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Clemens Risi, Marion Linhardt, Ryan Minor, Tobias Bonn, Helmut Baumann, Agnes Zwierko und Johanna Wall bei der Podiumsdiskussion

Auf der zweiten großen Podiumsdiskussion des Operettensymposiums der Komischen Oper Berlin trafen die Wissenschaftler Marion Linhardt (Universität Bayreuth) und Ryan Minor (Stony Brook University New York) mit den Künstlern Helmut Baumann (Schauspieler und langjähriger Intendant des Theaters des Westens; Mustafa Bey in Ball im Savoy), Tobias Bonn (Geschwister Pfister; Juan Damigo in Clivia) und Agnes Zwierko (Sängerin; Tangolita in Ball im Savoy) zusammen. In einem äußerst fruchtbaren Gespräch setzten sie sich mit den Fragen auseinander, was es heutzutage denn zum Operettenstar braucht und wie sich Operette in unserer Zeit inszenieren lässt.

Die konstruktive Kritik von Ryan Minor am Inszenierungsstil der derzeitigen Operettenproduktionen der Komischen Oper Berlin wurde zum zentralen Thema der Diskussion, dem auch mein besonderes Interesse galt. Denn selbstkritische Reflexion, sowie Annahme von äußerer Kritik ist für die Lebendigkeit eines Theaterbetriebes von großer Wichtigkeit. Hauptkritikpunkt im Statement von Ryan Minor waren die seiner Ansicht nach fehlenden Konzepte in den Operetteninszenierungen im Vergleich zu den Opernproduktionen des Hauses. Die Produktion von Ball im Savoy in den Fokus nehmend, vermisst er eine Bezugnahme der Inszenierung auf das Schicksal Paul Abrahams, der nach Machtergreifung der Nationalsozialisten gezwungen war, ins amerikanische Exil zu gehen. Das abschließende Lied »Good Night« stelle zwar eine gewisse Reflexion dar, die in der Aufführung selbst jedoch nicht stattfinde. Hingegen empfindet er die Produktion als relativ konventionell – ein Darstellungsstil, der aus seiner Erfahrung eher untypisch für die Aufführungen der Komischen Oper Berlin außerhalb der Operette sei.

OS_020In der auf diese Stellungnahme folgenden Diskussion wurde vor allem die Frage erörtert, was genau ein Konzept denn sei. Helmut Baumann erklärte die Bekennung zur Operette als Unterhaltungstheater und die »Abbildung der Gesellschaft der 20er Jahre, um das Lebensgefühl des Tanzes auf dem Vulkan mit all seiner Hoffnung, Freude, Vielfalt, Fortschrittlichkeit, aber auch Gefahr heute wieder erfahrbar zu machen« als wichtige Grundintentionen von Barrie Koskys Regiearbeit bei Ball im Savoy. Dem Stück treu zu bleiben und als das zu zeigen, was es ist – ein facettenreiches Unterhaltungsfeuerwerk mit für die damalige Zeit enorm modernen Texten aus der Feder eines deutsch-jüdischen Komponisten – ist das Konzept dieser Aufführung.

Auch ich glaube, dass sich das Vorhandensein eines Regiekonzeptes nicht nur dadurch zeigt, inwiefern ein Stück um eine weitere, vermeintlich tiefere Ebene erweitert oder ein reflektierender Bezug zu unserem heutigen Erleben hergestellt wird. In der kreativen Auseinandersetzung mit einem Stück gibt es und darf es meiner Meinung nach kein Richtig oder Falsch geben. Sowohl Barrie Koskys Ball im Savoy, als auch Peter Konwitschnys Land des Lächelns, Operettenaufführungen an der Komischen Oper Berlin, wie sie verschiedener nicht sein könnten, sind beide von hohem künstlerischem Wert. Einzige Messlatte einer Produktion sollte die Qualität der künstlerischen und musiktheatralischen Arbeit, sowie die Ernsthaftigkeit und das handwerkliche Vermögen aller Beteiligten bei der Auseinandersetzung mit dem Stoff sein. Alles weitere ist, so glaube ich, eine Frage des persönlichen Geschmacks, denn verschiedene Herangehensweisen sind für die ästhetische Vielfalt am Theater von fundamentaler Wichtigkeit. Ständiges Hinterfragen der eigenen Arbeit und die Beschäftigung mit verschiedenen Meinungen und Ansichten gehören zu den andauernden und notwendigen Herausforderungen der Theaterarbeit.

Johannes Oertel (Dramaturgie-Hospitant Komische Oper Berlin)

Geschrieben von Komische Oper

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