Die Geschwister Pfister über Holiday on Ice, die Kraft der Fiktion und die Sehnsucht nach dem Ballkleid

Geschwister Pfister

Foto: Gunnar Geller

Wann sind Sie der Operette Clivia das erste Mal begegnet?

Christoph Marti 1994 auf der Hinterbühne der Bar jeder Vernunft bei den Proben zu Im Weißen Rößl. Von Hinterbühne kann eigentlich gar keine Rede sein, damals war das schlichtweg der freie Platz hinter der Bühne. Der Geruch von gegrillten Scampi zog also vorbei, während Schauspielerlegende Walter Schmidinger anfing, von dieser Operette zu schwärmen. Er hatte sie als Kind in Linz mit seiner Mutter gesehen, und 50 Jahre später waren ihm immer noch viele Nummern daraus präsent. Einige konnte er sogar auswendig und sang sie uns mit einer solch unglaublichen Freude vor, dass wir gar nicht anders konnten, als uns mit Musik und Handlung dieser Operette auseinanderzusetzen. Wir haben damals schon heimlich eine erste Besetzung durchdacht, auch in der Hoffnung, dass auf das Rößl vielleicht die Clivia folgen könnte.

Tobias Bonn Wir hatten damals wirklich große Lust auf das Stück. Es kam dann aber nie dazu. Nach dem Weißen Rößl sind wir als Geschwister Pfister so durchgestartet, dass erstmal keine Zeit für anderes blieb.

Andreja Schneider Es lag aber damals allgemein eine große Operettenbegeisterung in der Luft. Die Bar jeder Vernunft hat mit uns darüber gesprochen, auf das Rößl tatsächlich eine weitere Operette folgen zu lassen.

Christoph Marti Aber im Gegensatz zum Weißen Rößl ist Clivia eine große Kiste. Für’s Weiße Rößl war die Bar jeder Vernunft genau der richtige Ort. Beides – Bar und Rößl– sind Orte der Gastronomie. Das ganze Zelt wurde zum »Gasthaus Weißes Rößl«. Das würde ja bei Clivia gar nicht funktionieren, ganz abgesehen von den vielen großen Chornummern darin. Das Rößl funktionierte auch sehr gut ohne Chor.

Und das schlechte Image als oberflächlicher Kitsch, das der Operette bisweilen anhaftet?

Tobias Bonn … hat uns damals überhaupt nicht gekümmert. Wir sind da wirklich total naiv herangegangen. Jemand wie Walter Schmidinger half uns dabei, unbefangen in diese Operetten-Figuren zu schlüpfen. Wir haben alles angenommen, weil wir es selbst nicht besser wussten – und Zeit zum Diskutieren gab es nicht.

Wurde in jener Zeit Ihre Liebe zur Operette geboren?

Christoph Marti Meine Liebe zum Kitsch und zur Operette hat ihren Ursprung schon viel früher – bei Holiday on Ice und den Disney-Filmen. Das hat mich als Kind tief im Innersten berührt, ohne damals genau zu wissen, woher das rührt.

Andreja Schneider Mich hat tatsächlich die Fernsehshow Erkennen Sie die Melodie sehr geprägt. Da habe ich viele Melodien aus Oper und Operette kennengelernt. Es gab tolle Szenenbilder – und vorne stand immer die Vase mit den Weidenkätzchen! Und dann wollen wir auch nicht die vielen Operettenverfilmungen vergessen, die in den 70er und 80er Jahren regelmäßig im Fernsehen ausgestrahlt wurden.

Aber haben die in ihrer übertriebenen Süßlichkeit nicht unser Operettenbild ein wenig verdorben?

Christoph Marti Als Kind nimmt man das nicht so wahr, obwohl man sich auch da schon durchaus bewusst ist, dass diese Scheinwelten künstlich sind. Es ist wie beim Turniertanz: Man weiß, dass das alles andere als natürliche Bewegungen sind. Und doch ist man fasziniert von dieser anderen, ganz eigenen Realität. Auch bei Märchen wissen wir, dass die darin dargestellte Welt nicht real sein kann. Und dennoch nehmen wir es ernst und träumen uns hinein in diese Welt. Es ist die Sehnsucht nach der Showtreppe oder dem Ballkleid. Wegen dieser Kraft der Fiktion schreibe ich Walt-Disney-Verfilmungen wie Schneewittchen, Dornröschen oder Cinderella den gleichen Stellenwert zu wie antiken Sagen oder Geschichten aus dem Alten Testament. Es beginnt mit »Es war einmal …« und bekommt seine Gültigkeit dadurch, dass wir es ernst nehmen. Wenn man die Operette ernst nimmt, kann man Leuten eine Freude machen. Wenn ich zeigen will, dass die Welt schlecht ist, mach ich kein Weißes Rößl.

Erfüllt sich mit der Clivia an der Komischen Oper Berlin also ein lang gehegter Traum?

Tobias Bonn Ja, das kann man wirklich so sagen. Das Material dieser Operette ist toll und dankbar. Die Figuren sind Prototypen, die abstruse Geschichte wird flott erzählt, und die Musik macht großen Spaß: Manche Nummern sind lyrisch, andere witzig und spritzig, die meisten sind auf jeden Fall hitverdächtig.

Christoph Marti Das Stück spielt mit Klischees und treibt sie auf die Spitze: die Figur des Filmstars Clivia mit der gesamten Hollywood-Entourage, diese ganze Liebesgeschichte mit dem Gaucho-Revolutionär Juan Damigo – das sind die alten Geschichten von Sein und Schein, das ist die Essenz des Showgeschäfts … und das Thema der Geschwister Pfister.

Eine Frau wird von einem Mann gespielt. Was bedeutet das für die Inszenierung?

Tobias Bonn Im Grunde gar nichts, und genau das finde ich das Tolle daran. Das wird nie thematisiert. Es gibt da überhaupt keine schwule Komponente. Clivia zieht nicht am Schluss des Stückes die Perücke herunter und sagt: »Hallo, ich bin’s«. Die Operette handelt von einer Liebesgeschichte zwischen einem Mann und einer Frau, und genau so erzählen wir das auch. Die Zuschauer vergessen hoffentlich nach fünf Minuten, dass die Frau von einem Mann gespielt wird.

Christoph Marti Ich denke, ich habe für die Clivia einfach mehr Mittel, als wenn ich den Götz von Berlichingen spielen müsste. Ich nehme die Rolle ernst und beschäftige mich überhaupt nicht mit diesem Geschlechtertausch. Für mich fühlt es sich falsch an, wenn dadurch noch etwas Zusätzliches entstehen soll. In unseren Shows wechseln wir drei ja permanent die Geschlechter, ohne dass sich jemand fragt, warum nun ich die Vicky Leandros spiele und nicht Andreja …

Wie ist es, auf der Bühne der Komischen Oper Berlin zu stehen? Im Vergleich zur Bar jeder Vernunft ist das ja eine ganz andere räumliche Dimension.

Andreja Schneider Ach, so ein Auftritt mit knapp 60 Chorsolisten und zwölf Tänzern hinter sich, das ist schon toll! Wobei ich gestehen muss, dass ich anfänglich ein wenig Bedenken hatte. Wir Pfisters sind Meister darin, aus Kleinem ganz Großes zu zaubern. Darin liegt der Charme unserer Shows. Da stellt sich natürlich unweigerlich die Frage, ob das auch auf einer so großen Bühne funktioniert. Die Proben haben uns gezeigt, dass es auch so geht. Und natürlich gibt es ein sehr großes Vertrauen in den Regisseur, der uns schon lange kennt und weiß, wie wir ticken.

Christoph Marti Dennoch würde ich nicht sagen, dass Clivia eine Pfister-Show in der Komischen Oper Berlin ist. Es ist schon eine Operettenproduktion mit den Geschwistern Pfister.

Tobias Bonn Der Raum einer großen Bühne lässt viel mehr an Möglichkeiten zu, aber da sind ja auch Orchester und Chor, die den Raum füllen. Und wenn Regie, Choreographie und Musik die richtige Basis bilden und das Ganze ein wenig auf uns zugeschnitten ist, dann trägt es plötzlich, und dann ist es auch nicht schwer, sich in größeren Dimensionen zu bewegen.

… und irgendwie ist ja die halbe »Familie« dabei?

Christoph Marti Ja, mit Max Gertsch, Markus Merz und Stefan Kurt spielen alte Weggefährten an unserer Seite. Unser Choreograph, unser Bühnenbildner, unsere Kostümbildnerin sind dabei, den Regisseur kennen wir seit unserer Studienzeit. Das gibt uns natürlich eine ganz große Sicherheit und bietet Entfaltungsmöglichkeiten, die wir in einem anderen Umfeld nicht in dieser Art hätten.

Premiere Clivia am 8. März 2014 in der Komischen Oper Berlin.

Das Interview führte Ulrich Lenz.

Geschrieben von Komische Oper

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