»Peter und der Wolf« Ein kulturelles Bildungsprojekt mit Willkommensklassen

Stille. Die Ohren wach, die Augen geschlossen. Die Charaktere betreten den Raum: Peter, Ente, Großvater, Vogel, Katze und Jäger. Wir können sie hören. Das Zwitschern und Flattern, Schleichen und Quaken und – oh nein! – da kommt der Wolf!

Christian Müller am Horn, Fotograf: Aurelio Schrey

Christian Müller am Horn, Fotograf: Aurelio Schrey

Doch erzählen wir von Anfang an. Am Anfang war … ein neues Land. Eine neue Stadt. Eine neue Schule. Eine neue Schrift. Eine neue Sprache. Das ist sehr viel auf einmal. Wo soll man denn da anfangen als Mädchen von 8 Jahren? Jihan kam 2017 aus Syrien nach Berlin und geht seitdem in die Kiepert-Grundschule in Berlin-Marienfelde. Seit den Herbstferien 2017 entdeckt sie mit Sarah Görlitz – Musiktheaterpädagogin an der Komischen Oper Berlin – und ihren Mitschüler*innen aus der Willkommensklasse die Geschichte von Peter, der keine Angst vor dem großen Wolf hat.

Peter ist ein Kind wie Du und ich. Nur manchmal vielleicht ETWAS mutiger. Und Peter bringt neue Wörter mit. Und Instrumente! Peter gehört zur „Geige“ – hör mal, wie er beschwingt über die Wiese hüpft. Und „Die Katze“ gehört zur „Klarinette“. Jihan und ihre Mitschüler*innen können bei ihrem ersten Besuch in der Komischen Oper Berlin sogar einmal selbst die Tonhöhe der Klarinette verändern – was für ein Moment!

Willkommenskinder, Fotograf: Aurelio Schrey

Willkommenskinder, Fotograf: Aurelio Schrey

All diese neuen Worte und die vorher noch nie gehörte Musik verbinden sich zu einem neuen Abenteuer. Die Kinder lernen zuerst die Protagonisten und die Instrumente kennen. So können erst einmal eigene Geschichten mit den Akteuren des Sinfonischen Märchens entstehen. Dabei verhandeln die Grundschüler*innen ganz spielerisch elementare Fragen ihres Menschseins – jedes Kind findet eine eigene Geschichte und sich selbst mittendrin: Bin ich Peter oder der Großvater? Lieber unschuldige Katze? Oder gehe ich auf Nummer sicher, bin Jäger und habe das Gewehr auf meiner Seite?

Neben der neu gewonnenen Sprache wird der eigene Körper dabei zu einem wichtigen Ausdrucksmittel der eigenen Emotionen. Hier darf jede*r so groß oder klein sein wie er oder sie sich gerade fühlt. Mimik und Gestik erzählen auch Geschichten, wenn die Sprache nicht mehr hinterherkommt.

Bei ihrem ersten Besuch in der Komischen Oper Berlin werden die Kinder endgültig zu Expert*innen – die Instrumente sind zum Greifen nah. Wie unterschiedlich die klingen können. Und wie lustig manchmal auch. Habt ihr gehört, wie die Katze flink auf den Baum geklettert ist und dem Wolf eine lange Nase dreht?

An der Klarinette: Daniel Gatz, Fotograf: Aurelio Schrey

An der Klarinette: Daniel Gatz, Fotograf: Aurelio Schrey

Und nachdem alle Instrumente erforscht sind, gilt es dieses riesige Opernhaus zu erkunden. Die Stühle sind so weich, als hätten sie Fell und der Kronleuchter im Saal glitzert und glänzt. Wie schwer der sein muss! Und wie viele Glühlampen da wohl reingehören? Und dann geht es sogar noch auf die Bühne. Dort wird gerade für die neue Oper umgebaut. Das ist sonst für Besucher*innen nicht erlaubt. Aber wenn alle gut aufeinander aufpassen, dann gibt es an diesem Tag eine Ausnahme. Erstaunlich, wie viele Menschen dort herumwuseln und arbeiten.

Willkommenskinder, Fotograf: Aurelio Schrey

Willkommenskinder, Fotograf: Aurelio Schrey

Erst am Schluss der kreativen Arbeit über acht Monate fügen sich die Puzzleteile bei einer zweisprachigen Aufführung des Konzertstückes „Peter und der Wolf“(Arabisch und Deutsch) in der Komischen Oper Berlin für die gesamte Grundschule zusammen. Die Schüler*innen der Willkommensklassen sind inzwischen wahre Expert*innen für dieses Stück, das sie im Vorfeld des Besuches den Mitschüler*innen erklären. So öffnen die Willkommensklassen den Regelklassen und allen Eltern die Tür zu einem gemeinsamen Besuch des Opernhauses. Und auch dann ist die Reise noch nicht zu Ende: Mit einer CD für alle Schüler*innen kann die Geschichte zuhause weitererzählt werden – entweder vom Arabisch und Deutsch sprechenden Erzähler, oder die Kinder und ihre Familien erzählen selbst.

Die Kinder der Kiepert-Grundschule haben übrigens etwas entschieden: Die Ente wird gerettet! Der Wolf hat sie ja im Ganzen verschluckt. Und während der Wolf nun im Zoo lebt, schwimmt die Ente wieder froh in ihrem Teich.

Und Jihan? Sie traut sich an diesem Tag der Aufführung gemeinsam mit Mustafa und Ahmad ins Scheinwerferlicht der großen Bühne und erklärt den vielen Hundert Zuschauer*innen wie die Instrumente heißen.

Ihr Name bedeutet „Die Welt“.

Hintergrund

Im Herbst 2018 geht das Willkommensklassenprojekt der Komischen Oper Berlin in seine dritte Saison. Die Schüler*innen nähern sich einerseits einem klassischen Stoff des westlichen Kinderkonzertrepertoires und finden andererseits künstlerische Wege, die eigene Lebensgeschichte zu erzählen, die deutsche Sprache zu lernen und ihren Körper als Kommunikations- und Ausdrucksmittel zu entdecken. Die Komische Oper Berlin führt dieses Projekt pro Spielzeit in allen Willkommensklassen einer Berliner Grundschule durch. Ausführliches Unterrichtsmaterial, u.a. auch Partituren für Schulorchester und entsprechende Workshops für Erzieher*innen und Lehrer*innen sind in Planung.

Die Förderer: Sinnstiftende Stiftungen

Die Heinz und Heide Dürr Stiftung und die Karl Schlecht Stiftung machen das Projekt „Peter und der Wolf“ durch ihre großzügige Unterstützung möglich. Beide Stiftungen haben sich zum Ziel gesetzt durch ihre zahlreichen Förderprojekte die Zukunft unserer Gesellschaft mitzugestalten. „Eine Gesellschaft kann auf Dauer nur funktionieren, wenn sich ihre Mitglieder für sie engagieren“ so fasst Heinz Dürr dieses Engagement in Worte. Und Dr. Katrin Schlecht, Vorstand der Karl Schlecht Stiftung, hebt hervor, dass Menschen insbesondere durch kreative Entwicklungschancen lernen, Vertrauen in sich und ihre Problemlösungsfähigkeit zu gewinnen.

 

 

 

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Geschrieben von Komische Oper

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