Foto: Gunnar Geller

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Ein riesiges Sängerensemble, eine Jazz-Band und ein mit 120 Musikern besetztes Orchester: Die Soldaten ist eine Oper der Superlative, die alle Grenzen des Genres zu sprengen scheint. Die einzige Oper des visionären Tonkünstlers Bernd Alois Zimmermann galt aufgrund ihrer spieltechnischen Anforderungen lange Zeit als nicht aufführbar und ist zu einer Ikone des zeitgenössischen Musiktheaters geworden. Nun ist Zimmermanns pazifistischer Aufschrei gegen die Unmenschlichkeit in einer von Krieg und Militarismus geprägten Gesellschaft erstmals an der Komischen Oper Berlin zu erleben – in einer Neuinszenierung des spanischen Regisseurs Calixto Bieito, der Die Soldaten als ein »großes Poem über die Dunkelheit« beschreibt.

Es waren – nicht zuletzt aus ganz praktischen Gründen – zumeist Industriehallen oder große Festspielhäuser, in denen Die Soldaten in den vergangenen Jahren zur Aufführung kam. Denn allein die Orchesterbesetzung in Zimmermanns Opus magnum ist so riesig, dass die Musiker im Orchestergraben eines »normalen« Opernhauses schlichtweg keinen Platz finden! Calixto Bieito und seine Bühnenbildnerin Rebecca Ringst machen aus der Platznot eine Tugend und lassen die ganze Bühne kurzerhand zum militärischen Hauptquartier werden – und die Musiker zu Soldaten, deren Instrumente die Waffen sind, mit denen Zimmermann in seiner Musik die Brutalität des Menschen vor Augen führt.

Verortet im zeitlosen »gestern, heute und morgen«, wie es in der Partitur heißt, erzählt Die Soldaten die Geschichte von Marie – einer jungen Frau aus einfachen Verhältnissen, die zum Spielball ihrer chauvinistischen Umgebung wird. Liiert ist Marie mit dem Tuchhändler Stolzius, doch als der wohlhabende Offizier Baron Desportes um sie buhlt, erhört sie dessen Werben in der Hoffnung auf sozialen Aufstieg. Desportes lässt Marie schließlich fallen und gibt sie damit zum Abschuss frei: Als »Hure« wird sie von Soldaten vergewaltigt und endet als gebrochene Frau am Abgrund.

Die von Jakob Michael Reinhold Lenz 1775 ursprünglich als »Komödie« ersonnene literarische Grundlage wird bei Zimmermann zum apokalytischen Trauerspiel. Er selber, im Schicksalsjahr 1918 geboren, hatte im 2. Weltkrieg an der West- und Ostfront gekämpft. Seine Oper setzt sich damit auseinander, »wie alle Personen unentrinnbar in eine Zwangssituation geraten, unschuldig mehr als schuldig«, und macht die schier grenzenlose Zerstörungskraft des Menschen durch die Jahrhunderte fühl- und hörbar. Doch trotz der Grausamkeit der von Zimmermann porträtierten verrohten Welt, in der der Geist des Militärischen bis ins Private hineinreicht, blitzt in seiner Musik immer wieder Trost auf: So verwebt Zimmermann in seiner Partitur musikalische Zitate aus verschiedenen Bach-Chorälen, die eindringlich an Menschlichkeit und Erbarmen appellieren.

Ein ergreifendes Zeitdokument der Nachkriegsjahre, das nichts von seiner Dringlichkeit eingebüßt hat – und das man nicht so leicht wieder vergisst.

»Die Entscheidung darüber, wo die Grenzen der Musik liegen, kann schließlich und schlüssig nur durch die Unternehmungen der Komponisten ermittelt werden, die jeder für sich immer wieder bestrebt sind, das Unfassbare fassbar zu machen, das Chaotische zu ordnen, das Grenzenlose zu begrenzen: ein Anliegen des menschlichen Geistes seit jeher.« Bernd Alois Zimmermann

Premiere in der Komischen Oper Berlin am 15. Juni 2014.

 

Geschrieben von Komische Oper

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