DSCF3518

Als Walter Felsenstein am 23. Dezember 1947 die Komische Oper Berlin mit Johann Straus’ Die Fledermaus – jener »Königin der Operette« – eröffnete, schrieb er im Programmheft: »Die Komische Oper hat sich die Aufgabe gestellt, die künstlerisch erlesensten und zugleich volkstümlichsten Werke des internationalen Musiktheaters aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im wechselnden Spielplan zu pflegen.« Er distanzierte sich klar von der Vorgeschichte des Hauses und stand deshalb dem Angebot der sowjetischen Militäradministration, das Metropol-Theater zu neuem Leben zu erwecken, eher ablehnend gegenüber. Erst als man ihm die Leitung einer völlig neuen Institution, eben der Komischen Oper anbot, willigte er ein – zum einen, da der Missbrauch des Metropol-Theaters durch die Propagandapolitik der Nationalsozialisten noch zu frisch war und zum anderen, da nach Ende des Zweiten Weltkrieges dem kulturelle Erbe der Zwanzigerjahre vorerst wenig Beachtung geschenkt wurde und man einen ideologischen wie ästhetischen Neuanfang anstrebte. Dennoch war die Operette unter Felsensteins Intendanz ein wichtiger Bestandteil im Spielplan des Hauses. Offensichtlich zählten die Werke des Genres für den Gründer ebenfalls zu den »erlesensten« Werken der Musiktheaterliteratur, gilt doch zum Beispiel seine Inszenierung von Jaques Offenbachs Ritter Blaubart bis heute zu den legendärsten Produktionen des Hauses.

Obwohl dem Musiktheater schon seit frühester Kindheit meine besondere Leidenschaft gilt und ich mich auch beruflich in diese Richtung entwickeln möchte, hielt sich mein Interesse für die Operette lange Zeit eher in Grenzen. Stand eine solche auf dem Spielplan oder wurde eine Aufführung im Fernsehen übertragen, habe ich mich nie wirklich angesprochen gefühlt. Vielmehr hatte ich das Gefühl, es ginge vor allem darum, den verklärten Wünschen einer Publikumsgeneration nachzukommen, die der meinen um Dekaden entfernt ist. Zum anderen hatte ich oft den Eindruck, dass in den vergangenen Jahrzehnten häufig versucht wurde, in den Operetten-Libretti nach einer gewissen Tiefgründigkeit zu suchen, um den vermeintlich wahren Kern der Stücke zu »entlarven«. Folglich positionierte man sich gegen die klassische Darstellungsform und ließ für das Genre eigentlich charakteristische Elemente wie visuelle Opulenz, Tanzensemble oder temporeiche, dem Witz verschriebene Dialoge schlicht und einfach weg.

Erst durch die Arbeit von Barrie Kosky hat sich mir die Operette erstmals wirklich erschlossen. Sich zur Oberflächlichkeit bekennend, sie jedoch gleichzeitig mit höchster Präzision und Ernsthaftigkeit auf die Bühne bringend, hat er das zu großen Teilen in Vergessenheit geratene Genre wieder zu einer Kunstform gemacht, von der sich nicht zuletzt das jüngere Publikum angesprochen fühlt. Für mich treffen Stücke wie Ball im Savoy, Die schöne Helena oder Eine Frau, die weiß, was sie will! unseren heutigen Zeitgeschmack mehr denn je. Die »Goldenen 20er« avancieren zur Sehnsuchts- und Bezugsepoche meiner Generation – nicht zuletzt, da unser heutiges Lebensgefühl dem der damaligen Zeit in vielem ähnlich ist. Nachdem Berlin in den Zwanzigerjahren zu einem der wichtigsten kulturellen und gesellschaftlichen Zentren Europas wurde, erlebt es nun nach Besatzung und Teilung eine Renaissance, die stark an jene Zeit vor 100 Jahren erinnert. Die Stadt ist hip; junge Menschen zieht es in Massen an die Spree, unter ihnen nicht zuletzt Kunstschaffende und Kreative aus aller Welt. Als Kinder der Globalisierung verstehen wir uns mehr denn je als Weltbürger und Kosmopoliten und saugen an Knotenpunkten wie Berlin die Einflüsse verschiedenster Kulturen und gesellschaftlichen Strömungen auf, wo wir nur können. Erneut setzen wir uns intensiv mit Themen wie sexueller Vielfalt und Freizügigkeit oder der Infragestellung konservativer Geschlechterrollen auseinander, die in den Zwanzigerjahren wie noch nie zuvor öffentlich diskutiert wurden. Dieser Diskurs lässt sich nicht zuletzt in den Operetten der damaligen Zeit nachspüren, wenn Daisy Darlington ihre falsche männliche Identität auf dem Ball im Savoy ablegt, um endlich als weibliche Jazzkomponistin wahrgenommen und anerkannt zu werden oder die junge Lucy in Eine Frau, die weiß, was sie will! ihrem Vater das Weltbild der »Mädels von heute« schildert. In den Stücken lassen sich also Texte und Situationen finden, die das Lebensgefühl und den Zeitgeist der Menschen vor einem Jahrhundert genauso widerspiegeln wie den heutigen – umrahmt von einem Wirbel aus Pailletten und viel nackter Haut das perfekte Unterhaltungspaket.

Beim Operettensymposium der Komischen Oper Berlin sollen unter anderem jene Prallelen zwischen unserem heutigen Erleben und dem Zeitgeist der »Goldenen Zwanziger« in Diskussionsrunden wie Operetta’s Critical Engagements? #1: Bodies and Gender thematisiert werden und ich freue mich sehr, am kommenden Wochenende Zeuge eines weiteren wichtigen Schrittes auf dem Weg zur längst überfälligen Renaissance der Operette zu werden.

von Johannes Oertel

Geschrieben von Komische Oper

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *