Seit 2008 ist das Komische Oper Festival eine Tradition zum Spielzeitfinale. Vom 11. bis 16. Juli sind noch einmal alle Premieren der Saison an sechs aufeinanderfolgenden Tagen zu erleben. Das Festival bietet Opernrausch für alle: Jedes Werk – von der Barockoper bis hin zum zeitgenössischen Musiktheater – wird umspielt von Musik und Begrüßungsdrinks im Foyer, unter die Lupe genommen in Hinblick auf seine tiefere Bedeutung und in einen kulturellen und gesellschaftlichen Zusammenhang gesetzt. Große Fragen rund um das Thema „Kontrolle und Macht“ umrahmen das diesjährige Festival und bietet den Zuschauern die Möglichkeit, sich tief in die Materie fallen zu lassen. Mit einem Programm aus Vorträgen vor den Vorstellungen sowie Diskussionsrunden mit den Künstlern danach entsteht die einzigartige Gelegenheit, die Werke noch intensiver zu erleben und ins Gespräch zu kommen.

Das diesjährige Opern-Buffet könnte kaum abwechslungsreicher sein! Ob champagnerperlende Operette, beliebter Opernklassiker oder intensive Neukreation, die Aspekte „Kontrolle und Macht“ durchziehen bei genauerer Betrachtung alle Werke: Von der dominanten, doch charmanten ägyptischen Leading Lady in Oscar Straus’ Operette »Die Perlen der Cleopatra« über den sadistischen Puppenspieler in Strawinskys »Petruschka« und das widerspenstige Kind in Ravels »L’Enfant et les Sortilèges«, das in einem gigantischen Wutausbruch der mütterlichen Führung zu entkommen versucht, bis zum erbitterten Stellungskrieg um ein Stückchen Vorstadtrasen in Jean-Philippe Rameaus Barockoper »Zoroastre«.

Mit seiner Neuinterpretation des beliebten Rossini-Klassikers »Il barbiere di Siviglia« hat Kirill Serebrennikov, einer der mutigsten und aktuell meistdiskutierten Regisseure Russlands, eine Inszenierung geschaffen, die brandheiße Fragen unseres digitalisierten Lebens aufwirft. In dieser Oper verteidigt der alte Bartolo, der sich einbildet, sein junges, hübsches Mündel Rosina voll in der Hand zu haben, mit Macht den Status quo – wobei er nicht einmal ahnt, welche neuen Kommunikationskanäle einer jüngeren Generation zu Gebote stehen. Ob die gute alte Zeit, in der sich Bartolo so gemütlich eingerichtet hat, uneingeschränkt erhaltenswert ist, darüber kann im anschließenden Publikumsgespräch unter dem Titel »Gibt es sie noch, die guten alten Dinge?« u. a. mit Philipp Meierhöfer (Bartolo) geplaudert werden.

In der Barockoper »Zoroastre« von Jean-Philippe Rameau, vom aufsteigenden Regie-Star Tobias Kratzer inszeniert, geht es um den ganz großen Kampf zwischen Gut und Böse. Was als kleiner Vorgartenzank beginnt, wächst sich in fünf Akten zum erbitterten Territorialkonflikt aus. Klar, dass am Ende der gewinnt, der ordentlich seinen Müll trennt und sich durch Yoga-Stunden in Balance gebracht hat. Der biersaufende Kerl mit der vergammelten Pizza in der Spüle hat‘s ja nicht besser verdient … Zu welchem Preis allerdings die Weltherrschaft des Saubermanns errungen wird, das bleibt bis zuletzt die Frage.

Emotionaler Höhepunkt des Festivals ist die tiefbewegende Oper »Medea«. Der Berliner Komponist Aribert Reimann hat eine Frauenfigur geschaffen, die nicht nur der Interpretin Übermenschliches abverlangt, sondern auch die Zuschauer fordert: eine intensive Opernerfahrung, die erst verarbeitet sein will – und der Festivalrahmen bietet die ideale Gelegenheit: Im Anschluss an die Vorstellung ist Reimann persönlich im Haus an der Behrenstraße für den Austausch mit dem Publikum zugegen.

Den Bogen des Festivals schließt Modest Mussorgskis »Der Jahrmarkt von Sorotschinzi« in der Inszenierung von Intendant und Chefregisseur Barrie Kosky. Ein ganzes Dorf wird in der Oper vom eigenen Aberglauben unter der Knute gehalten. Jedes Jahr, so glauben die Dorfbewohner, geht der Teufel um und sucht sie in Gestalt eines Schweins heim.

Das Festival bietet die vorerst letzte Gelegenheit »Medea«, »Der Jahrmarkt von Sorotschinzi« sowie »Zoroastre« zu sehen – sie stehen in der kommenden Spielzeit nicht auf dem Spielplan. Für diese Aufführungen sind derzeit noch Karten verfügbar und auch für »Il barbiere di Siviglia«. Reichlich Abwechslung auf dem Opern-Buffet also, zum Probieren ebenso wie zum intensiven Genießen!

 

Geschrieben von Komische Oper

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *