Foto aus »Die schöne Helena« © Iko Freese (drama-berlin.de)

Foto aus »Die schöne Helena« © Iko Freese (drama-berlin.de)

Ein einwöchiges Festival an der Komischen Oper Berlin zeigt die vielen Gesichter Jacques Offenbachs … (zur Festivalseite)

Wenn der Name Jacques Offenbach fällt, wirbeln vor dem geistigen Auge die Reifröcke. Es fliegen die Beine und heiter spielt das Orchester dazu die Walzerbegleitung. Und tatsächlich: Offenbachs Musik ähnelt einem Champagnerrausch. So perlend leicht und beschwingt stimmt sie, als sei sie bloß die französische Übersetzung der Losung, dass »glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist« – frei nach Offenbachs jüngerem Konkurrenten Johann Strauss. Doch mit Walzerseligkeit und Cancan-Exzess ist diesem rheinischsten aller Franzosen noch nie gerecht geworden. Zu melancholisch sind Melodien wie die Barcarole, zu beißend die Gesellschaftskritik und zu abgründig die Ängste seiner Figuren, als dass man in Offenbach »nur« den König der Opéra bouffe sehen dürfte. Einer seiner berühmtesten Zeitgenossen, Friedrich Nietzsche, erkannte das früh und notierte 1888: »Offenbach: französische Musik mit einem Voltaire’schen Geist, frei, übermütig, mit einem kleinen sardonischen Grinsen, aber hell und geistreich.«

An der Komischen Oper Berlin wird es im Februar die Chance geben, Jacques Offenbach musikalisch wie persönlich in all seinen Facetten kennenzulernen. Auf dem Programm stehen dabei neben den aktuellen Inszenierungen des Intendanten Barrie Kosky, Die schöne Helena und Les Contes d’Hoffmann, der satirische Einakter Salon Pitzelberger und die Opéra comique Fantasio, die zum allerersten Mal nach über 150 Jahren in der von Offenbach ursprünglich beabsichtigten, jedoch nie zur Uraufführung gelangten Version mit einem Tenor in der Titelrolle erklingen wird. Der Exilfranzose Dominique Horwitz führt durch die konzertante Aufführung dieses zu Unrecht vergessenen Meisterwerkes.

Über das musikalische Angebot hinaus werden führende Offenbach-Experten in begleitenden Vorträgen Details zu Leben, Werk und Rezeption des schillernden Komponisten erläutern. Mit Michael Kaye aus den USA und Jean-Christophe Keck aus Frankreich treffen sich dabei zwei herausragende Offenbach-Spezialisten, die nur selten zusammen zu erleben sind! Gerade das Rahmenprogram soll zeigen, dass der zwar oft gespielte, aber ebenso oft unterschätzte Offenbach zu den kreativsten und unangepasstesten Köpfen seiner Zeit gehörte.

Denn man muss Nietzsche Recht geben: In den Jux mischt sich bei Offenbach stets auch eine bittere Note. Das gilt im Besonderen für Offenbachs letzte und düsterste Oper Les Contes d’Hoffmann. Wenn dort im ersten Akt die optisch perfekte Puppe Olympia heiteren Non-Sense singt, ist das zwar sehr komisch, es zeigen sich darin aber auch menschliche Optimierungssucht und Narzissmus. Ähnlich ist es bei dem furiosen Einakter Salon Pitzelberger: Der neureiche Monsieur Bloumencôl möchte seine Stellung durch eine mondäne Soirée unter Beweis stellen, die aber schließlich nur sein kleinbürgerliches Denken entlarvt. Hier wie anderswo liegen scheinbar leichte Unterhaltung und bitterböse Satire untrennbar zusammen. Das Lachen bleibt im Halse stecken, während Offenbach wie in einen hohlen Zahn bohrt: nicht aber um ihn zu heilen, sondern um schließlich den Nerv zu treffen.

Nicole Chevalier in »Les Contes d'Hoffmann« - Foto: Iko Freese (drama-berlin.de)

Nicole Chevalier in »Les Contes d’Hoffmann« – Foto: Iko Freese (drama-berlin.de)

Friede den Hütten, Spott den Palästen

Der bekennende Royalist hielt der oberflächlichen Gesellschaft des Seconde Empire gerne mal den Spiegel vor. Dabei konnte allzu offensichtliche Gesellschaftskritik leicht der Zensur anheim fallen, weswegen er sich wie kein zweiter in einer subtilen und abstrakten Form des Persiflierens übte. Seine schöne Helena platzierte er in die Antike, in Fantasio schlüpft der politisch couragierte Student in die Kleider des Hofnarren, um in den königlichen Palast zu gelangen. Dass eben dieser Narr auch das Herz der Prinzessin für sich gewinnt, ist nicht nur eine besondere Liebesgeschichte, sondern auch eine politische Fabel. Fantasios Rede gegen den Krieg und für das Narrentum war besonders brisant angesichts des deutsch-französischen Krieges, der die Uraufführung des Werks um zwei Jahre verzögerte.

Offenbach wähnte sich zwar gänzlich unpolitisch, durch viele seiner Werke schimmert jedoch ein Motto, das – in Abwandlung der bekannten Büchnerschen Parole – »Friede den Hütten, Spott den Palästen« lauten könnte. Sein großer musikalischer Einfallsreichtum vertont diese Haltung spielerisch, aber niemals moralisierend mit erhobenem Zeigefinger. Das macht den Wahlpariser zu einem Weltbürger der ersten Stunde; und das in einer Zeit, in der Frankreich und Deutschland sich vor allem mit Waffen begegneten.

Als nachsichtigen Versöhner darf man Offenbach allerdings ebenso wenig missverstehen: Er prangert alles an, was ihm falsch vorkommt, vom korrupten Aristokraten über die dehnbare bourgeoise Moral (Die schöne Helena) bis zum heuchlerischen Pharisäertum des biederen Bürgers (Salon Pitzelberger). Somit weisen die Vorlieben einer so »verdorbenen« wie durchwachsenen Gesellschaft für Offenbach nur zwei große Gemeinsamkeiten auf: ihre Käuflichkeit und ihre Sinneslust. Denn in der Suche nach Amüsement sind alle Menschen gleich – und Offenbach liefert die berauschende Begleitmusik dazu. Die ist dann tatsächlich wie ein Champagner-Schwips – allerdings samt des ihm folgenden Katers.

Geschrieben von Komische Oper

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *