Skurriles Schostakowitsch-Stück an der Komischen Oper

Die Maskenabteilung der Komischen Oper hat alle Hände voll zu tun: Derzeit wird dort eine künstliche Nase nach der andern hergestellt, rund hundert sollen es insgesamt werden. Wobei nicht etwa von schnöden Pappnasen die Rede ist, sondern von Riechkolben der echt aussehenden, allerdings übergroßen Art. Doch: Wofür das Ganze? Für eine Armee an Darstellern, die in Schostakowitschs grotesker Oper Die Nase mitwirken. Denn bei der Umsetzung dieses Werks stellt sich zuallererst eine ganz pragmatische Frage: Wie lässt sich – ohne blutige Amputationen – zeigen, dass ein Mensch keine Nase mehr hat, die anderen aber schon? Für Regisseur Barrie Kosky ist die Antwort klar: Indem man all den Glücklichen, die eine Nase haben, einfach eine größere aufsetzt!

THE NOSE AT ROYAL OPERA HOUSE -® ROH. PHOTO BY BILL COOPER

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So skurril die Anforderungen, so skurril die Geschichte: Alles dreht sich um den Bürokraten Kowaljow, der eines Morgens aufwacht und feststellt, dass seine Nase verschwunden ist. Die Katastrophe ist perfekt, denn was ist ein Mensch ohne Nase? Ein machtloser Außenseiter, ein Abschaum der Gesellschaft! Blitzschnelle Rekonstruktion ist gefragt: Wie, wo, wann kann sich der Nasen-Verlust zugetragen haben? Beim Saufen in der Nacht zuvor? Bei der Rasur am Morgen? Kowaljow begibt sich auf die Suche und erspäht seinen abtrünnigen Riechkolben schon bald in der Kathedrale, kann den anarchischen Widerständler aber nicht zur Rückkehr bewegen. Eine Reihe von Turbulenzen nimmt ihren Lauf, bis die Nase endlich vom Polizeioberhauptmeister persönlich zu Kowaljow zurückgebracht wird – sorgsam in ein Taschentuch eingewickelt. Ob die Nasen-Misere damit ein Ende hat? Nicht ganz …

Wer ein bisschen russisch kann, der weiß: Im Begriff »Nos« (Nase) steckt, spiegelbildlich gelesen, das Wort »Son«, was übersetzt »Traum« bedeutet. Und tatsächlich scheint es ein Traum, wenn nicht eher ein Albtraum zu sein, der in einer der skurrilsten Opern aller Zeiten erzählt wird: 1836 schleuderte Nikolai Gogol seine Groteske über den Nasenverlust eines kleingeistigen Emporkömmlings aufs Papier. Fast hundert Jahre später nutzte Dmitri Schostakowitsch Gogols Vorlage für seine erste Oper. Gerade einmal 22 Jahre alt war er zum Zeitpunkt der Komposition – und griff für seinen Bühnen-Erstling sogleich in die Vollen: Fast schon monströs kommt das Werk daher, unendlich viele Rollen toben durch die Handlung, jeder Darsteller hat gleich mehrere zu erfüllen. Dazu ein großer Chor und eine ungewöhnliche Orchesterbesetzung – kein Wunder, dass Die Nase nur selten auf der Opernbühne zu erleben ist; jede Realisierung erfordert enormen Aufwand. Ein Aufwand allerdings, der sich lohnt, denn dem jungen Schostakowitsch gelang eine der kongenialsten Vertonungen von Literatur überhaupt: Auf der Suche nach einem musikalischen Pendant zu Gogols groteskem Stil schoss er ein Feuerwerk klanglicher Kreativität ab: Zirkusmusik, Polka und Galopp paaren sich mit russisch-orthodoxer Kirchenmusik, dazwischen blitzen volksmusikalische Farben durch. Experiment trifft auf Tradition, Ohrenwunder auf Ohrenwunder – wer rechnet schon mit vier Balalaikas in einem klassischen Sinfonieorchester …?

THE NOSE AT ROYAL OPERA HOUSE -® ROH. PHOTO BY BILL COOPER

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Für die opulente und satirische Fantasie von Regisseur Barrie Kosky, Intendant der Komischen Oper Berlin, ist Die Nase wie gemacht. Kosky spürt die kleingeistigen Charaktere der Handlung gnadenlos auf, entlarvt ihre Sehnsucht nach Sicherheit und Besitz. Gemeinsam mit seinem Bühnenbildner Klaus Grünberg kreiert er eine surreale, kafkaeske Welt, die einerseits vom Nonsens lebt, andererseits einen doppelbödigen psychologischen Unterton besitzt: Da schimmern Verlustängste und Größenwahn hinter der komödiantischen Fassade durch, Kastrationspanik und Kontrollwahn blitzen auf. Steppende Nasen nehmen männliche Potenzsymbole aufs Korn und liefern eine bissige Satire auf die Eitelkeiten des Besitz-Denkens. Mal meint man, in einer Alice-im-Wunderland-Welt zu sein, mal fühlt man sich an eine Außenseitergeschichte wie die über Wozzeck erinnert.

Dass dieses Konzept aufgeht, hat sich bereits gezeigt: Koskys Inszenierung wurde bei ihrer Premiere am Royal Opera House in Covent Garden begeistert aufgenommen und war danach auch in Sydney mit großem Erfolg zu sehen. Nun also kommt sie nach Berlin und wird an das Ensemble der Komischen Oper adaptiert: Günter Papendell ist in der Hauptrolle zu erleben – und dass er nicht nur ein Ausnahme-Sänger, sondern auch ein Ausnahme-Darsteller ist, hat er bereits als Don Giovanni und als Onegin gezeigt. Das Dirigat übernimmt der junge lettische Dirigent Ainārs Rubiķis, der ab kommender Spielzeit auch Generalmusikdirektor der Komischen Oper ist – beste Gelegenheit also, den neuen Maestro an der Behrensstraße noch vor der offiziellen »Amtsübernahme« zu erleben. Und übrigens: Niemand muss Russisch lernen, um der Handlung folgen zu können, denn Die Nase wird in einer eigens für die Komische Oper angefertigten deutschen Übersetzung von Chefdramaturg Ulrich Lenz gespielt.

Geschrieben von Komische Oper

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