeare, einem Meilenstein in der Operngeschichte des 20. Jahrhunderts. Der Wunsch, ein weibliches Pendant zum Lear zu schaffen, führte Reimann zu Medea. Die wilde Fürstentochter aus einem fremden »Zauberlande«, mit magischen Künsten vertraut, verrät aus Liebe zum Griechen Jason ihre Familie und verlässt mit ihm ihr Heimatland. Jason und Medea sind Flüchtlinge. Medea versucht sich mit aller Kraft zu assimilieren, vergräbt ihre magischen Eigentümer, kleidet sich als Griechin und tut ihr Bestes, ihr wahres Ich zu verbergen. Doch sie wird von Anfang an vom neuen Volk beargwöhnt und gemieden. Als »Unzivilisierte« und »Barbarin« wird sie beinahe wie eine Aussätzige behandelt. Als auch Jason sich von ihr abwendet, sich vor ihren Augen mit der Königstochter Kreusa aus der neuen Heimat vermählen und ihr auch die eigenen Kinder wegnehmen will, scheint Medea in ihrer ausweglosen Situation nur noch eine Lösung möglich: »Mir lasst die Rache!«

 

 

Der antike Mythenstoff wurde in unzähliger Form für die Bühne adaptiert. Reimann fand in der Version des österreichischen Dichters Franz Grillparzer von 1821 eine Version, in der Medea besonders ihr Anderssein vorgeworfen wird. Sie soll sich anpassen und hat doch eigentlich nie eine realistische Chance, angenommen zu werden. Die Frau, die daheim eine Königstochter war, wird jetzt zum Sündenbock degradiert und als politischer Spielball von mächtigen Männern herumgetreten. Bis Medea, in die Ecke gedrängt, sich wieder ihrer wahren inneren Macht und Identität besinnt und – ganz im Gegensatz zum Lear – in ihrer Not immer stärker wird.

 

Gesangsstimmen stehen im Zentrum von Reimanns Werk, Sänger inspirieren ihn. Die Menschen, ihr Handeln und ihre psychologischen Vorgänge sind Konzentrationspunkt der Partitur. Allen sechs Sängern der kleinen Besetzung wird höchste Virtuosität abverlangt. Die Anforderungen an die Interpretin der Titelpartie sind immens, sowohl darstellerisch-emotional als auch gesangstechnisch. Nicole Chevalier hat die Herausforderung angenommen, diese Medea darzustellen, die der Komponist geradezu halsbrecherische Koloraturen von äußerster Expressivität singen lässt. Dazu findet er archaische Klangbilder, wild gezackte Melodielinien, zerpflückte Rhythmen, dicht und hypnotisierend. Die Neuinszenierung des noch ganz jungen Werks kommt von dem australischen Regisseur Benedict Andrews. Dem Berliner Publikum bereits bekannt durch seine Inszenierung von Der feurige Engel 2014 an der Komischen Oper Berlin, gehört Andrews bereits zu den gefragtesten Theater- und Opernregisseuren weltweit. Ihn interessieren besonders Geschichten von Menschen, die extreme Situationen durchleben, die zu Außenseitern werden, sowohl in der Gesellschaft als auch in sich selbst. Und er hat eine besondere Vorliebe für starke Frauenfiguren. Eine extremere Frau als Medea findet sich wohl kaum in der Bühnengeschichte.

 

Geschrieben von Komische Oper

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