Opernrausch: Ein Feldforschungstagebuch zum Festival der Komischen Oper Berlin 2017

Eintrag vom 17. 07. 2017 »Der Jahrmarkt von Sorotschinzi«

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Wie bereite ich mich vor: Gar nicht. Heute lasse ich mich komplett überraschen.

Wen nehme ich mit: (Leider!) nur in Gedanken meinen Opernfreund Eike, mit dem ich hoffentlich in der nächsten Spielzeit die ein oder andere Vorstellung besuchen werde (Was meinst Du, Eike? Philip Glass, Händel, Offenbach? Oder nochmal Cleo-, Cleo-, Cleopatra? Sagste Bescheid!) …

Was ziehe ich an: Schwarzes Kleid, dunkelrote Stiefel, Kontaktlinsen statt Brille. Ganz schick eigentlich. Aber meine Haare: volle Kanne Katastrophe. Machen heute, was sie wollen und das ist: müde herunterhängen. Kein Pepp, kein Schwung, kein Glanz. Drückt sich meine Erschöpfung zum Ende des Festivals in meinen Haaren aus? Ach, ne … die wollen einfach dringend zum Barbiere!

Eine Woche voller »Wunderbars«

Eine Woche voller »Wunderbars«

Es hat sich ausgerauscht. Finito. Over. Aus. Meine Woche voller Opernabende ist gestern zu Ende gegangen. Sechs Abende voller Musik, Gesang und Tanz durfte ich erleben, die volle Dröhnung Oper eben, und ich fühle mich heute tatsächlich fast so, als hätte ich eine Sauftour gemacht. Die Glieder schwer, die Stimmung leicht melancholisch und eine Stimme in meinem Kopf sagt: »Das machste jetzt aber so schnell nicht noch einmal.« Aber natürlich werde ich es wieder tun. Ich werde wieder in die Oper gehen, zur neuen Spielzeit dann, die Satyagraha Premiere habe ich schon fest eingeplant.

Als ich mit Christian von der Onlineredaktion über die Idee sprach, eine Feldforschungsreise während der Festivalwoche zu machen, war uns beiden klar, dass das Experiment nur funktionieren kann, wenn ich jede Freiheit habe, was Gestaltung und Inhalt meiner Blogeinträge betrifft. Ich bin keine Journalistin, geschweige denn fähig, Opernkritiken zu verfassen, ich schreibe, das schon, aber hauptsächlich literarisch. Es war mir deshalb gar nicht anders möglich, als ganz subjektiv auf die Festivalwoche zu schauen, mit meinem persönlichen Geschmack und den mir eigenen Mitteln, als neugierige, aber opernunerfahrene Zuschauerin. Und ich sag Ihnen etwas: Vorwissen, musikalisches Verständnis, Erfahrung ermöglichen sicher einen ganz anderen Blick auf die Inszenierungen, aber man braucht das alles nicht, um sagen zu können: »Es hat mir gefallen.« Oder: »Das war Grütze.« Oder: »Ganz nett, aber zu lang.« Am Ende muss man sich eben auf das Gefühl verlassen, das ein Opernabend in einem auslöst.

Copyright: Harald Geil

Keine Ahnung von Oper, aber immerhin ’ne Platte von Bach

Gestern bei Der Jahrmarkt von Sorotschinzi in der Regie von Barrie Kosky war meines allerdings gar nicht so eindeutig wie an so manchem der Opernbesuche zuvor. Zum Motto »Rausch« passte der Abend aber allemal: In Mussorgskis unvollendeter Oper (nach Bearbeitung uraufgeführt 1932 in Moskau) wird im Laufe eines Tages und einer Nacht gesoffen, dass die Schwarte kracht. Nicht nur die bevorstehende jährliche Rückkehr eines Teufels in Schweingestalt versetzt die Bewohner des Dorfes Sorotschinzi in Angst und Schrecken, die Hölle, das sind eben mitunter auch der eigene nichtsnutzige Ehemann oder die missgünstige Stiefmutter. Schon dass besagter Teufel nicht DER Teufel ist, sondern EIN Teufel, zeigt ja: Es gibt derer viele.

Das hat alles Schwung und schaut toll aus, vor allem an der Stelle, wo der vom Liebeskummer geplagte Bauernbursche Grizko von einem »Hexensabbat« mit marschierenden, auf Stelzen laufenden Schweinen träumt (großes Kompliment auch an die Ausstattung an dieser Stelle!), oder auch wenn sich »Desperate Housewife« Chiwrja und ihr Geliebter in den von ihr zubereiteten Köstlichkeiten wälzen, eine erotische Küchenschlacht… Absolutes Highlight jedoch: Die wunderschönen Chorstücke. Diese wurden von Regisseur Barrie Kosky allerdings ergänzend hinzugefügt und stammen aus Mussorgskis Liederzyklus »Lieder und Tänze des Todes«.

Copyright: Harald Geil

Die sind es dann doch nicht geworden

Mir bleibt das dörfliche Treiben trotzdem etwas fremd. Ich bin und bleibe wohl einfach ein Stadtkind. Oder bin ich zu abgelenkt, weil ich permanent auf die Übersetzungsanlage schielen muss, schließlich wird auf Russisch gesungen? Vielleicht würde mir auch ein kräftiger Schluck aus der Wodkaflasche helfen. Hackevoll in der Oper – auch eine Idee für den Blog?!

Nach dem Schlussapplaus dann noch Verabschiedung des scheidenden Generalmusikdirektors Henrik Nánási: Das Orchester bringt ein Ständchen, Barrie Kosky dankt und grüßt aus Bayreuth via Videobotschaft und Kultursenator Klaus Lederer findet herzliche Worte. Auch ich mache jetzt die Biege. Und sage ganz einfach mal: Danke für’s Lesen, wir sehen uns! In der Komischen Oper Berlin. Denn, davon bin ich wirklich überzeugt, hier ist für fast jede*n etwas dabei – außer natürlich, man denkt sich: »Müssen die denn singen?!« Dann geht man natürlich besser ins Konzert. Gibt es ja auch.

Haben Sie einen schönen Sommer!

Ahoi,

Nora

Geschrieben von Komische Oper

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