Eine Besonderheit des dritten Symposiums-Tag war, dass die Vormittagssitzungen auf Englisch stattfanden. Schließlich ist die Gesamtveranstaltung eine Kooperation mit der Universität von Chicago sowie dem Magazin The Opera Quarterly. Deshalb kam auch endlich mein Besuch aus New York, der Musical-Experte Richard C. Norton (Autor der Chronology of American Musical Theater), mit zu den Vorträgen. Nachdem er sich schon die ganze Palette der Operettenaufführungen beim Festival selbst angeschaut hatte und über die »Ausländerfreundlichkeit« der Komischen Oper gestaunt hatte: einfaches englischsprachiges Navigieren der Website beim Kartenkauf, englische Inhaltsangaben in den Programmheften, englischsprachige Untertitel bei allen Aufführungen, inklusive die kompletten Dialogszenen. Er meinte nur: »I love it!«

Am letzten Symposiums-Tag standen »Bodies & Gender« auf der Tagesordnung. Bonnie Gordon von der University of Virginia hielt einen faszinierenden Vortrag über Operette im Paris der 1860er Jahre, sprach über Emil Zola, dessen Roman Nana und die »blonde Venus«, die sie mit Offenbachs Schöner Helena gleichsetzte und beide als Vorläuferinnen der »schwarzen Venus« Josephine Baker interpretierte. Die Betonung von »ethnischen Aspekten« fand ich extrem interessant, weil das ein Punkt ist, mit dem sich in Deutschland kaum jemand im Operettenbereich beschäftigt. Aber Richard Norton meinte: »Die Diskussion über Rasse und Gender hätte ich, ehrlich gesagt, auch in den USA hören können. Bonnie Gordon hat viele Punkte vorgetragen, die mir von zuhause vertraut sind. Den nachfolgenden Vortrag von Tobias Becker zum Metropoltheater hatte ich gerade auf Englisch in seinem neuen Buch gelesen. Deshalb hätte es mich als Besucher aus Übersee mehr interessiert, die beiden Referate zum Nationalsozialismus auf Englisch zu hören, denn so etwas ist in den USA überhaupt nicht verfügbar.«

Das ist eine schwierige Entscheidung für die Organisatoren – wen will man mit was erreichen? Da ich selbst den Vortrag über Operette in der NS-Zeit gehalten habe, zusammen mit Matthias Kauffmann, der zu Heinz Hentschke und dessen Metropoltheater-Revueoperetten von 1934-44 sprach, hätte ich mich logischerweise gefreut, wenn Richard Norton und die anderen anwesenden Amerikaner und Engländer zu diesem spezifisch deutschen »Problembereich« etwas hätten hören können. Aber es sollte nicht sein; vielleicht ändert daran die geplante Buchveröffentlichung etwas, falls diese zweisprachig werden sollte. Damit auch Leser in den USA und UK an den Debatten und Erkenntnissen teilhaben können, die Gegenstand des Symposiums waren.

Einer der besten Sätze der Tagung fiel übrigens in diesem englischen Teil. Als es um Erotik in Operetten ging, meinte Tobias Becker, die Charaktere seien meistens »oversexed, but underfucked«! Interessant an der »oversexed/underfucked«-Feststellung ist, dass in den Ur-Operetten Offenbachs einige der berühmten Heroinen durchaus durchgevögelt werden, und zwar im Stück, teils sogar auf offener Bühne zu Musik: man denke an das Traumduett in der Schönen Helena und das Fliegenduett aus Orpheus in der Unterwelt. Erst später, nach 1870, setzte sich das »underfucked«-Prinzip durch, als Operetten prüder wurden und sich zunehmend an ein bürgerliches Publikum mit weniger lockeren Moralvorstellungen wandten. Was sich auf die Aufführungspraxis von Offenbach-Stücken niederschlug.

Auch die anderen englischsprachigen Vorträge waren faszinierend. Besonders ungewöhnlich war der von Christopher Morris von der National University of Ireland. Er sprach über Lehárs Metropoltheateroperette Schön ist die Welt und Berge bzw. Bergfilme der 1920er Jahre. Das Einbeziehen von Alpenvereinen in die Diskussion war eine echte Bereicherung und lies mich sofort sein Buch Modernism and the Cult of Mountains: Music, Opera, Cinema bestellen.

Richard C. Norton (rechts) im Gespräch

Nach Beiträgen von Arman Schwartz (University of Birmingham), Heather Wiebe (King’s College London) und Flora Willson (King’s College Cambridge) entwickelte sich eine muntere Diskussion mit vielen englischsprachigen Gästen im Zuschauerraum. Dabei kam auch die Londoner Fassung von Paul Abrahams Ball im Savoy zur Sprache. Das Stück wurde im West End als Mother of Pearl gespielt. Allerdings nur mäßig erfolgreich. Man merkte den Teilnehmern an, dass sie gern länger und ausführlicher diskutiert hätten. Was sie dann in der Mittagspause in der Kantine taten, in kleinen Gruppen.

Einige blieben anschließend zum zweiten Teil des Tages, und auch wenn sie von den deutschen Vorträgen dort nur wenig verstanden, erfreute sie Matthias Kaufmann mit bemerkenswerten Nacktaufnahmen von Tänzerinnen und (!) Tänzern aus den Programmheften der Hentschke-Revuen. Besonders der muskelstrotzende Männerakt war verblüffend und wird demnächst veröffentlicht, wenn Kaufmanns Dissertation zu Hentschke im Druck erscheint.

Ganz am Ende des langen, intensiven Tages – nach einer berauschenden letzten Aufführung von Clivia in dieser Spielzeit, mit den Geschwistern Pfister in Top-Form – erwähnte Organisator Clemens Risi bei der Abschlusspodiumsdiskussion, dass es in Amerika zwar akademische Konferenzen gäbe, diese aber nie angebunden an praktische Theaterinstitutionen abgehalten würden. D.h. eine Cross-Over-Veranstaltung wie jetzt an der Komischen Oper Berlin, wo man etwas zu den Stücken hört und diese anschließend in Live-Aufführungen erleben kann, gibt es in den USA nicht. Ein Grund mehr, für viele Operettenfans aus den Vereinigten Staaten nach Berlin zu kommen. Vielleicht kann man ihnen beim nächsten Symposium mehr Vorträge auf Englisch anbieten und sie so intensiver einbeziehen?

Mein Freund Richard ist allerdings, so oder so, von den Operetten, die er in Berlin sah, begeistert und hat sich etliche Stücke gleich mehrmals angeschaut. Denn wo, wenn nicht an der Komischen Oper, ist die Tradition von »oversexed« Operetten derart lebendig? (In Amerika würde sich das kein Theaterdirektor trauen.) Am »underfucked« Punkt wird Barrie Kosky mit seinen im Symposium mehrfach diskutierten Kosky-Boys (als zeitgenössische Variante der Tiller Girls) in Zukunft vielleicht noch arbeiten. Man sollte schließlich nicht gleich sein ganzes Pulver beim ersten Operettenfestival und Operettensymposium verschießen.

Geschrieben von Komische Oper

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