Max Hopp ist Professor Henry Higgins in »My Fair Lady«! Premiere 28. November! Bild: Jan Windszus Photography

Max Hopp ist Professor Henry Higgins in »My Fair Lady«! Premiere 28. November! Bild: Jan Windszus Photography

Wäre das nicht wundaschön?… Mitten im grauen Herbst bringt die Premiere von My Fair Lady in der Regie von Andreas Homoki frischen Glanz ins trübe Berlin. Paris im Frühling, ein Schloss auf Capri, immer warme Füße und »wundaschön dasitzen elejant, stinkfaul und sich nich rühren bis der Mai schon mitten durch’s Fenster will« – das klingt in der feuchtkalten Jahreszeit doch ganz „wundaschön“ – besonders aus der hinreißend prolligen Berliner Schnauze von Katharine Mehrling oder Winnie Böwe – pardon – natürlich Eliza Doolittle. Letztere, Protagonistin des weltberühmten Musicals My Fair Lady von Alan J. Lerner und Frederick Loewe, wurde in der aktuellen Inszenierung von Regisseur Andreas Homoki an der Komischen Oper Berlin zumindest dialektal von London an die Spree verpflanzt. Hier darf sie sich ganz zu Hause fühlen, denn die erfrischende Direktheit der Berliner passt wie gespuckt auf den derben Cockney-Slang, in dem sich die Heldin des englischen Originals Luft macht. Eliza Doolittle, ihres Zeichens Blumenmädchen, entstammt den tiefsten Niederungen des gesellschaftlichen Prekariats. Das Geld ist knapp, selbst die Kohlenheizung ein entfernter Traum und der Herr Papa ein versoffener wenn auch eloquenter Nichtsnutz. Ihm hat Eliza nichts zu verdanken, außer der unverblümten Klappe – und genau die macht sie für den ziemlich kauzigen Professor der Phonetik Henry Higgins interessant. Sein Herz schlägt für nichts – außer für seine Muttersprache! Schlechte Aussprache, starke Akzente, besonders aber die prollige Ausdrucksweise der Arbeiterklasse bereiten ihm geradezu körperliche Schmerzen. Der „reinen“ Sprache hingegen schreibt er wahre Wunderkräfte zu. In einer Wette mit seinem Kollegen Oberst Pickering möchte er beweisen, dass bereits der rechte Schliff der Sprache zum Aufstieg in die höchsten Kreise befähigen kann. Eliza scheint hierfür das perfekte Versuchskaninchen und Higgins gewinnt schließlich seine Wette. Eines hat er dabei allerdings aus dem Auge verloren: Eliza hat zwar ihre alte Aussprache, nicht aber ihren alten Dickkopf verloren… Das Musical My Fair Lady basiert auf dem preisgekrönten und erfolgreichen Drama Pygmalion des Nobelpreisträgers George Bernard Shaw. Shaws Drama, eine harsche Kritik an der rigiden britischen Klassengesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts, nimmt in Titel und Plot Bezug auf den Mythos des gleichnamigen Königs, der – der Frauenwelt überdrüssig – sich seine Traumfrau aus Elfenbein schnitzt und sich prompt in sein Kunstwerk verliebt. Genau wie die Sagengestalt schafft sich Higgins in Eliza sein Traumbild einer perfekten Frau – von Liebe kann hier wie da allerdings kaum die Rede sein. Eine sozialkritische Geschichte ohne liebesleidtolles Pärchen und ohne Happy End – das ist so gar nicht der Stoff aus dem die Broadway-Träume sind.

Katharine Mehrling ist Eliza Doolittle in »My Fair Lady«! Premiere 28. November! Bild: Jan Windszus Photography

Katharine Mehrling ist Eliza Doolittle in »My Fair Lady«! Premiere 28. November! Bild: Jan Windszus Photography

Dieser Umstand plus die Tatsache, dass Shaw sich Zeit seines Lebens gegen eine Musical-Bearbeitung wehrte, führte dazu, dass das Drama zunächst über die Schreibtische diverser illustrer Broadway-Größen (u. a. des renommierten Duos Rogers/Hammerstein) wanderte, ehe Alan J. Lerner und Frederick Loewe sich der Sache annahmen. Der Erfolg war also keineswegs vorprogrammiert. Die Premiere am 18. April 1956 im Mark Hellinger Theatre New York aber wurde zu einem Meilenstein in der Geschichte des Musicals. Über fast drei Jahrzehnte (bis zur Uraufführung von Andrew Lloyd Webbers Cats 1980) hielt sich My Fair Lady unangefochten auf Rang eins der Beliebtheitsskala des internationalen Musical-Publikums. Ganz unterschiedliche Gründe mögen hierfür ausschlaggebend sein: Anders als seine Vorgänger – die irgendwann entnervt aufgegeben hatten – vertraute Lerner in den Dialogen auf Shaws Vorlage und profitierte von dessen geistreichen Pointen und satirischem Witz. George Bernard Shaw hatte einem Happy-End à la Aschenputtel allerdings zwar eine Absage erteilt, aber hier lässt das Musical genretypisch Gnade vor Recht ergehen und schenkt uns einen kleinen Hoffnungsschimmer auf eine, wie auch immer geartete, positive Zukunft für das schräge Paar Eliza und Henry. Das eigentliche Geheimnis für die bis heute anhaltende Popularität des Werks findet sich allerdings wohl weder in Shaws scharfsinniger Gesellschaftskritik noch in Lerners spritzigen Dialogen sondern in Frederick Loewes genialen Musiknummern, fast jede mit echter Ohrwurmqualität. Vom walzerbeseelten „Ich hätt‘ getanzt heutʼ Nacht“ über die abstrus-beglückte Sprechübung „Es grünt so grün“ bis zum bitterbösbissigen „Wart’s nur ab, Henry Higgins“ findet sich hier alles, was das melodiendürstende Zuhörerherz begehrt und fortan nie mehr aus den Gehörgängen geschubst bekommt. Dass dahinter auch noch eine ganz und gar nicht blöde Moral von der Geschichtʼ steckt, schadet nicht! Elizas Grundsatz über den rechten Umgang mit (materiell) unterprivilegierten Mitmenschen können wir uns auf jeden Fall hinter die Ohren schreiben: „Der Unterschied zwischen einer Lady und einem Blumenmädchen liegt nicht darin, wie sie sich benimmt, sondern wie man sie behandelt.“ Also: Raus aus der Trübsal des Novembers, rein in die roten Plüschsessel der Komischen Oper Berlin, die Ohren auf und „elejant die Beine schwingen“ zu Loewes hinreißender Musik…

Geschrieben von Komische Oper

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