Fritsch, Herbert - CopyrightSabrina Zwach - Oktober 2012

Herbert Fritsch – Foto: Sabrina Zwach

Herbert Fritsch macht Oper. Nein, nicht zum ersten Mal, zum dritten Mal! Aber eigentlich kann man das gar nicht so genau sagen, denn im Grunde macht Fritsch immer Oper. Die Unterscheidung zwischen Sprechtheater – »was für ein scheußlicher Begriff!« – und Oper findet er ohnehin blöd. All sein Theater kommt aus der Musik, egal ob gesprochen oder gesungen. Und wer Fritschs Produktionen Murmel Murmel, Die (s)panische Fliege oder OHNE TITEL NR.1 – Eine Oper von Herbert Fritschan der Berliner Volksbühne schon erlebte, durfte in der Tat der Geburt der Komödie aus dem Geist der Musik beiwohnen. Das kann dann auch mal an die Schmerzgrenze gehen, der des Zwerchfells und der des gesunden Menschenverstandes, was das auch immer sein mag.

Jetzt macht sich Fritsch an Mozarts Don Giovanni, dieses »ziemlich perfekte Teil« O-Ton Herbert Fritsch, an dem sich seit über zweihundert Jahren die Theatermacher die Zähne ausbeißen.

Don Juan selbst ist noch viel älter. Seit mehr als 400 Jahren treibt er sein Unwesen auf den Bühnen der Welt. Der Feder eines spanischen Mönchs entsprungen, eroberte er im Handumdrehen die Volks- und Jahrmarktsbühnen ganz Europas. Molière kitzelte das anarchische Unterhaltungs-Potential des Egomanen hervor. Wolfgang Amadeus Mozart verlieh ihm seine Abgründigkeit, die die ganze dämonische Faszination der hemmungslosen Grenzüberschreitung spüren lässt und Don Juan als Don Giovanni zur Unsterblichkeit verhalf.

Vorab_DonGiovanni_20x30©Gunnar Geller

Don Giovanni – Foto: Gunnar Geller

Ein Dramma giocoso – ein heiteres Spiel – betitelte der Komponist das Werk, das alles andere als happy endet. Oder ist Giovannis Höllenfahrt einfach der unendliche letzte Spaß dieses inkarnierten Lustprinzips, und der inkarnierte Feigling und Durchschnittsmensch Leporello nebst all den anderen Laffen muss halt draußen bleiben? Mozarts vorletzte Oper gleicht einem musiktheatralen Frontalangriff auf jede moralische und formale Konvention, mit einer Personage, bei der man nicht weiß, ob man mit ihr lachen, weinen oder beides tun soll. Die Musik mal existentieller Tiefgrund, mal feinziselierte Spitze, ist eine Steilvorlage für Herbert Fritschs hochmusikalischen Regiestil. Er liebt Mozart und ist verrückt nach Don Giovanni. Die Beziehung ist amourös, erotisch aufgeladen und von Lust geprägt. Dass Mozarts Werk aus einer Zeit stammt, in der Künstler noch nicht viel Aufhebens um den „genialischen“ Akt des Schöpfens machten, ist Herbert Fritsch äußerst sympathisch. Da fühlt er sich seelenverwandt, denn Frisch ist alles andere als ein Einzelkämpfer. Fritsch liest seine Textvorlagen – egal ob in Worten oder in Noten – nicht vor den Proben. Er hört sie sich an, lässt sie sich vor Augen führen und dann: spielt er damit. Am liebsten nicht allein. »Ich möchte, dass alle an dieser Produktion Beteiligten mit mir spielen. Spielen ist das Gegenteil von arbeiten, und arbeiten möchte ich eigentlich überhaupt nicht.« Das Spiel soll den Prozess zum Laufen bringen, und da ist jeder gefragt. Klar, es gibt Regeln – sonst ist das Spiel ja auch langweilig – und die sind in der Oper, diesem wohl aufwendigsten Theaterspielzeug, durchaus komplex. Aber das fordert Fritsch, der das Theater seit Jahrzehnten hinter, auf und vor der Bühne kennt, erst recht heraus: »Oper ist wie Mensch ärgere dich nicht!« Und das hat er schon immer gerne gespielt. Herbert Fritsch folgt in seinen Arbeiten stets dem Lustprinzip. Und im Fall von Don Giovanni kommt alles zusammen, was Herbert Fritschs Lustprinzip antreibt und befüttert. Fritsch inszeniert nicht nach Regeln und handwerklichen Vorgaben. »Das Wichtigste beim Inszenieren ist der Instinkt« – und von dem besitzt der mit allen Theaterwassern gewaschene Regisseur eine ganze Menge. Herbert Fritsch ist kein Wunderkind, sondern der lebende Beweis dafür, dass man sich seinen kindlichen Spieltrieb auch über dreißig Jahre Theatererfahrung erhalten kann, und damit eine Welt schafft, die – komplett moralinfrei – voll ins Herz einer durch und durch prosaischen Welt trifft. »Bloß kein Alltag! Man muss sich am Stoff entzünden, bis die Flammen hochschlagen« – so Fritsch im Interview mit der Wochenzeitung DIE ZEIT. Der Vergleich mit anderen Inszenierungen, dieses »Schachspielen« um den »richtigen« konzeptionellen Ansatz, das interessiert Fritsch nicht die Bohne. Er erschafft eine Welt, die eben kein Abziehbild der schnöden Realität ist, sondern eine, die nach eigenen Regeln funktioniert. Möglicherweise verbirgt sich gerade hierin der subversive Hinweis darauf, dass all die Sachzwänge und Alternativlosigkeiten, die wir in Gesellschaft, Arbeit und Leben so selbstverständlich hinnehmen, vielleicht doch nicht die beste aller möglichen, sondern eben einfach nur irgendeine der möglichen Welten ist. Ehe man jedoch schon wieder anfängt mit all dem Theoretisieren und Zerstückeln und Handhabbar-Machen-Wollen, lässt man sich besser einfach hineinziehen in das, was sich da vor Augen und Ohren abspielt, hineintreiben in den Quatsch und die Lust und den Spaß und den Abgrund.

Geschrieben von Komische Oper

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